Archiv für den Monat April 2013

7. Teil: Der Vorhof der Hölle


Ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen.
Meine Mutter stellte mir also diesen Djordje vor. ich weiß nicht, wie man ihn spricht. Das „dj“ symbolisiert die Aussprache wie ein englisches G zum Beispiel in dem Wort „gene.“
Da war er also. Djordje. Mir war er gleich unsympathisch. Ob er für mich das gleiche empfand, wusste ich nicht. Jedenfalls hat er sich nichts anmerken lassen. Aber ich spürte, daß er unwahrscheinlich großen Einfluss auf meine Mutter hatte. Und das machte mir Sorgen. nein. Ich konnte natürlich nicht abschätzen, was das für Konsequenzen haben würde.
Wir zogen nach Eimsbüttel. Dort eröffneten meine Mutter und dieser Djordje ein Kaffee und nannten es „Morgenpost.“ Im Prinzip fand ich, daß das eine gute Idee war. Jedenfalls sagten sie, daß sie das Kaffee eröffnet haben. Aber das ging alles so unglaublich schnell. Oder ich hab es damals als Kind nicht richtig realisiert. Das war 1988. Das weiß ich irgendwie noch.
Das Kaffee „Morgenpost:“ Was für ein Laden. Überall nur Jugos. Wohin man blickte, überall nur Jugos. Aber so merkwürdige Typen, die ständig Karten zockten und sehr sehr seltsam waren. Ich kann es nicht richtig beschreiben. Du bist in dem Raum und weißt sofort, daß es besser ist, wenn man die Klappe hält. Und genau so ging es mir. Und wenn man gewisse Dinge aufschnappt, wünscht man sich sofort, sie nie gehört zu haben, weil man Angst vor diesem Wissen hat. Nicht, weil es einen so sehr belastet, sondern eher deshalb, weil man Angst hat, daß man es unbedacht verrät und sie genau das herausbekommen. Also hab ich mich nicht sehr oft da aufgehalten. Ich kann mich aber erinnern, daß unsere Küche in Dauerbenutzung war. Meine Mutter machte blächeweise Burek. Die Türken nennen es Börek glaub ich. Jedenfalls roch alles nur nach diesen Blätterteig-Hackrollen. Man konnte die Küche fast nicht für andere Dinge benutzen, weil meine Mutter für die „Herren“ unten im Kaffee immer dieses Essen machte. Und manchmal kam auch einer von denen hoch und unterhielt sich mit Djordje über Dinge, die ich mir nicht im Traum vorstellen konnte. Da lernte ich, es zu tun. Sie zählten Geld, redeten über irgendwelche krummen Dinge, die sie drehen wollten oder gedreht haben. Es war sehr sehr unangenehm geworden zu Hause. Und ja, ich gebe es zu. Ich war froh, wenn die Wochenenden wieder rum waren und ich endlich wieder in mein Internat durfte. ich habe mich schlecht gefühlt wie selten in meinem Leben. Im Internat mußte ich mich mit Reiner und Hanno rum schlagen und am Wochenende musste ich aufpassen, daß ich nichts falsches sage. Sie haben mich zu Hause wohl nicht ernst genommen. Jedenfalls redeten sie ganz unbefangen über diese Dinge. Manchmal riefen sie auch mit verstellter Stimme irgendwo an und sprachen merkwürdige Drohungen aus. Das fand ich merkwürdig.
Von meiner Schwester habe ich in dieser Zeit übrigens nichts gehört. Sie war wohl weg. Ich weiß es nicht. Sie hatte ja ihren Metodi, den Zigeuner, den ich genau so wenig mochte, wie meine Mutters neuen.
Irgendwann kam es immer öfter vor, daß die Polizei nach Djordje fragte. Ich hab nie verstanden, warum meine Mutter ständig gesagt hat, daß er nicht da wäre und auch nicht bei ihr wohne. Als ich sie ein mal danach fragte sagte sie, daß die Polizei ihn sucht, er aber nichts getan hat, das aber nicht beweisen kann und sich erst mal verstecken müsse. Beide haben peinlich darauf geachtet, daß ich nie die Tür öffnen würde wenn es geklingelt hat. Das fand ich furchtbar. Ich fühlte mich gefangen.
Die Polizeipräsenz wurde immer aufdringlicher und intensiver. Mir war irgendwie klar, daß das nicht lange gutgehen würde. Aber wie durch ein Wunder ist nichts passiert.
Irgendwann kam man im Internat dahinter, daß etwas nicht stimmt. Ausgangspunkt der ganzen Aktion war, daß Hanno, Reiner und Monika, die in einem der anderen Zimmer wohnte meine Sachen für den nächsten Morgen mitten in der Nacht in die volle Badewanne geworfen haben. Ich war wach, hatte aber Angst, etwas zu sagen. Ich war erst 10 und die drei waren wohl schon 13 oder 14 sogar. Oder noch älter?? Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls habe ich mir das still angehört und dann am nächsten Morgen der Erzieherin vom Frühdienst gesagt, was passiert war. Die drei haben es auch sofort zugegeben. Für mich ist da aber etwas zerbrochen. Es war nicht diese Aktion allein. Eigentlich wäre ich aufgestanden und hätte mir eine handfeste Klopperei geliefert. Aber irgendwie war ich nicht in der Lage dazu. Vielleicht waren es all die anderen Dinge, die auf mich einströmten.
Ich unterhielt mich sehr lange mit der Erzieherin und begann auch etwas über zu Hause zu erzählen. Und gleichzeitig wusste ich, daß es sehr schlimm ist, wenn ich das tu. Aber das alles musste irgendwie einfach raus. Sie hörten mir auch sehr aufmerksam zu. Das war übrigens schon 1989.
Es ging also alles so weiter. Die Situation war nicht sehr angenehm. Und ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen. Wie oft schrieb ich das eigentlich schon? 😉 Nun, es ist ja wirklich so…
Ein mal war ich wieder an einem Wochenende zu hause. Djordje lag im Bett und schlief. Es war Nachmittag. Mama machte mal wieder diese Teigrollen und es war eigentlich alles wie immer. Dann bat sie mich, ihn zu wecken. „Klar“ sagte ich und ging los. Es war eine Altbauwohnung mit hohen Fenstern und diesen niedrigen Fensterbänken. Er lag auf der Seite des Bettes, die zum Fenster zeigte.
ich umrundete also das Bett und stand an der langen Seite des Bettes, den Rücken zum weit offen stehenden Fenster gewandt. ich begann, ihn leise zu wecken. Er wurde nicht wach. Dann drehte ich mich wieder um, weil ich zurück laufen wollte und Mama sagen wollte, daß er nicht aufgewacht wäre.
Genau in dem Moment, als ich das Gesicht zum Fenster hatte, bekam ich einen mörderisch starken Tritt in den Po. Ich flog auf das Fenster zu. Meine Füße hatten keinen richtigen Halt mehr und ich fiel bäuchlings auf die Fensterbank. Mein Körper war schon so weit über die Kante gerutscht, daß ich meine Arme anwinkeln musste, um mich wieder zurück zu ziehen. Das ging alles tierisch schnell. Aber dieser Moment dauert heute, wenn ich darüber nachdenke ewig lange.
Ich habe keinen Laut von mir gegeben. Das ging alles zu schnell. ich habe mich nur wieder aufgerichtet und bin aus dem Zimmer gegangen. So ruhig wie möglich. Bevor ich die Tür erreicht habe sagte er noch: „Jetzt weißt du bescheid. Kein Wort über mich zu jemandem.“ Ich habe darauf nicht geantwortet. Ich bin nur in die Küche und hab Mama gesagt, daß er wach ist. Aber eine Mutter ist eine Mutter. Sie fragte mich, warum ich so weiß wäre. Ich sagte ihr, daß ich mich nicht fühle. Damit war das Thema auch schon vorbei. Ich war eigentlich ganz froh darüber. Denn niemand hätte mir geglaubt. Niemand.
Dann irgendwann im Internat, kam die Erzieherin zu mir, mit der ich schon wegen Hanno, Reiner und Monica geredet habe und bat mich, ihr etwas über diesen Djordje zu erzählen. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr erzählt habe. Aber ich weiß noch genau, daß sie mich bat, einen Text ins jugoslawische zu übersetzen. In diesem Text wurde Djordje gebeten, daß Internat nicht zu betreten. Ihm wurde mitgeteilt, daß er dort unerwünscht ist. Aber damit war es nicht ausgestanden. Die Erzieherin teilte mir mit, daß ich bis auf weiteres nicht nach Hause dürfe, bis das Problem mit Djordje geklärt ist.
Was soll ich sagen… War ich erleichtert, war ich traurig? Ja und ja. Es waren so viele Gefühle in mir. Ich wollte meine Mutter nicht verlieren, aber ich hatte auch wahnsinnige Angst vor ihrem neuen bekommen. Ich habe erfahren, daß er mich umbringen würde, wenn er der Meinung ist, daß es sein müsse. Und dem wollte ich natürlich entkommen.
Aber dann siegten doch die Tränen. Ich glaube, ich habe noch nie so viel geweint wie in dieser Zeit. Jedenfalls kam es mir schlimmer vor als all die anderen male. Warum? Nun. Heute denke ich, daß es wohl die für mich damals feste Gewissheit war, daß sie ihn nie wieder loswerden würde, weil sie ihn ja versteckt und alles.
Die Wochenenden zogen sich also hin. ich war jedes zweite Wochenende, daß kein „offenes“ Wochenende war, bei einer Erzieherin, die mich zu sich nach Hause nahm. Und da lernte ich, daß es auch schön sein kann, wenn man „zu Hause“ ist. Ja. Ich habe jede dieser Wohnungen als ein zu Hause gesehen. Und es war wirklich schön da. In den Ferien ging ich in ein Ferienlager. Wo und was, das weiß ich nicht mehr. ich glaube, es war ein Reiterhof. Oder doch nicht??? Ich kann es wirklich nicht mehr sagen. Als ich nach Hause kam, hat meine Mutter mich nicht vom Bus abgeholt. Sie durfte es immer noch nicht. Ich ging zu Svea, meiner Lieblingserzieherin damals. Dort war ich schon, und es hat mir dort auch sehr gefallen. Sie war halbe Schwedin glaube ich. Und da war sie dann wieder. Die Verbundenheit zu Skandinavien und deren Menschen. Man hat es gemerkt und ich war froh, daß ich bei ihr war.
In den Wochen also im Internat und an den „geschlossenen“ Wochenenden bei Svea oder einer anderen Erzieherin. Zu meiner Mutter hatte ich nur manchmal telefonischen Kontakt. Aber es war nicht wirklich entspannt und wir haben auch beide nie über das Problem gesprochen. Wir haben uns beide so normal wie möglich verhalten.
Irgendwann rief sie mich nachmittags im Internat an und sagte, daß wir weg müssen. Ich fragte, ob sie Djordje und sich meinte. Sie sagte, daß sie sich und mich meinte. Sie wollte an einem der Wochenenden kommen und mich mitnehmen. Sie wollte mit mir nach Jugoslawien gehen. Für immer. Aber sie wollte da auch bleiben mit mir.
ich… Ich kann nicht sagen, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe. Auf der einen Seite war ich froh, daß wir es denen allen zeigen und abhauen, aber auf der anderen Seite wieder Jugoslawien…
ich hielt jedenfalls den Mund und sagte niemandem etwas. Und dann war es soweit. Sie kam und sagte der Erzieherin, daß sie nur ein par Stunden mit mir spazieren gehen wolle. Dagegen hatte sie nichts. Wahrscheinlich war man der Meinung, den Umgang langsam wieder etwas zuzulassen, damit keine Entfremdung entstand. Das wäre nachvollziehbar. Ich spreche die Erzieherin von jedem Vorwurf frei. Das will ich hier erwähnen.
Sie packte unauffällig einige wenige Sachen für mich ein und verließ mit mir das Internat. Auf dem Weg zum Bahnhof erzählte sie mir, daß die Polizei sich eine heftige Schlacht mit Djordje geliefert hat, ihn aber nicht fassen konnte. Er hätte ihr gesagt, daß es das beste wäre, wenn sie mich nach Jugoslawien bringt. Ach ja? Also eine seiner Ideen also. Na toll. Erst da wurde mir auch bewusst, was ich hier verlieren würde. Meine Schule, meine Freunde, einfach alles… Ich würde komplett neu anfangen müssen. Das wollte ich auf keinen Fall. Aber was sollte ich machen. Wenn ich jetzt eine Diskussion mit meiner Mutter anfangen würde, könnte das vielleicht jemand hören und sie würde richtig Ärger kriegen. Das wollte ich auch nicht. Also fügte ich mich wieder ein mal in mein Schicksal.
Wir stiegen also in den Zug und er fuhr an. Einer sehr ungewissen Zukunft entgegen. Direkt in die Hölle…
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6. Teil: Das Bauernsöhnchen, Bauer Piepenbrink und der Dorfjunge


Ich lebte also auf der Gruppe E. Ich kam wunderbar mit den Erzieherinnen und den anderen aus. Nur mit Hanno hatte ich so meine Probleme. Reiner war ja noch nicht da. Dann sollte alles nur noch schlimmer werden. Aber davon wußte ich ja noch nichts. Gott sei Dank…
Mit Hanno in einem Zimmer wohnen zu müssen war schon eine Herausforderung, vor der ich mich gern gedrückt hätte. Es dauerte nicht lange, und ich kannte bald jede einzelne Vorstellung von Bauer Piepenbrink. Mein Gott, wie ich dieses Mist zeug gehasst habe… Aber es gab kein entkommen. Abends immer vor dem Einschlafen mußte ich mir das anhören. Immer wieder und wieder. Und dann dieses dummbäuerliche glucksen, daß Hanno immer von sich gab. Aber wehe ich beschwerte mich. Dann hatte ich immer ruck zuck einen in der Schnauze. Irgendwann erkannte ich, daß das keinen Sinn haben würde. Und so redete oder sang mich der bekloppte Piepenbrink in den Schlaf. Oder er weckte mich.
Hanno entwickelte sich immer mehr zu einem Hassobjekt der höchsten Kategorie. Ich sprach auch mit den Erzieherinnen darüber. Aber sie sagten nur, daß Hanno es ja auch so schwer hätte wegen verschiedener Dinge, und ich verstehen müsse, daß man ihm das wenigstens lassen sollte.
Und da war es wieder. Das verstehen. Immer ich… Aber keiner konnte oder wollte verstehen, daß ich auch mal meine Ruhe wollte oder was zu sagen haben wollte.
Irgendwann fing ich an, Hanno Streiche zu spielen. ich zerschnitt nachts, wenn ich wegen seinem geschnarche nicht schlafen konnte seine Tagesdecke oder machte sonst etwas kaputt, was ihm gehörte. Das kam natürlich irgendwann raus und ich mußte alles ersetzen. naja, meine Mutter mußte es. Und die war natürlich voll dabei. Aber ich habe weder von ihr, noch von Hanno oder gar von den Erzieherinnen ernsthaften Ärger gekriegt. Gewundert hat es mich schon damals, und verstanden hab ich es bis heute nicht.
Und dann kam Reiner. Reiner war ein Dorfjunge aus Niedersachsen in der Nähe von Stade. Der war fast noch schlimmer als Hanno. Zwar nicht ganz so fett wie das Bauernsöhnchen, aber mindestens so tumb.
OK, den Piepenbrink fand er auch scheiße, weshalb Hanno das dann etwas eingestellt hat, aber dafür durfte man ihm dann beim reden zuhören, wenn er von irgend welchen Dorfmädchen erzählte, oder davon, wie er in der Garage heimlich gesoffen hat und anderen aufs Maul gehauen hat und so weiter und so weiter. Eben ein richtiger Angeber vom Dorf. Ein Trottel. Aber, und das muß man hier auch ganz deutlich sagen, sehr gefährlich. man darf solche Dorftrottel nicht unterschätzen. Und Reiner war Gefährlich. Ein falsches Wort in der falschen Situation, und du hattest einen Seitenschwinger gegen das Kinn gekriegt und lagst dann da. Das einzige, worüber du dich dann freuen konntest war, daß er nicht noch nachgetreten hat. und ich spreche da leider aus Erfahrung. Jedenfalls war mir von dem Moment an klar, daß sich einiges für mich verändert hat. Und das nicht zum guten.
Und so zogen sich die Monate. Oder war es ein Jahr? Ich weiß es wirklich nicht mehr genau.
Dann irgendwann, es war wieder eines der Wochenenden, an denen ich nach Hause durfte, stellte meine Mutter mir ihren neuen vor. Ja. Meine Mutter hatte tatsächlich einen neuen. Das kann man sich als Kind gar nicht richtig vorstellen. Der letzte den sie hatte, war ein alter Oberfranke. Den hat sie dann aber irgendwie nicht mehr getroffen. Das war noch vor meiner Zeit in Zagreb. ich habe nicht über ihn geschrieben, weil ich wenig von ihm mitbekommen habe.
Also meine Mutter stellte mir ihren neuen vor. Er war Bosnier und hieß Djordje oder so. Das war ein großer breiter Schrank mit einer sanft-weichen Stimme.
Und ich wußte, daß jetzt alles noch viel viel schlimmer werden würde. Ich ahnte damals noch nicht, wie richtig ich mit meiner Vorahnung lag…

5. Teil: Altes Leben und neue Schocks


Ich wurde also am Tag darauf wieder ins Internat gebracht. Hach war das ein Wiedersehen. Alle haben sich gefreut, daß ich wieder da wäre. Und ja. Ich gebe es zu. Ich habe mich auch gefreut. Warum eigentlich? Ich glaube, es war die Freude darüber, daß man sich im Internat ernsthaft darüber gefreut hat, daß ich wieder da war. Freude kann ansteckend sein, und in diesem Moment war ich dankbar dafür. Machte es doch so vieles einfacher. Ich habe mich auch gut wieder an alles gewöhnen können. Das war auch nicht wirklich schwer. Verglichen mit dem Internat in Zagreb war das ein Paradies. Und doch vermisste ich es, wie viele aus meiner Klasse jeden Tag mit dem Schulbus nach Hause zu fahren. Aber ich habe mich schon sehr bald von diesem Traum verabschiedet. Zumindest für einige Zeit.
Das Leben nahm also seinen gewohnten Lauf. Alles lief irgendwie, und besonderes passierte auch nicht. Die Jahre rannen dahin und ich lebte, so gut es eben ging. Natürlich hatte ich manchmal auch Krisen, Heimweh und solche Dinge. Aber ich habe es immer geschafft, das irgendwie zu managen.
Und hier verschwimmt die Reihenfolge etwas. Aber das ist für meine Lebensgeschichte nicht wirklich maßgeblich. Ich werde also einfach erzählen.
Eines Tages, ich spielte auf einer Holzburg auf dem Spielplatz, kam meine Mutter zu mir. Sie besuchte mich wieder ein mal nachmittags im Internat, um mir und vor allem allen anderen auch Süßigkeiten und Kuchen mitzubringen. Sie nahm mich bei Seite und erzählte mir, daß ich ein babysparbuch hätte, sie das aber aufkündigen müsse, weil…. meine Schwester heiraten werde. Ja. Sie hätte einen Mann kennengelernt und den wolle sie heiraten. Sie war da 17, ich muss also 9 gewesen sein. Meine Mutter sagte mir, daß ich verstehen müsse, daß meine Schwester Hochzeitsgeschenke bräuchte und Mama das Geld nicht hätte. Und deshalb kann ich als ihr Bruder etwas gutes für sie tun und Mama das Geld zur Verfügung stellen, damit sie ihr die vielen tollen Hochzeitsgeschenke kaufen könne.
Es waren schon ein par tausend Mark. Das sagte mir meine Mutter. Ich hatte damals schon eine Vorstellung von Geldmengen, weil ich ja wegen der Drogenprobleme meiner Schwester immer wieder mit Geldsummen konfrontiert wurde. Deshalb brach für mich auch eine Welt zusammen, weil meine Mutter mir auch erzählt hat, daß das Geld eigentlich dafür bestimmt war, daß ich irgendwann auf eine Privatschule mit besserer Ausbildung gehen kann. Das alles ist mit diesem einen Besuch und der Absicht meiner Mutter das Sparbuch aufzulösen zusammengebrochen. Einfach so. „Das musst du verstehen.“ Ich weiß nicht, ob sie das wirklich gesagt hat, oder ob dieser Satz sich selber eingeschlichen hat. Das spielte auch keine Rolle.
Mit dieser sehr frohen Nachricht ließ sie mich irgendwann alleine im Internat zurück. Erst später erfuhr ich, daß man mit 17 noch nicht heiraten darf, wenn man nicht die Zustimmung der Eltern hat. Und so erfuhr ich auch, daß meine Schwester sich von zu Hause weg geschlichen hat und die Hochzeit ohne Erlaubnis durchgeführt hat. „Moment mal“, werdet ihr jetzt denken. Das geht in Deutschland doch nicht einfach so. Und richtig. Es war ja auch nicht in Deutschland. Sie ist nach Makedonien gegangen und dort gilt diese Regel nicht. Jedenfalls war es damals so. Das muss man sich vorstellen. Sie haut mit so einem von da ab, verlässt das Land illegal und heiratet ihn einfach so. Das ist schon schlimm genug. Aber es kommt noch schlimmer. Meine Mutter hat nichts besseres zu tun, als ihr noch hinterher zu fahren und ihr die vielen Hochzeitsgeschenke aus dem tollen und reichen Deutschland nachzuschleppen. Ja. Mit dem Zug. Das war kein Zuckerschlecken, wie sie mir später erzählt hat. Ich durfte sie dann noch trösten. Sie hätte so gelitten, weil es heiß war und die Züge total überfüllt. Sie wäre ja über 24 Stunden gefahren. Und von den par tausend Mark war auch nichts mehr über. Nichts mehr. Sie hat lieber weniger Geld ausgegeben, damit meine Schwester mehr bekommen kann und deshalb sogar auf ein Flugzeug verzichtet. Und ich??? Ja…. Was soll ich sagen… Ich durfte ihn irgendwann kennenlernen. Ein echt unsympathischer Zeitgenosse war das. Nicht wirklich unheimlich, aber auch nicht jemand, dem ich vertrauen konnte. Immer wieder fuhren sie zwischen Deutschland und Makedonien hin und her… Ich habe keine Ahnung, wieso eigentlich. irgendwann kamen Gerüchte auf, daß sie Drogen mit nach drüben nahmen. Beweisen konnte man das nie. Und selbst wenn, dann wird meine Mutter alles getan haben, um das zu verhindern.
Dann kam ich auf eine neue Internatsgruppe. Das war eine Gruppe für die etwas smarteren Kids. Nein. Das war nicht ironisch gemeint. Oder man wollte mich aus irgend welchen Gründen loswerden. Ich weiß es nicht. Ich hatte ja auf der Gruppe 1 ein Dreibettzimmer mit Peter und Bülent, welches ich nach meinem Aufenthalt in Zagreb auch wieder beziehen konnte. Auf Gruppe E hatte ich auch wieder ein Dreibettzimmer mit Hanno und Reiner.
Nein wie furchtbar war das denn. Ein völlig verfettetes Bauernsöhnchen aus Schleswig-Holstein und ein typischer Dorfjunge aus Niedersachsen. Ja. So ein grobklotziger Angeber mit komischen Sprüchen und so. Mann wie hab ich die beiden gehasst. Beide waren auch älter als ich und ich merkte schon bald, daß ich gegen die beiden nicht ankommen würde.
Überhaupt waren alle älter auf der Gruppe E. Das hat mich aber nicht weiter gestört. Mich hat gestört, daß es keine Möglichkeit gab, sich mit Hanno und Reiner zu arrangieren.
Während ich dies schreibe, kommt mir eine Erinnerung. ich war zu erst nur mit Hanno auf dem Zimmer. Reiner kam dann irgendwann später dazu. Ich weiß aber nicht mehr, wieviel später. aber viel später kann es nicht gewesen sein denn…..
Und hier beginnt etwas neues. Aber davon in meinem nächsten Blogeintrag.
Euer Daniel.

Zwischenspiel: Einige Worte und eine entschuldigung


Liebe Leserinnen, liebe Leser, lange habt ihr auf eine Fortsetzung meiner Lebensgeschichte warten müssen. Einige werden mit Sicherheit auch leicht enttäuscht sein. Aber ich kann euch beruhigen und euch eine gute Nachricht mitteilen. Schon bald wird es weitergehen in meinem Blog. Es ist seit meinem letzten Eintrag sehr viel passiert und durch einige dieser Ereignisse wurde ich persönlich auch sehr doll zurück geworfen. Außerdem ist es nicht leicht, alles aufzuschreiben, was ich seit meiner Kindheit alles erlebt habe. Ich gebe zu, daß ich mich immer davor gedrückt habe, weil ich das nicht wieder durchmachen will. Aber ich habe ein mal damit angefangen, und nun möchte ich das auch durchziehen. Ab jetzt geht es also weiter mit meinem Blog. Nächste Woche schon werde ich einen weiteren Abschnitt aus meiner Kindheit hier veröffentlichen. Bitte seid mir nicht böse und folgt mir weiterhin. Ich habe euch nicht vergessen. Ich entschuldige mich für das lange warten. Euer Daniel.