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8. Teil. Aufbruch zur Hölle


Wir saßen im Intercity nach München. Von dort sollte es weiter nach Jugoslawien gehen. Meiner ungewissen Zukunft entgegen. Mir war etwas unwohl, weil ich nicht wußte, was jetzt wie weitergehen würde. Aber das wurde in diesem Moment alles überdeckt durch die Freude, endlich wieder bei meiner Mama zu sein. Ich war besorgt aber gleichzeitig glücklich. Ich saß im Zugrestaurant und aß meine geliebten Spaghetti Bolognese und trank wunderbar süße Cola. Der Zug rollte und ich lachte über den bayerischen Dialekt einiger Fahrgäste. Meine Mutter erklärte mir ganz stolz, daß es in Jugoslawien alles viel besser für mich sein würde, weil die Menschen dort viel netter und freundlicher wären.

Und da bekam ich meinen ersten innerlichen Ausraster. Netter? Freundlicher? Dort? Und da wurde mir bewußt, was ich alles verloren habe. Auf ein mal begann ich, mein sonst so verfluchtes und innig gehasstes Internat zu vermissen. Es war schon etwas nach 20:00 Uhr und ich wollte eigentlich ins Bett. Aber ich war im Zug. Was passiert hier nur…

Meine Mutter war überglücklich und erzählte mir, daß ihr Knastfreund in Hamburg alles regeln würde, damit Mama bald nachkommen kann. Wir, also Mama, meine Schwester und ich würden sehr glücklich in Jugoslawien werden, wo man Familie so hoch hält. ich bekam fast das kotzen. „Warum um alles in der Welt habe ich mich nur darauf eingelassen,“ fragte ich mich. ich konnte es nicht mehr verstehen. Aber vielleicht würde dann wirklich alles gut werden, wenn Mama endlich für immer da wäre… Ich wußte es nicht. ich wußte nur, daß im Moment alles so gut war, wie lange nicht mehr. Mama war da, und weder meine Schwester noch meine Mutters Lover waren da. Ich hatte sie ganz für mich alleine und sie kümmerte sich rührend um mich. Ich war tatsächlich glücklich. Oder? War da nicht ein kleines fieses bohrendes Tierchen, daß an meinen Empfindungen nagte? So ein kleines mieses Tierchen, daß mich warnen wollte? Eines, daß immer wieder zwickte und bohrte? Hämmerte und klopfte? Mal stärker und mal sanfter aber immerzu? Ja. So ein Tierchen war tatsächlich da. Und wißt ihr was? Es tat immer mehr weh, weil es immer wieder an die gleiche Stelle schlug und biss. An den Teil in mir, der Angst hatte. An den Teil in mir, der genug davon hatte, ewig von Ort zu Ort geschleppt zu werden. An den Teil von mir, der Gewissheit haben wollte. Darüber, wo ich hin gehöre.

Und der Zug rollte und rollte. Auf ein mal war es gar nicht mehr so angenehm in diesem Zug. Und immer diese Kommentare meiner Mutter, daß wir bald aus dem verfluchten Deutschland raus wären. Und in dem Moment wußte ich, daß ich tief verletzt wurde. Deutschland hat mir von Anfang an viel mehr gegeben, als die ach so netten und freundlichen Menschen in Jugoslawien, von denen ich selten etwas gutes zu erwarten hatte. Und das sollte jetzt auf ein mal alles anders werden? Das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Aber jetzt war es zu spät. Wir waren unterwegs und mein Untergang war nicht mehr aufzuhalten. Ja. Es sollte ein Untergang werden, aus dessen Trümmern ein viel zu schnell erwachsen gewordener Junge entsteigen würde. Zum Glück konnte ich das nicht wissen. Sonst wäre ich durchgedreht.

Was sich liest wie ein Ausschnitt aus einem dramatischen Filmdrehbuch ist tatsächlich das, was ich erlebt habe und euch hier aufschreiben möchte.

München. Hauptstadt von Bayern und der letzte Bahnhof, in dem meine Füße deutschen Boden berühren sollten. Für viel zu lange Zeit.

Wir stiegen um. Ich sog die rauchige Luft ein. Sie war vermischt mit Essensgerüchen aber auch mit frischer Luft. Ich wußte irgendwie, daß ich so etwas nie wieder riechen würde. Für mich war klar, daß es für mich diesmal keine Rückkehr geben würde. Die Polizei würde sicher schon nach mir suchen und wenn meine Mutter jetzt mit mir umkehren würde, dann würde ich sie nie wiedersehen. Und so hatte ich wenigstens die Chance, daß alles noch irgendwie gut wird. Also fügte ich mich und ging neben meiner Mutter her zu dem Zug, der uns nach Jugoslawien bringen würde.

Im Zug sprach kaum noch einer deutsch. ich war eigentlich schon in Jugoslawien angekommen. ich wollte raus. Raus raus raus… Aber ein Ruck und….. Die Reise begann erneut. Weg von allem, was ich so gehasst…..so geliebt habe…

Ich schlief, wachte auf, schlief, wachte auf… Immer hin und her. Am Morgen waren wir dann in Zagreb angekommen und ich dachte an meine erste Verschleppung nach Jugoslawien. Dort war ich ja auch schon in eine Schule gegangen. So schlecht war es da ja eigentlich nicht. Oder? Ich glaube, ich habe es verdrängt. Egal. Nicht denken. Einfach mitmachen. Und der Zug fuhr weiter.

Am Abend kamen wir dann dort an, wo ich diesmal zur Schule gehen sollte. In Sarajevo. Olympiastadt Sarajevo mit dem Wolf. Mein Gott was für Menschen waren da… Bosnier. Plumpe Menschen mit einer noch plumperen Sprache. Oh ja. Bosnier haben eine verdammt plumpe Art, miteinander und mit anderen umzugehen. Und die Sprache ist eine Beleidigung für all diejenigen, die auch nur etwas Bildung im Leben genossen haben. Ich begann, diese Sprache zu verabscheuen.

Ein „Ey alter“ in Deutschland ist ein „Ey du alter Hurensohn“ (übersetzt) in Bosnien. An Stelle von „Du Teufelskerl“ benutzen sie Sätze wie: „Ich fick dir Gott. Das hast du wirklich gemacht? Der Teufel hat dich gefickt.“ Rauhes lachen rundete alles ab. Ja, das waren Bosnier. Und da war auch ich jetzt. Mein Gott…

Wir waren bei einer Familie zu Gast, die meine Mutter von irgendwo her kannte. Der Hausherr hieß Sudo, die Hausherrin hieß Suncica und die Tochter, die etwa in meinem Alter war hieß Sanja. Sie waren sehr nett und dann wurde mir auch klar, wieso. Sie waren keine Bosnier sondern Serben. Die mochte ich zwar auch nicht, aber sie zählten zu der etwas gehobeneren Klasse und benutzten keine Kraftausdrücke. Das tat mir sehr gut.

Die erste Nacht dort habe ich tief und traumlos geschlafen. Ich wünschte mir im Nachhinein, nicht aufgewacht zu sein, denn was ich dann mitbekam, war der Beginn der Hölle.

Wir frühstückten. Das Frühstück dort war eigentlich bloß Brot mit Jagdwurst. Gewöhnungsbedürftig aber es war essbar und das war schon was. 🙂 Und dann begann es. Meine Mutter rief in Deutschland an. Sie hatte das Internat angerufen und verkündete lautstark, daß ich nie wieder zurückkehren würde. Nie wieder, und ob sie das verstanden hätten. Ich wollte schreien. ich wollte sagen „Nein, nicht so vorschnell. Warte doch erst mal ab. Bitte tu das nicht. Bitte…“ Aber ich war nicht in der Lage dazu. Es war einfach alles zuviel für mich. Ich war erst 10 und all die Ereignisse waren einfach zuviel. Und so hörte ich mit an, wie meine Mutter eine meiner Brücken nach der anderen einzureißen begann. Irgendwann war es vorbei und im Raum war es totenstill. Ich weinte leise. Ganz leise…

Meine Mutter verstand das völlig falsch und sagte mir, daß die bösen deutschen mir nichts mehr tun könnten. ich wäre jetzt in Sicherheit und alles würde gut werden. Mein Gott… Hatte sie denn überhaupt keine Ahnung, was in mir vorging?

Die hatte sie wohl nicht. Die Tage verstrichen und ich freundete mich mit Sanja sehr gut an. Es war alles etwas zur Ruhe gekommen.

Und dann kam der Tag, an dem ich das erste mal die Schule dort besuchte. Das war sie also. Die Blindenschule in Sarajevo. Ein Gelände mit mehreren Häusern. Die Kinder dort waren wirklich nett, aber ich konnte mich einfach nicht mit der bosnischen Dialektik und Redensart anfreunden. Es ging einfach nicht. Es war mir zu fremd. Nun, wir, also die Kinder und ich unterhielten uns im Hof, während meine Mutter die Formalitäten regelte. Und mir wurde endgültig klar, daß ich in dieser Schule nicht bleiben wollte. Die Kinder erzählten mir, daß sie sogar deutsch lernen würden. Ich sagte ihnen, wo ich her kam und daß ich natürlich sehr gut deutsch sprach. So gut, daß mein Jugoslawisch nicht ganz so gut war wie deren. Ich habe deutsch immer fließend und Akzentfrei gesprochen. Das wollte ich mir bewahren. Es war das einzige, was ich noch hatte.

Als meine Mutter mich dann dem Direktor vorstellte sagte ich ihr, daß ich nicht bleiben will und wieder zurück wollte. Ja ich weiß, daß es schon längst zu spät war, aber erst da hatte ich den Mut gefunden. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, daß ich selber versuchen muß, etwas zu unternehmen. Es half nichts. Alles bitten und flehen half nichts.

Aber das „beste“ war, daß Mama sagte, daß sie gleich von einem Auto abgeholt werden würde, und sie nach Deutschland fahren würde. Oh mein Gott warum lässt mich jeder irgendwie allein… Und sie darf da hin, wo ich hin wollte. Der Musiklehrer war auch anwesend. Ein blinder Lehrer namens Ismet, von dem ich heute noch ein immer sichtbares Andenken habe. Aber davon später. Er spielte Akkordeon und meinte wohl, daß er mich aufmuntern könnte. Er spielte ein Kolo. Das sind bosnische Volkstänze, bei denen man immer im Kreis herum hüpft. Ich wollte das alles nicht. Mir war übel. Ich vermisste Milly Vanilly, Samanta Fox, Kim Wilde und all die anderen. Wo bin ich da nur hin geraten… Was ist passiert… Ich schrie innerlich. Ich schrie stumme Schreie. Aber wer sollte sie hören…

Das Auto kam, meine Mutter stieg mit dem Versprechen ein, bald wieder da zu sein und fuhr weg. Für sehr sehr lange Zeit. Was geblieben war? Eine goldene Halskette, die ich trug. Ich war allein. Allein in Jugoslawien. Meine Mutter auf dem Weg in das Land, aus dem ich raus gerissen wurde und in das ich so gerne wieder wollte. Ich wurde da geboren, bin da aufgewachsen. Ich wußte, ich würde nie ein Kommunist werden. Nie. Das haben die in Zagreb schon nicht geschafft und sie würden es auch hier nicht schaffen. Das nahm ich mir fest vor.

Abendessen. Das erste Abendessen in der Schule. Wir mußten uns vor dem Speisesahl aufstellen und ein Pionierslied singen. Man sah mir nach, daß ich keines kannte und so war man nicht böse, daß ich nicht mit sang. Ich war schon einer Schulklasse zugeordnet und die Klassen standen immer zusammen. Nach dem Singen durften wir eintreten. Wir setzten uns an die Tische und bekamen das übliche Abendessen in kommunistischen Ländern. Jagdwurst und Brot. Butter war auch dabei und dann diese ekelhafte Sauermilch. Die gab es in Aluminiumbechern und sie schmeckte furchtbar. Und dann bekam ich mit, was da für eine Musik spielte. Wenn jemand sie nicht trank, dann wurde er sehr stark beschimpft. Mir ging es auch so. Ich mochte das Zeug nicht und kassierte nen Anschiss, der sich gewaschen hat. Ob ich Schwabo (so nannten sie die deutschen abwertend) was besseres gewohnt sei? Ja? Das könnte ich mir abschminken. Das ist Jugoslawien und kein Kinderspielplatz für verwöhnte Goldärsche. Und dann kamen die Auszüge aus diversen Kommunistenzitaten und was Tito nicht alles getan hätte, um Jugoslawien zu vereinigen und daß niemand die Frechheit haben darf, dagegen zu arbeiten. Egal ob Kind oder erwachsener. Ich knickte ein. ich trank meine Milch.

Und da wußte ich es. Ich war endgültig in der Hölle angekommen.

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Teil 1. Der Anfang


ich betrat diese Welt am 13.01.1978 in Hamburg. Alles schien ganz normal zu sein. Bis man dann irgendwann bemerkte, daß ich blind war. Es stellte sich heraus, daß ich an der Krankheit „Morbus Norrie“ leide. Das ist eine genetische Krankheit, die von Frauen übertragen wird. Aber nur bei Männern bricht sie aus.
Jedenfalls wurde dieser Gendefekt bei mir festgestellt. Die Augen wurden an der Weiterentwicklung gehindert. Die Folge davon ist eben die Blindheit. Die Krankheit kann in manchen Fällen noch geistige Behinderung und Taubheit zur Folge haben.
Und so begann mein Leben.
Ich habe als Kind nicht viel gemacht. Will sagen, daß ich bis zur Vollendung meines ersten Lebensjahres so gut wie nie aus dem Bett gehoben wurde. Meine Mutter hat sich nicht wirklich viel um mich gekümmert. Sie kam mit dieser für sie viel zu großen Belastung gar nicht klar. Für sie war ich ein blindes Kind, daß später als blinder Mann hinter dem Ofen sitzen wird, und nie etwas zu tun bekommt und ständig gepflegt werden muß, weil es ja eben allein nicht geht als blinder.
Meine Mutter hat noch ein anderes Problem mit sich rum zu tragen gehabt. Ihr Mann hat sie auch während ihrer Schwangerschaft geschlagen, und das kann auch mit ein Grund dafür sein, daß ich nicht sehen kann. Darüber haben sich die Ärzte ausgetauscht und sich auch deswegen gestritten. Ganz sicher war man sich nie, weil mein Auge bei der Geburt geblutet hat. Also das rechte Auge.
Aus einem Grund, den ich nie, auch später in Gesprächen mit meiner Mutter nicht erfahren konnte, rief sie in einem Säuglingsheim an. Dort kommen Kinder hin, deren Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern können. Dort dürfen sie dann so lange bleiben, bis die Eltern sich wieder eigenständig um das Kind kümmern können. Sie rief dort an und erzählte der Erzieherin dort, daß ihr Mann, also mein Vater, mit dem sie aber nicht mehr zusammen lebt, alles in der Wohnung zusammen geschlagen hat, und sie mich in Sicherheit bringen möchte. Man kam also, um mich abzuholen, und fand eine ganz normale Wohnung vor, in der ich und meine 8 Jahre ältere Schwester waren. Es stellte sich dann heraus, daß meine Mutter diese Geschichte nur erfunden hat, damit ich weg komme. Zu dem Grund dafür komme ich später noch ausführlicher.
Ich war wie gesagt ca. 1 Jahr alt, als ich in das Säuglingsheim kam. Dort gefiel es mir wohl richtig gut, wie mir die Erzieherin, mit der ich übrigens immer noch Kontakt habe, ein mal sagte. Ich durfte sogar jedes Wochenende nach hause.
Und hier setzen auch meine eigenen Erinnerungen an alles ein. Mir wurde bewußt, daß ich nach Hause kann, aber nur 2 Tage in der Woche. Da ist dann immer jemand, der mich mag, (meine Mutter) und jemand, der mich hasst (meine Schwester.) Das habe ich gespürt. Jedes mal, wenn ich da war, habe ich gespürt, wie sehr sie mich gehasst hat, weil ich ihr 2 Tage pro Woche IHRE Mutter weg genommen habe. Dann war wieder Sonntag, und ich mußte wieder ins Säuglingsheim. Das war immer ganz schlimm für mich, weil ich meine Mutter vermisst habe. Aber richtig schlecht ging es mir da nicht wirklich. Ich habe mich mit Uwe, dem Sohn der einen Erzieherin angefreundet. Diese Freundschaft hält noch heute. Uwe ist gut 6 Jahre älter als ich. Er kam damals immer nach der Schule zum essen ins Säuglingsheim. Dann haben wir gespielt und lauter Blödsinn gemacht. Irgendwie haben uns die Dinge zusammengeschweißt, Uwe und mich. Es sind jetzt 32 Jahre einer wundervollen Freundschaft.
Die Zeit im Säuglingsheim lief also vor sich hin und lief und lief. Irgendwann gab es einen Streit zwischen den Erwachsenen und ich hatte keine Ahnung warum. heute weiß ich, daß die eine Erzieherin und die Leiterin des Säuglingsheimes sich darum gestritten haben, wer mich adoptieren darf. Ich wußte damals natürlich schon, was Adoptionen sind. Dort waren ja auch ältere Kinder, und mit denen redet man auch, und.. naja, irgendwie erfährt man das dann einfach. Jedenfalls ging es um diese Frage. Mir wurde langsam klar, daß meine Mutter mich wohl nicht mehr haben will. Ich fragte mich, warum das so war. Sie kam doch mehrmals in der Woche vorbei, brachte immer Kuchen und Süßigkeiten mit, also für alle, was dazu führte, daß ich sehr viele Freunde hatte. Aber mir hat damals schon das Gefühl des Stolzes gefehlt. Ich meine den Stolz darauf, etwas ganz allein für sich haben zu können. Das gab es für mich nicht. „Jetzt ist sie also mit der Wahrheit rausgekommen.“ So dachte ich. Sie will mich nicht mehr.
Irgendwie konnte man sich nicht einigen, wer mich denn nun adoptieren soll. Heute weiß ich, daß meine Mutter sich dagegen gewehrt hat, daß ich adoptiert werde. Aber das hat mich nicht vor dem bewahrt, was dann kam. Ich kam in eine Pflegefamilie. Ich war damals 5 glaub ich. Oder kurz vor meinem 5. Geburtstag. Genau weiß ich das wirklich nicht mehr.
Ich war also bei dieser Pflegefamilie. Sie arbeitete glaub ich nicht, und er war Pastor. Sie hatten noch ein Pflegekind. Mit dem anderen Jungen verstand ich mich eigentlich ganz gut, aber es gab natürlich auch mal Streitigkeiten.
Die Pflegeeltern waren ganz merkwürdige Leute. So anders irgendwie. Hier ein Beispiel.
„Du bist sauer du? Komm mal mit in den Keller. Wir haben da ganz viele Flaschen. Geh einfach mal hin und schmeiß sie alle gegen die Wand. Du darfst das, weil du sauer bist und wir verstehen das. Du mußt dich einfach abreagieren.“ Und so weiter und so weiter. Natürlich fand ich Sachen kaputt machen als Kind echt cool, aber irgendwie war mir das auch unheimlich. Ich kann es selbst heute, wo ich anders daran denke, nicht verstehen.
Aber das war ja nicht das, was ich so schlimm fand. Die Familie hatte ein Reihenhaus mit 2 Stockwerken. Oben waren die Schlafzimmer und unten waren Wohnzimmer, Küche und Bad. Im Wohnzimmer war ein echter Kamin. Davor saß der Herr Pastor dann abends immer und hat gesoffen. Ein Bier nach dem anderen. Dann hat er ständig seine Wut an uns allen ausgelassen. Nein. Geschlagen hat er uns nie. Aber erniedrigt hat er uns. Mit Worten geht das auch ganz gut. Ich nahm mir ganz fest vor, da weg zu gehen. Wenn nötig, allein. Aber es sollte alles anders kommen.