9. Teil. Der Beginn des Untergangs


Das Abendessen habe ich also schon mal überstanden. „Nicht schlecht,“ sagten meine Klassenkameraden. Normalerweise kassiert man bei so etwas eine Ohrfeige. Vielleicht, weil ich neu war? Ich wußte es nicht und hab lieber nicht danach gefragt. Jetzt ging es erst mal in die Schlafräume. Die Schlafräume sind wie in jedem Internat nach Jungs und Mädchen getrennt. Aber was ich da erlebt habe, fiel selbst mir schwer. Und ich hab wirklich schon einiges durchgemacht. Die Einteilung der Zimmer war so, daß alle Jungs oder Mädchen der selben Klasse in einem Raum schliefen. Die Klassen in dieser Schule waren so rund 20 Kinder groß. Das Jungszimmer war also mit 12 Betten ausgestattet. Etagenbetten. „Naja wird schon“ hab ich gedacht und nahm das letzte noch freie Bett oben. Eigentlich cool, so hoch oben zu liegen. Aber es war einfach zu laut in dem Zimmer. Und dann dieses Gewusel dazu. Das war mir zuviel. Ich hab mich in Hamburg ja schon über ein Dreibettzimmer beschwert. naja gut. Weniger wegen der Menge an Mitbewohnern. Aber trotz allem. Insgesamt zwölf war mir dann doch etwas zuviel.

Ich krabbelte also auf mein Bett, nachdem ich im Gemeinschaftswaschraum, dem sich die gesamte Etage teilte Zähne geputzt habe und mich allgemein bettfertig gemacht habe. Und da spürte ich es. Das kühle um meinen Hals. Die Kette…

Meine Mutter hat mir vor dem abschied eine goldene Kette geschenkt. „Die zeigt dir, daß ich in Gedanken immer bei dir bin. Denk an mich und alles wird gut.“ „Wunderbar“ dachte ich. Das ist mir von Mama wenigstens geblieben. Ich wollte mir fest vornehmen, es auszuprobieren.

Die Klingel rasselte. Das Zeichen, daß Licht aus und Mund zu gehört. Jetzt wurde geschlafen. Die Nacht kam. Die erste Nacht in einem fremden Land, mit fremden Kindern und nur mit der Kette meiner Mutter…

Ich konnte einfach nicht einschlafen. So viel ging mir im Kopf herum. Was würde aus mir werden. Hatte ich überhaupt je eine Chance, da wieder rauszukommen? Ich wußte es nicht. Im Moment sah nichts danach aus. Und so schlief ich dann irgendwann ein. Das geatme und geschnarche von elf meiner Mitschüler im Ohr…

„PIIIIISHAAAAANJEEEEEEE!!!“ „Oh mein Gott. Was ist das denn…“ Panisch schreckte ich hoch. Ich fragte, was überhaupt los wäre und wer da so gebrüllt hätte. Vehid der Klassensprecher sagte mir, daß das der Mann von der Nachtwache wäre. Alle werden Nachts um zwei geweckt, um aufs Klo zu gehen. Damit wollte man verhindern, daß die Bettnässer die Matratzen einpissen. (ich wiederhole nur in etwa den Wortlaut.) „Toll. Ich hätte mir fast vor Angst in mein Bettzeug gemacht“ sagte ich zu Vehid. Der sagte, daß ich bloß die Schnauze halten sollte und lieber einfach mitgehen soll, damit es keinen Ärger gibt. Und den konnte es dort auch Nachts geben.
Ich ging also brav Pipi machen und kehrte zurück in mein Bett.

Der erste Morgen. Das erste was ich hörte war die Glocke rasseln. Aufstehzeit. Dann wurden überall die Türen von einem der Oberschüler aufgestoßen, der den Frühdienst hatte. „AUFSTEHEN!“ blaffte er in den Raum und ging weiter zur nächsten Tür. Langsam kamen wir in Fahrt. Es mußte alles schnell gehen, weil im Gemeinschaftswaschraum nur 20 Waschbecken standen. jaaahaaa. 20 Waschbecken. Das klingt viel, ist aber unglaublich wenig. Und das ist laut und hektisch und was weiß ich nicht noch alles gewesen. Irgendwie hab ich es dann aber geschafft, mit meiner Klasse vor dem Speisesahl zu gelangen. Dort standen schon die anderen Schüler aus den anderen Klassen Schlange. Vehid gab mir eine Tüte und rief Sonja. Sonja war eines der Mädchen. Er flüsterte ihr zu, daß er vergessen hat, mir gestern diese Tüte zu geben und daß ich heute in meinen Pioniersklamotten erscheinen soll. Sie fluchte und zerrte mich in ein Zimmer irgendwo in diesem langen Flur. Dort erklärte sie mir, daß ich die Bluse zu tragen habe und auch das Halstuch. Sie würde mir den Pioniersknoten so lange knoten, bis ich es eines Tages selber könne. ich bedankte mich und sagte, daß ich es schön fand, daß sie so nett zu mir ist. „Ach was“ sagte sie. „Die ganze Klasse kriegt Ärger, wenn du das nicht hinbekommst. Deshalb helfe ich dir.“ Ernüchtert und in den Pioniersklamotten trottete ich hinter ihr her auf den Flur zurück. Dort stand schon „Drugarica Mirijana“ eine unserer Lehrerinnen und räusperte sich auffällig, sagte aber nichts weiter.

Also die ganze Schule stand da vor dem Speisesahl und dann stimmte sie das Pionierslied an. Wir sangen es, also die anderen. Ich nur die Melodie so gut ich konnte. Dann ging die Tür auf und wir durften endlich rein und essen. Das Frühstück war gar nicht mal so übel.. Aber ich konnte es nicht genießen. Nicht an diesem Morgen und auch an keinem der folgenden.

Nach dem frühstück ging es übergangslos in die Klassenzimmer. Dort warteten wir auf die Lehrkraft. Sie kam und der Klassensprecher meldete die Klasse plus einen neuen vollzählig anwesend. Dann wurde ich vorgestellt. Ich wurde gefragt, wer ich war und wo ich her komme. Ich antwortete. Aber nach den ersten drei Worten begann das Getuschel. „Aufstehen.. Du musst aufstehen verdammt mach schon aufstehen du musst“…… ich reagierte schnell und stand auf und begann abermals.

„Bei euch in Deutschland steht man wohl nicht auf, wenn man zum Lehrer oder zur Klasse spricht?“ „Nein das tut man nicht.“ Und dann begann ein Vortrag. Nein, nicht an mich. An die Klasse. Wie nachlässig und disziplinlos die westlichen Länder, also die nicht-kommunistischen Länder wären. Man hätte dort keinen Anstand. Die Klasse solle mich bitte anleiten, damit ich es schnell lerne und die Klasse solle sich hüten, meine Verhaltensweise als Vorbild zu nehmen. Puuuuuuhhhh. Das war damit erst mal gegessen. Der Unterricht begann. ich fügte mich relativ schnell ein. Ich sprach die Sprache ja schon und so fiel es mir nicht schwer, auch die Schreibweise zu lernen. Das ging irgendwie reibungslos.

Nach der ersten Stunde nahm mich die Lehrerin mit in ihr Büro und sagte mir, daß sie mit mir wegen der Kette sprechen wolle. Ich überlegte, weil ich im ersten Moment wirklich keine Ahnung hatte, was sie von mir wollte. Sie sagte, daß es ihr um die goldene Kette ging, die ich um den Hals trage. Ich erzählte ihr, daß sie von meiner Mama ist als Andenken. Sie sagte, daß es unter Kommunisten nicht üblich ist, seinen Reichtum zur Schau zu stellen und ich die Kette abgeben soll. Man würde sie für mich verwahren, bis ich das Internat verlasse. dann, zum Beispiel zu den Ferien, würde ich sie wiederkriegen. Als ich fragte, ob es einen Unterschied mache, ob ich meinen „Reichtum“ innerhalb oder außerhalb des Internates zur Schau stelle, sagte sie, daß das kein Grund ist, frech zu werden.

Ich mußte meine Kette abgeben. meine Kette. Die einzige Verbindung zu meiner Mama. Wer sollte mir denn jetzt noch helfen. Jetzt war sie für mich ganz weg. Wirklich ganz ganz weg. Ich war jetzt endgültig allein in Jugoslawien. Jetzt würde Mama mir nicht mehr beistehen können. Selbst dann nicht, wenn ich an sie denken. und zu allem Überfluss bekam ich wegen meiner „Frechheit“ die schlechteste Tagesnote in Betragen. das war eine 5. Die 1 war die beste Note. So waren das Schulnotensystem in Jugoslawien. Und im Internat galt die Regel, daß der oder diejenige, der/die diese 5 in irgend einem Fach erhält um 19:00 Uhr im Bett zu liegen hat. Ja. Auch die Oberschüler. Man will ja im Kommunismus niemanden besser stellen.

Das Mittagessen war ein Graus. Die Jugoslawen kochen nur in ihren Restaurants so lecker. Der normale Jugo isst viel fettiges und Fleisch von schlechter Qualität. Oder es gab Leberpastete, die gestunken hat wie…. Ich weiß nicht wie. Dazu ein Stück Butter und Kartoffelbrei. Oder…. Ach ich denke ihr wißt schon, was ich sagen will.

So gingen die Tage. Einer nach dem anderen. Es stellte sich die Frage, wo ich am Wochenende hin solle. Irgend welche Leute in der Schule hatten die geniale Idee, daß ich zur Familie meines Vaters soll, weil ich die ja schon kennen würde. Das Problem war nur, daß ich diese Menschen nicht wirklich mochte. Die oberste Hausherrin war die Oma und eine strenge Muselmanin. So streng… Ich wollte das nicht. Aber es half alles nichts. Ich sollte ein guter Jugoslawe werden und auch ein guter Bosnier, also gehe ich da auch gefälligst hin.

Das war furchtbar. Jeden tag zig mal beten. ich glaube fünf mal. Und ich mußte diesen ganzen Muselmanenkack auswendig lernen. Das war nichts für mich. Ich habe und hatte damals auch Gott immer in meinem Herzen. Ich brauchte keine Kirche oder Religion, um meinen Glauben zu bekräftigen. Also fassen wir zusammen. Fünf mal am Tag beten, darüber hinaus die moslemischen Regeln einhalten, die eh schwer genug waren und dann…. Das schlechte Gerede über meine Mutter. Das mußte ich mir ständig anhören. Wie schlecht sie doch ihren Mann behandelt hat. Ja sicher hat er sie geschlagen, aber das bedeutet ja nur, daß sie nicht folgsam und keine Gute Ehefrau war und so weiter und so weiter. das alles durfte ich mir immer wieder anhören. Entweder, wenn sie mit mir direkt sprachen oder wenn sie jemandem erklärten, wer ich war. Dann kam das Thema automatisch auf meine Mutter. „Wenn sie eine gute Mutter wäre, dann wäre er jetzt im reichen Deutschland geblieben und säße jetzt nicht hier bei uns als armer Jugoslawe.“

Und wißt ihr, was das schlimmste daran war? Sie hatten nicht mal Unrecht damit. Und dafür hasste ich mich. ja. Ich begann mich dafür zu hassen, daß ich ihnen Recht geben mußte in dieser Sache. Ich wollte es nicht, aber meine Logik funktionierte einwandfrei.

Ich redete mit einem Lehrer aus der Schule über all das und fragte, ob ich nicht zu der Familie mit Sudo, Suncica und Sanja gehen könnte. Die haben das irgendwie geregelt und dann durfte ich das auch. Mein Gott war ich froh.

Und so begann ich, langsam, ganz langsam etwas ruhiger zu werden und versuchte jeden Tag aufs neue, den selbigen zu überstehen. Und das war wirklich nicht einfach.

Und dann kam der Tag, den ich nie wieder vergessen kann. Selbst dann nicht, wenn ich es gewollt hätte. Es geschah in der Musikstunde mit dem blinden Ismet. Ich sollte die bis dahin schlimmsten 45 Minuten erleben, die ich in dieser Schule je erlebt habe.

Doch davon im nächsten Teil.

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