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11. Teil. Ein trauriger Brief und ein Zaubertag


Der Schulalltag ging also weiter. Mein Finger pochte, ich gewöhnte mich daran, das Essen war furchtbar und ich aß fast nichts, Nachts um 02:00 mußten wir alle aufstehen zum Pipi machen und so weiter. Ich entwickelte eine Verhaltensweise, die mir half, so gut wie möglich mit all dem klar zu kommen. Ich schrieb sogar bessere Noten als vorher. Sehr zur Freude meiner kommunistischen Lehrer, die wohl dachten, daß ich mich endlich dort eingelebt hätte.
Schwester Jasna war weiterhin für mich da so oft sie für mich da sein konnte. Sie kümmerte sich um mich wie um ihren kleinen Sohn, den sie manchmal auch zur Schule brachte. Er war fünf glaube ich. Wir freundeten uns sofort an. Das lag glaub ich daran, daß Schwester Jasna ihm vermittelte, daß ich doch ein ganz netter wäre. Und es lag von meiner Seite daran, daß es ein sehr aufgeweckter kleiner Racker war, mit dem man richtig gut rumalbern konnte. er hatte dieses unbeschwerte, daß nur Kinder haben können, die nicht im Internat leben. Jedenfalls gefiel es mir sehr, in seiner Nähe zu sein.
Aber auch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja war mir sehr sympathisch. ich begann wirklich, so etwas wie Freunde zu bekommen. Es ist mir früher nicht bewußt gewesen, aber ich weiß heute, daß sich selbst diese erwachsenen gerne mit dem Jungen umgeben haben, der ich damals war. So rebellisch und widerspenstig. Ich glaube, ich war eine Art Symbol für diese Menschen. Ich werde später darauf zurück kommen, wieso ich das heute so sehe.
Irgendwann begann Schwester Jasna, mich zu sich einzuladen. Ich lernte ihre Mutter und ihren Vater kennen. Der alte war auch blind. Wir verstanden uns auf Anhieb und hatten auch sofort ein gemeinsames Gesprächsthema. nein nein. Nicht die Blindheit. Das ist langweilig. Ich rede von Tonbändern. Offene Tonbänder. Die Dinger haben mich damals schon fasziniert und sie tun es auch heute noch. Jedenfalls hatte er so ein Gerät und freute sich wie Bolle, daß ich dieses Hobby mit ihm teilen konnte. Und ich freute mich auch wie Bolle, weil ich mich zum ersten mal so richtig ablenken konnte. Ja. Wenn ich bei Schwester Jasna war, fühlte ich mich so wohl, daß ich wirklich begann, all die Sorgen und inneren Schmerzen zur Seite zu schieben.
Es geschah an einem Wochenende.
ich war bei Sudo, Suncica und Sanja zu hause. Da rief Sudo mich zu sich und stellte eine Tasse Tee vor mich hin. Das hat er nie vorher getan. Er klang sehr ruhig und ernst. Ich wußte, daß das kein normales „Männergespräch“ 🙂 werden würde. Und das war es auch nicht. Nein, das war es wirklich nicht.
„Du hast Post bekommen mein kleiner.“ „Von wem?“ „Von deiner Mutter aus Deutschland.“ Mama…. Echt? Ich konnte es nicht glauben. Ich hätte mich so gerne gefreut. Aber ich konnte es nicht so, wie ich es eigentlich wollte, denn Sudo war so ernst… So verdammt ernst…
Er begann zu lesen. Je mehr er las, desto mehr begann ich zu zittern. Stumme Tränen kullerten mir über das kleine Jungengesicht, daß jetzt schon gezeichnet war von so vielen Dingen.
Meine Mutter schrieb mir aus München. Sie schrieb, daß sie dort im Gefängnis säße und am 31.01.1989 ihre Gerichtsverhandlung hätte. Wir hatten schon fast Winter in Jugoslawien. Also wußte ich, daß es noch rund zwei Monate dauern würde, bis die Verhandlung war. Sie schrieb nicht, weshalb sie im Gefängnis war. Aber sie schrieb, daß ich ganz ruhig bleiben sollte und sie sich meldet, sobald sie kann.
Sudo faltete den Brief zusammen und legte beide Hände auf meine. „Das ist schwer für dich. hm? Ich verstehe das. aber du mußt tapfer sein. Versuche, den Rat deiner Mutter zu befolgen. Du hast so viel erlebt. Mehr, als sonst ein normaler Junge erlebt. Du wirst auch das schaffen.“
Ich weinte weiter stumme Tränen und sprach kein Wort. Mir war klar, daß sie irgendwas mit ihrem Macker angestellt haben muß. Aber was? Und würde sie wirklich frei kommen? Würde ich meine Mutter je wieder in den Arm nehmen können? Würde alles je wieder so werden wie früher? Würde ich je wieder nach Deutschland zurück können? Keine dieser Fragen konnte ich mit „ja“ beantworten. Aber auch nicht mit „nein.“ Und so merkwürdig das klang, gab genau das mir die Kraft, die ich brauchte.
Sudo riet mir, mit niemandem darüber zu reden. Ich sagte, daß ich es nicht tun würde. Aber ich konnte mich nicht daran halten. Irgendwann begann ich in der Schule zu weinen und eine der Lehrerinnen nahm mich mit in einen leeren Klassenraum und da sagte ich es ihr. Sie nahm mich in den Arm und sagte, daß ich ein guter Pionier sein solle und stark sein müsse in einer solchen Situation.
Da war er wieder, dieser Hass auf die verdammten Kommunisten. Konnten die überhaupt an was anderes denken als an ihr Pionierstum? Mann meine Mama war im Knast und die sagt mir, wie ich mich als Pionier verhalten soll… Ey das ist….. Ich wollte ganz schnell weg da, straffte mich und sagte ihr, daß ich es versuchen werde. Sie sagte „nein, du wirst es schaffen.“ Also wiederholte ich auch das. Sie war zufrieden und ich war es auch, weil ich da endlich raus war. Mein Gott war ich bescheuert. Wie konnte ich ihr das sagen…
Als ich das Schwester Jasna erzählte, fingen wir beide wieder an zu weinen. Es war fast genau so wie mit meinem Finger. Sie fragte sich, wann das mit mir und den Tiefschlägen endlich aufhören würde. Sie konnte das alles gar nicht glauben.
Es war also wie es war. Ich magerte immer mehr ab, der Finger war noch bandagiert, Schwester Jasna kümmerte sich rührend um mich, die Lehrer malträtierten uns auf die eine oder andere Weise und so weiter. An den Wochenenden war ich inzwischen manchmal bei Schwester Jasna und ihrer Familie. Es ging mir sehr gut da. Genau so gut wie bei Sudo und Co. Aber in der Woche begann wieder der Schulalltag. ich fragte Schwester Jasna ein mal, ob ich nicht mit ihr morgens immer zur Schule kommen könne. Sie lachte und sagte, daß sie das den Direktor auch schon gefragt hätte, der aber ablehnte, weil er nicht wollte, daß in der Schule an die große Glocke gehängt wird, daß sich die Schulkrankenschwester mehr um einen Schüler kümmert als um die anderen. Das wäre nicht im Sinne des Sozialismus und blablabla. Also das Blablabla kam von ihr. 😉 Jedenfalls durfte sie nicht. Das fand ich schade, aber so war es eben. Da konnte man nichts machen.
Der Winter kam und Weihnachten stand vor der Tür. weihnachten… Oh Mann wie geil. hm… Ne. Nicht so geil. Ich war in Jugoslawien. Die feiern das ganz merkwürdig im überwiegend islamistischen aber auch russisch orthodoxen Sarajevo. Da wurde das nur halbherzig gefeiert. warum es überhaupt gefeiert wurde, weiß ich nicht. Vielleicht wegen dem geringen Anteil christlicher Kroaten. Jedenfalls half Sanja mir, einen Brief an meine Mutter im Gefängnis zu schreiben. Sie hat sich nach diesem Brief nicht mehr gemeldet. Wir schrieben das übliche. „Hoffentlich kommst du bald raus, hoffentlich kommst du bald her, hoffentlich geht das mit dem Gericht gut, hoffentlich kannst du trotzdem Weihnachten etwas feiern“ und sowas alles. Mehr konnte ich nicht tun.
Und jetzt gibt es ein par Probleme mit dem chronologischen Ablauf. Das ging alles irgendwie zu schnell für mich. Ich erinnere mich an folgendes.
Irgendwann kam Dragica. Sie hab ich hier noch nie erwähnt. Sie spielte eine untergeordnete Rolle während meiner Zeit da. Sie wohnte in Doboj, was irgendwo in Bosnien lag. Wer sie bestellt hat und warum sie mich überhaupt besucht hat, weiß ich nicht. Ich wußte ja nicht mal, daß sie wußte, daß ich dort in der Schule war. Sie hat es mir glaub ich erzählt, als sie mich besuchte. Das weiß ich alles nicht mehr. Ich habe wohl einen Tiefpunkt gehabt. Jedenfalls hab ich sie angefleht, daß sie mich doch da raus holen soll. Sie konnte das natürlich nicht und ich wußte das. Aber ich habe all meine Energie da rein gesteckt und nicht locker gelassen. Natürlich war es umsonst.
Dann erinnere ich mich noch daran, daß meine Schwester mich bei der Familie meines Vaters besuchte. Ich weiß gar nicht, weshalb ich da eigentlich wieder hin sollte. ich weiß nur noch, daß ich über Silvester da war. Wo ich Weihnachten verbracht habe, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls besuchte meine Schwester mich. Diese blöde Kuh. Was wollte sie denn jetzt hier. Sie machte einen auf „Oh mein armer Bruder, ich will doch eine Familie mit dir sein und wir müssen zusammenhalten, ich hol dich da raus“ und den üblichen Mist, den sie immer von sich gegeben hat. Das war auch eine Luftnummer, denn drei Tage später war sie wieder weg und kein Wort mehr davon, daß sie mich da raus holt und alles. Sie hat weder davor, noch danach jemals bei mir angerufen um zu fragen, wie es mir geht.
Und dann erinnere ich mich noch daran, daß ich mit Schwester Jasna, ihrer Familie und noch einigen anderen auf einem Berg war. So ein richtig hoher. Wir sind mit dem Auto zu einem richtigen kleinen Steinhaus gefahren, wo Leute gewohnt haben. Und dann sind wir ganz weit mit dem Schlitten runter gesaust. Das war ein echter Spaß. So schnell und so lange. Das war richtig toll. Ich habe richtig lange und laut gelacht. Und als Jasna das sah hat sie gelacht und dann geweint und gelacht. Heute kann ich das verstehen. Damals wußte ich nicht, was mit ihr los war. Sie lachte, weinte und sagte zwischen drin „Er kann noch wie ein echter kleiner Junge lachen. Er kann es noch. Gott wenn es dich gibt, dann erhalte ihm wenigstens das so lange wie es möglich ist.“ So oder so ähnlich sagte sie es.
Ein mal wachte ich auf. Ich war in der Schule und es war der 31.01. Der Tag der Gerichtsverhandlung meiner Mutter. Heute war für mich alles anders. Innerlich war alles anders. Aber ich wurde irgendwie von den Lehrern ja, von dem ganzen Personal anders behandelt. Es war wie ein Zauber…
Alles fing damit an, daß die Weck-Glocke draußen im Flur rasselte und der kleine Sohn von Schwester Jasna die Tür auf riss und uns mit seiner hohen Kinderstimme fröhlich anflötete, daß wir aufstehen sollen. Ich rieb mir immer wieder über die Ohren. nein. War das wirklich Alan? Jaaa. Das war echt Alan. Er kam zu mir und warf sich mit voller Montur in mein Bett und fiel mir um den Hals. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Er riss noch in meinem Bett seinen Mini-Rucksack auf und hielt mir eine Pistole hin. Äm… ich meine natürlich eine Spielzeugpistole. So eine mit Knallmunition zum nachfüllen. Er hätte auch eine und wir könnten uns ja gegenseitig immer wieder erschießen und umfallen üben. „Klar“ sagte ich. Machen wir. „Aber warum schenkst du mir die denn?“ „Naja Mama sagt, daß deine Mama heute aus dem Gefängnis kommt und das wollen wir doch feiern oder?“ „Ä…. Ä….. Yeaaaaaaaaaah!“ Und dann knallte ich ihn ab. Er lachte sich tot und fiel um. Eine lachende Kinderleiche. Mann was hatten wir für einen Spaß. Die anderen waren alle ausgeblendet irgendwie. Sie zogen sich an, aber sie beachteten mich nicht weiter. Alan und ich hatten in meinem Bett eine eigene kleine Welt. Und die war immer wieder mit den selben zwei Leichen gefüllt. Mal er und mal ich. 🙂 Irgendwann kam Schwester Mirijana rein und forderte mich auf, daß ich mich endlich anziehen solle. Alan und ich erschossen sie gleichzeitig. Wie auf ein geheimes Kommando. Sie sagte „Was?“ fiel dann um und lachte sich kaputt wie Alan und ich. Dann stand sie auf und war wieder ganz strenge Kommunistin. Aber sie grinste manchmal.
Ich zog mich also an und erschoss Alan mal ab und zu nebenbei. So wie er mich öfter erschoss, als ich sterben konnte. Er schoss, ich war am fallen und er schoss wieder. „Ey ich hab dich noch mal erschossen. Du mußt wieder umfallen.“ So ging es den ganzen Morgen. Es war wirklich wie ein Zaubertag. Ja. So magisch und irgendwie…. Anders. Keiner beschwerte sich über das unpionierhafte Verhalten, daß wir an den Tag legten. OK wir mußten vor dem Speisesahl singen. Aber das hab ich dann auch noch hinter mich gebracht. Die Mädchen mußten mir übrigens immer noch den Knoten machen. Den konnte ich irgendwie nie. 🙂
Selbst das Frühstück war anders. Irgendwie feierlich. ich weiß nicht wieso. Das hat sich auch alles nie wirklich aufgeklärt. Bis heute ist das für mich ein Zaubertag.
Allerdings begann der Unterricht merkwürdige Formen anzunehmen. An dem Tag hat das auch begonnen. Was ich meine? Die Lehrer und Lehrerinnen lasen immer mehr Kriegsgeschichten aus dem zweiten Weltkrieg vor. Über die Nazis, die alle immer gefoltert und einfach abgeknallt haben, über Partisanen, die Nazis manchmal tage lang gejagt haben, was sie dabei erlebt haben und wie sie ihnen dann irgendwann einen Kopfschuss verpassten. meistens dann, wenn der Nazi „Wie ein Hund“ Wasser aus einer Pfütze trank. Oder wenn er sich morgens beim aufwachen streckte. Aber in den ganzen Geschichten waren die tapferen Partisanen nie für den Nazi zu sehen. Die haben die gejagten immer mutig aus dem Hinterhalt erschossen. Das sind also die Helden des Kommunismus hab ich gedacht und ihnen in Gedanken ins Gesicht gespuckt.
Nun. Lassen wir die Partisanen einfach die Helden sein, die sie immer sein wollten und wohl nie sein werden und wenden uns wieder dem Unterricht zu. Das mit den Kriegsgeschichten geschah immer öfter. Und man redete auch davon, daß man in Jugoslawien bald wieder Krieg haben könnte, denn der Mann, der alles zusammengeschweißt hat, ist ja schon seit einigen Jahren tot. Drug Josip Bros Tito oder so ähnlich. Das war mir alles so egal. Aber bei mir blieb hängen, daß wir bald krieg bekommen könnten. zwei Jahre später sollten die ihren Krieg ja auch bekommen. Aber das wußte ich natürlich nicht.
Zurück zum 31.01. Ich feierte, Alan half mir dabei, nicht an etwas anderes zu denken und wir erschossen jeden, der uns böses oder gutes wollte. Wir behandelten alle kommunistisch gleich. 🙂 Es gab sogar Kuchen für mich am Nachmittag. Alan aß natürlich auch, als er aus seiner Schule wieder zu mir kam. Dann gingen wir wieder nach draußen. Schwester Jasna holte immer wieder neue Munition aus ihrem Lager. 🙂 Ich kann heute wirklich nicht mehr sagen, warum das so ein verzauberter Tag war.
Der Tag ging zu ende. Alan war weg und ich allein im Schlafsaal. Allein mit mir selbst und mit meinen Gedanken. Dieser Tag war ein echter Zaubertag. Ja. Es würde etwas anders werden. Das wußte ich ganz sicher.
Ich ging sehr früh ins Bett und schlief auch bald ein. ich lachte im Traum. Oder lachte ich wirklich? Ich weinte im Traum. Oder weinte ich wirklich? Ich trieb davon. Im Traum? In Wirklichkeit? Im wirklichen Traum? In……..

8. Teil. Aufbruch zur Hölle


Wir saßen im Intercity nach München. Von dort sollte es weiter nach Jugoslawien gehen. Meiner ungewissen Zukunft entgegen. Mir war etwas unwohl, weil ich nicht wußte, was jetzt wie weitergehen würde. Aber das wurde in diesem Moment alles überdeckt durch die Freude, endlich wieder bei meiner Mama zu sein. Ich war besorgt aber gleichzeitig glücklich. Ich saß im Zugrestaurant und aß meine geliebten Spaghetti Bolognese und trank wunderbar süße Cola. Der Zug rollte und ich lachte über den bayerischen Dialekt einiger Fahrgäste. Meine Mutter erklärte mir ganz stolz, daß es in Jugoslawien alles viel besser für mich sein würde, weil die Menschen dort viel netter und freundlicher wären.

Und da bekam ich meinen ersten innerlichen Ausraster. Netter? Freundlicher? Dort? Und da wurde mir bewußt, was ich alles verloren habe. Auf ein mal begann ich, mein sonst so verfluchtes und innig gehasstes Internat zu vermissen. Es war schon etwas nach 20:00 Uhr und ich wollte eigentlich ins Bett. Aber ich war im Zug. Was passiert hier nur…

Meine Mutter war überglücklich und erzählte mir, daß ihr Knastfreund in Hamburg alles regeln würde, damit Mama bald nachkommen kann. Wir, also Mama, meine Schwester und ich würden sehr glücklich in Jugoslawien werden, wo man Familie so hoch hält. ich bekam fast das kotzen. „Warum um alles in der Welt habe ich mich nur darauf eingelassen,“ fragte ich mich. ich konnte es nicht mehr verstehen. Aber vielleicht würde dann wirklich alles gut werden, wenn Mama endlich für immer da wäre… Ich wußte es nicht. ich wußte nur, daß im Moment alles so gut war, wie lange nicht mehr. Mama war da, und weder meine Schwester noch meine Mutters Lover waren da. Ich hatte sie ganz für mich alleine und sie kümmerte sich rührend um mich. Ich war tatsächlich glücklich. Oder? War da nicht ein kleines fieses bohrendes Tierchen, daß an meinen Empfindungen nagte? So ein kleines mieses Tierchen, daß mich warnen wollte? Eines, daß immer wieder zwickte und bohrte? Hämmerte und klopfte? Mal stärker und mal sanfter aber immerzu? Ja. So ein Tierchen war tatsächlich da. Und wißt ihr was? Es tat immer mehr weh, weil es immer wieder an die gleiche Stelle schlug und biss. An den Teil in mir, der Angst hatte. An den Teil in mir, der genug davon hatte, ewig von Ort zu Ort geschleppt zu werden. An den Teil von mir, der Gewissheit haben wollte. Darüber, wo ich hin gehöre.

Und der Zug rollte und rollte. Auf ein mal war es gar nicht mehr so angenehm in diesem Zug. Und immer diese Kommentare meiner Mutter, daß wir bald aus dem verfluchten Deutschland raus wären. Und in dem Moment wußte ich, daß ich tief verletzt wurde. Deutschland hat mir von Anfang an viel mehr gegeben, als die ach so netten und freundlichen Menschen in Jugoslawien, von denen ich selten etwas gutes zu erwarten hatte. Und das sollte jetzt auf ein mal alles anders werden? Das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Aber jetzt war es zu spät. Wir waren unterwegs und mein Untergang war nicht mehr aufzuhalten. Ja. Es sollte ein Untergang werden, aus dessen Trümmern ein viel zu schnell erwachsen gewordener Junge entsteigen würde. Zum Glück konnte ich das nicht wissen. Sonst wäre ich durchgedreht.

Was sich liest wie ein Ausschnitt aus einem dramatischen Filmdrehbuch ist tatsächlich das, was ich erlebt habe und euch hier aufschreiben möchte.

München. Hauptstadt von Bayern und der letzte Bahnhof, in dem meine Füße deutschen Boden berühren sollten. Für viel zu lange Zeit.

Wir stiegen um. Ich sog die rauchige Luft ein. Sie war vermischt mit Essensgerüchen aber auch mit frischer Luft. Ich wußte irgendwie, daß ich so etwas nie wieder riechen würde. Für mich war klar, daß es für mich diesmal keine Rückkehr geben würde. Die Polizei würde sicher schon nach mir suchen und wenn meine Mutter jetzt mit mir umkehren würde, dann würde ich sie nie wiedersehen. Und so hatte ich wenigstens die Chance, daß alles noch irgendwie gut wird. Also fügte ich mich und ging neben meiner Mutter her zu dem Zug, der uns nach Jugoslawien bringen würde.

Im Zug sprach kaum noch einer deutsch. ich war eigentlich schon in Jugoslawien angekommen. ich wollte raus. Raus raus raus… Aber ein Ruck und….. Die Reise begann erneut. Weg von allem, was ich so gehasst…..so geliebt habe…

Ich schlief, wachte auf, schlief, wachte auf… Immer hin und her. Am Morgen waren wir dann in Zagreb angekommen und ich dachte an meine erste Verschleppung nach Jugoslawien. Dort war ich ja auch schon in eine Schule gegangen. So schlecht war es da ja eigentlich nicht. Oder? Ich glaube, ich habe es verdrängt. Egal. Nicht denken. Einfach mitmachen. Und der Zug fuhr weiter.

Am Abend kamen wir dann dort an, wo ich diesmal zur Schule gehen sollte. In Sarajevo. Olympiastadt Sarajevo mit dem Wolf. Mein Gott was für Menschen waren da… Bosnier. Plumpe Menschen mit einer noch plumperen Sprache. Oh ja. Bosnier haben eine verdammt plumpe Art, miteinander und mit anderen umzugehen. Und die Sprache ist eine Beleidigung für all diejenigen, die auch nur etwas Bildung im Leben genossen haben. Ich begann, diese Sprache zu verabscheuen.

Ein „Ey alter“ in Deutschland ist ein „Ey du alter Hurensohn“ (übersetzt) in Bosnien. An Stelle von „Du Teufelskerl“ benutzen sie Sätze wie: „Ich fick dir Gott. Das hast du wirklich gemacht? Der Teufel hat dich gefickt.“ Rauhes lachen rundete alles ab. Ja, das waren Bosnier. Und da war auch ich jetzt. Mein Gott…

Wir waren bei einer Familie zu Gast, die meine Mutter von irgendwo her kannte. Der Hausherr hieß Sudo, die Hausherrin hieß Suncica und die Tochter, die etwa in meinem Alter war hieß Sanja. Sie waren sehr nett und dann wurde mir auch klar, wieso. Sie waren keine Bosnier sondern Serben. Die mochte ich zwar auch nicht, aber sie zählten zu der etwas gehobeneren Klasse und benutzten keine Kraftausdrücke. Das tat mir sehr gut.

Die erste Nacht dort habe ich tief und traumlos geschlafen. Ich wünschte mir im Nachhinein, nicht aufgewacht zu sein, denn was ich dann mitbekam, war der Beginn der Hölle.

Wir frühstückten. Das Frühstück dort war eigentlich bloß Brot mit Jagdwurst. Gewöhnungsbedürftig aber es war essbar und das war schon was. 🙂 Und dann begann es. Meine Mutter rief in Deutschland an. Sie hatte das Internat angerufen und verkündete lautstark, daß ich nie wieder zurückkehren würde. Nie wieder, und ob sie das verstanden hätten. Ich wollte schreien. ich wollte sagen „Nein, nicht so vorschnell. Warte doch erst mal ab. Bitte tu das nicht. Bitte…“ Aber ich war nicht in der Lage dazu. Es war einfach alles zuviel für mich. Ich war erst 10 und all die Ereignisse waren einfach zuviel. Und so hörte ich mit an, wie meine Mutter eine meiner Brücken nach der anderen einzureißen begann. Irgendwann war es vorbei und im Raum war es totenstill. Ich weinte leise. Ganz leise…

Meine Mutter verstand das völlig falsch und sagte mir, daß die bösen deutschen mir nichts mehr tun könnten. ich wäre jetzt in Sicherheit und alles würde gut werden. Mein Gott… Hatte sie denn überhaupt keine Ahnung, was in mir vorging?

Die hatte sie wohl nicht. Die Tage verstrichen und ich freundete mich mit Sanja sehr gut an. Es war alles etwas zur Ruhe gekommen.

Und dann kam der Tag, an dem ich das erste mal die Schule dort besuchte. Das war sie also. Die Blindenschule in Sarajevo. Ein Gelände mit mehreren Häusern. Die Kinder dort waren wirklich nett, aber ich konnte mich einfach nicht mit der bosnischen Dialektik und Redensart anfreunden. Es ging einfach nicht. Es war mir zu fremd. Nun, wir, also die Kinder und ich unterhielten uns im Hof, während meine Mutter die Formalitäten regelte. Und mir wurde endgültig klar, daß ich in dieser Schule nicht bleiben wollte. Die Kinder erzählten mir, daß sie sogar deutsch lernen würden. Ich sagte ihnen, wo ich her kam und daß ich natürlich sehr gut deutsch sprach. So gut, daß mein Jugoslawisch nicht ganz so gut war wie deren. Ich habe deutsch immer fließend und Akzentfrei gesprochen. Das wollte ich mir bewahren. Es war das einzige, was ich noch hatte.

Als meine Mutter mich dann dem Direktor vorstellte sagte ich ihr, daß ich nicht bleiben will und wieder zurück wollte. Ja ich weiß, daß es schon längst zu spät war, aber erst da hatte ich den Mut gefunden. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, daß ich selber versuchen muß, etwas zu unternehmen. Es half nichts. Alles bitten und flehen half nichts.

Aber das „beste“ war, daß Mama sagte, daß sie gleich von einem Auto abgeholt werden würde, und sie nach Deutschland fahren würde. Oh mein Gott warum lässt mich jeder irgendwie allein… Und sie darf da hin, wo ich hin wollte. Der Musiklehrer war auch anwesend. Ein blinder Lehrer namens Ismet, von dem ich heute noch ein immer sichtbares Andenken habe. Aber davon später. Er spielte Akkordeon und meinte wohl, daß er mich aufmuntern könnte. Er spielte ein Kolo. Das sind bosnische Volkstänze, bei denen man immer im Kreis herum hüpft. Ich wollte das alles nicht. Mir war übel. Ich vermisste Milly Vanilly, Samanta Fox, Kim Wilde und all die anderen. Wo bin ich da nur hin geraten… Was ist passiert… Ich schrie innerlich. Ich schrie stumme Schreie. Aber wer sollte sie hören…

Das Auto kam, meine Mutter stieg mit dem Versprechen ein, bald wieder da zu sein und fuhr weg. Für sehr sehr lange Zeit. Was geblieben war? Eine goldene Halskette, die ich trug. Ich war allein. Allein in Jugoslawien. Meine Mutter auf dem Weg in das Land, aus dem ich raus gerissen wurde und in das ich so gerne wieder wollte. Ich wurde da geboren, bin da aufgewachsen. Ich wußte, ich würde nie ein Kommunist werden. Nie. Das haben die in Zagreb schon nicht geschafft und sie würden es auch hier nicht schaffen. Das nahm ich mir fest vor.

Abendessen. Das erste Abendessen in der Schule. Wir mußten uns vor dem Speisesahl aufstellen und ein Pionierslied singen. Man sah mir nach, daß ich keines kannte und so war man nicht böse, daß ich nicht mit sang. Ich war schon einer Schulklasse zugeordnet und die Klassen standen immer zusammen. Nach dem Singen durften wir eintreten. Wir setzten uns an die Tische und bekamen das übliche Abendessen in kommunistischen Ländern. Jagdwurst und Brot. Butter war auch dabei und dann diese ekelhafte Sauermilch. Die gab es in Aluminiumbechern und sie schmeckte furchtbar. Und dann bekam ich mit, was da für eine Musik spielte. Wenn jemand sie nicht trank, dann wurde er sehr stark beschimpft. Mir ging es auch so. Ich mochte das Zeug nicht und kassierte nen Anschiss, der sich gewaschen hat. Ob ich Schwabo (so nannten sie die deutschen abwertend) was besseres gewohnt sei? Ja? Das könnte ich mir abschminken. Das ist Jugoslawien und kein Kinderspielplatz für verwöhnte Goldärsche. Und dann kamen die Auszüge aus diversen Kommunistenzitaten und was Tito nicht alles getan hätte, um Jugoslawien zu vereinigen und daß niemand die Frechheit haben darf, dagegen zu arbeiten. Egal ob Kind oder erwachsener. Ich knickte ein. ich trank meine Milch.

Und da wußte ich es. Ich war endgültig in der Hölle angekommen.