Archiv für den Monat November 2013

10. Teil. Gezeichnet für immer


Es war ein Morgen wie jeder andere. Doch diesen Tag sollte ich nie mehr in meinem Leben vergessen. Nie mehr…

Wir standen auf wie immer, stressig wie immer, standen an vor dem Speisesahl wie immer. Inzwischen konnte ich das Pionierslied singen. Dafür haben etliche Abreibungen und Fünfernoten in Betragen gesorgt. Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer um 19:00 ins Bett zu gehen. Und so begann ich, diesen mir so verhassten Text zu lernen. Heute weiß ich den nicht mehr, wofür ich auch sehr dankbar bin.

Das frühstück war wie gesagt gar nicht mal so unlecker. Und an besagtem Tag war es etwas relaxter. Ich hatte also genügend Zeit, um über alles mögliche nachzudenken. Da war die Familie meines Vaters, die meine Mutter (wahrscheinlich mit Absicht) vor mir so schlecht geredet hat, wo sie nur konnte. Dann war da noch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja, die immer sehr nett zu mir war. Und dann war da noch Schwester Jasna, die sich sehr große Sorgen machte, weil ich nicht richtig essen wollte. Das lag aber auch an diesem furchtbaren Mittagessen und am Abend an der verhassten Sauermilch. ich weiß nicht, was das war, aber es schmeckte so wie der türkische Ayran. OK, türkisch ist Ayran nicht, aber ich glaube im Kaukasus und/oder in Anatolien wurde er erfunden. Keine Ahnung. Jedenfalls schmeckte das Zeug widerlich.

Jedenfalls machte sich Schwester Jasna Sorgen. Wer war sie überhaupt, wollt ihr wissen? Sie war die Schulschwester. Also von der medizinischen Station. Pflaster und so Mimimi-Sachen. Aber manchmal auch echte Fälle. Ansteckende Kinderkrankheiten und so. Sie machte sich immer sehr große Sorgen und beobachtete mich, wo sie konnte. Ich mochte sie auch sehr und zeigte ihr das auch.

Und dann war da auch meine Mutter. Ich vermisste sie sehr. Aber immer wenn ich an sie dachte, war das so ein dumpfes hoffnungsloses Gefühl. Ich würde sie nie wieder sehen. Das war mir irgendwie klar. Ich war ganz fest davon überzeugt. Hier, also aus Jugoslawien kam ich nie wieder raus. Ich dachte an Deutschland, meine Klassenkameraden und an mein geliebtes/verhasstes Internat in Hamburg. Wie gern wäre ich dort hin zurück gegangen…

Das Frühstück war um und wir rannten zu den Klassenräumen. Wir betraten die Klasse und bereiteten alles für die Lehrerin vor, die uns unterrichten würde. Sie kam und Vehid der Klassensprecher machte seinen Spruch. Klasse soundso meldet sich vollzählig zum Unterricht bereit oder so ähnlich. Wir durften uns setzen und der Unterricht begann.

Dann irgendwann, es war noch vor der großen Mittagspause, hatten wir Musik bei dem blinden Ismet. Das war in Deutschland immer ein Fach gewesen, daß ich sehr geliebt habe. Aber der Musikunterricht dort unterschied sich gewaltig von dem in Hamburg. Der Lehrer saß ständig vor seinem Klavier und wir mußten so Dinge tun wie Noten Singen. Do Re Mi Fa So La Si Do und rückwärts. Aber damit nicht genug. Anstatt richtige Lieder zu lernen, mußten wir ganze Melodien mit dem Do Re Mi Fa So La Si Do singen. Aber manchmal war er auch in Klopflaune. Dann sollten wir ein Gefühl für Rhythmen bekommen. Ismet klopfte den Takt und wir sollten ihn erst zusammen und dann einzeln nachklopfen.

Nedjad, Hussejn und ich waren die Klassenkasper. Und auch in dieser Musikstunde zeigten wir wieder, was wir an Späßen so drauf hatten. Das gefiel dem sehr strengen Ismet überhaupt nicht. Ich saß am dichtesten an ihm dran und er kam zu mir an den Platz. Er schrie mich an, daß ich gefälligst mitmachen sollte.

Die Tische in dem Musikraum waren alle mit einer Art Teppich überzogen. Er war mit großen Nägeln einfach auf den Tisch genagelt worden. Bei mir befand sich etwas links von der Mitte der Kante und ein Stück in Richtung Tischmitte ein Nagel, der schräg stand. Also die Kante des Nagel- oder Schraubenkopfes stand nach oben ab. Ismet suchte meine Hand, fand sie und schrie mir den Takt ins Ohr, während er meine Hand zur Faust ballte und im Takt dazu auf den Tisch donnerte. Wieder und wieder und wieder… Als er zufrieden war, ging er wieder an seinen Platz und ließ die anderen einzeln nachklopfen. Ich saß da und war aus einem Grund, den ich nicht verstand unter Schock oder etwas in der Art. Ich hab alles nur so halb mitbekommen. ich hörte Gordana und Sonja, (zwei Mädchen aus unserer Klasse) miteinander tuscheln. „Ich muß das melden. Überall Blut…“ „Halts Maul, sonst bist du auch dran.“ „Ja aber…“ Nach einer Weile, ich weiß nicht, wieviele Minuten verstrichen waren oder ob Sonja direkt nach dem Geflüster Meldung gemacht hat, stand sie auf und unterbrach Ismet mit einigen Entschuldigungen. Sie sagte, daß ich mich verletzt hätte und daß es nicht aufhörte zu bluten. Er sagte nur: „Sonja und er gehen zur Station. Der Rest macht weiter.“

Sonja tippte mich an und ich hob leicht den Kopf. Sie sagte: „Komm. Schnell…“ Und ich ging total benommen nach draußen in den Flur. Sie schleppte mich mehr, aber wir kamen voran. Sie fragte, ob es das war, was sie vermutet. ich sagte, daß ich nicht weiß was sie meint, aber daß da ein Nagel war und Ismet meine Faust immer wieder da drauf gedonnert hat. Dann endlich brach ich in Tränen aus. Sonja nahm mich glaub ich in den Arm, legte ihren Mund an mein Ohr und sagte sehr eindringlich: „Wenn dir deine Zukunft noch etwas wert ist, erzähle etwas von einem blöden Missgeschick. Sonst wirst du deines Lebens nie wieder froh. Glaub mir. Hör auf mich und halt die Fresse bei Jasna.“ Ich fragte sie, warum ich immer Pech mit allem habe und ausgerechnet an meinem Platz so ein… Sie unterbrach mich: „Oh, das wußtest du nicht? Jeder Platz hat so einen zufällig schräg stehenden Nagel… Oh mein armer. Komm jetzt mit sonst verblutest du.“

Ich lies mich weinend von ihr weiter bis zur Station schleppen. Sie lieferte mich bei Schwester Jasna ab, sagte ihr noch, wo wir lang gegangen sind und wo daher Blut weg gemacht werden sollte. Beim rausgehen sagte sie auch für Schwester Jasna gut hörbar: „Er hat AUSVERSEHEN Bekanntschaft mit dem Nagel gemacht.“ Schwester Jasna fragte nur: „Ismets Kabinett?“ Sonja muß wohl genickt haben, denn Schwester Jasna fing an zu schnauben und sagte dann gefährlich leise: „Es ist gut. Geh jetzt zurück zum Unterricht. ich kümmer mich um alles andere hier. Und melde ihn als nicht unterrichtsfähig für den Rest des Tages.“ „Ja“ hauchte Sonja, strich mir sanft über den Nacken und verschwand wieder.

Sobald Sonja die Tür geschlossen hatte und weg gerannt war, kam Leben in die Schulkrankenschwester. Sie nahm meine linke Hand und sog dann scharf die Luft ein. „Ich… Ich krieg das hin OK? OK? Wir schaffen das gemeinsam. Du beißt jetzt fest die Zähne zusammen und ich entferne den Rost…“ Rost? Oh Mann, was war denn da bloß passiert… Ich fragte sie, was sie mit Rost meinte. „Ruhig jetzt. wir reden gleich.“ Und sie begann mit kleinen Gerätschaften oder so meine Wunde zu reinigen. Es tat höllisch weh. Sie sagte, daß sie schnell arbeiten müsse wegen Blutvergiftung. Dann legte sie mir einen Verband an und setzte sich neben mich.

„So. Und jetzt sag mir, was los war.“ ich erzählte ihr irgendwas von einem Missgeschick und… „LÜG MICH NICHT AN! ER WAR DAS STIMMTS? ISMET WAR DAS! ODER??? ODER???“ Mir war alles egal. Also knickte ich ein und gestand es ihr. Ich fing noch stärker an zu weinen und erzählte ihr mein ganzes Leid in Kurzform. Ich hörte gar nicht mehr auf zu reden. ich begann irgendwo in Hamburg und endete dann dort. Und dann….. Dann weinten wir beide. Lange und stumm. Sie hielt mich im Arm. Ihre Tränen tränkten meine Kleidung und meine ihre…

Irgendwann sah sie auf und sagte, daß wir zum Arzt damit müssen. Sie ging mit mir zum Direktor und erzählte ihm die gleiche Geschichte, die mir Sonja schon empfohlen hatte. Er erlaubte ihr, mich in ihrem Privatauto zum Arzt zu fahren. Und das tat sie auch. Dort wurde der Finger noch mal begutachtet aber mehr als Schwester Jasna konnte der Arzt auch nicht tun. Der Arzt war sich nur nicht sicher, ob mit dem Fingernagel alles glatt gehen würde oder ob man ihn entfernen muß.

Wir fuhren also zurück und Jasna hatte vorher noch Instruktionen vom Arzt eingeholt, wie sie den Finger während der nächsten Tage zu behandeln und zu beobachten hatte. Während der Autofahrt griff Schwester Jasna immer wieder nach hinten und strich mir über die Wange oder dort über den Körper, wo sie mich gerade erreichte. Danach verprügelte sie immer wieder ihr Lenkrad und fluchte irgend etwas von einem geisteskranken, der wegen seiner Blindheit nicht abgewiesen wurde. „Mit anderen blinden kann er es ja machen. Und dann auch noch Kinder. KINDER!!“ So ging das, bis wir wieder in der Schule waren.

Essen wollte ich natürlich nichts. Aber Schwester Jasna bestand darauf, daß ich mich auf der Schulstation hinlegte, weil ich viel Blut verloren hätte. Dort angekommen legte ich mich auch sofort hin. Eine halbe Stunde später kam sie mit wundervoll duftendem Essen zurück. „Hier iss und sag niemandem was davon. Das hab ich in der Stadt gekauft.“ Das waren Cevapcici mit lecker Fladenbrot. Und oh Mann jaaa. Ich habe gefressen wie ein verhungerter. Und Schwester Jasna lächelte hörbar und strich mir über den Kopf. „Iss. Ich pass hier auf.“ Als ich nicht mehr konnte, aß sie den Rest. Sie sagte mir, daß ich jetzt schlafen soll. Und vorher sagte sie noch, daß es besser für uns alle wäre, wenn wir die Geschichte mit dem Unfall beibehalten. Sonja hätte schon dafür gesorgt, daß sich das genau so verbreitet. ich fragte Schwester Jasna, ob wirklich auf jedem Platz so ein Nagel schräg im Tisch stand. „Ja, das ist so“ sagte sie. Dann ging sie raus, schloss die Tür und fluchte, wie ein Pirat es nicht besser hätte tun können. Der Fluch schloss mit einem Geklirre ab. Dann schlief ich ein.

Ich wachte irgendwann in der Nacht erst wieder auf und fühlte mich müde. Im Nebenzimmer war jemand. Ich rief und sofort kam jemand rein. Es war eine andere Schwester die sagte, daß ich ruhig bis zum Morgen hier weiterschlafen könne.

Und so begann der Alltag wieder. Mein Finger wurde jeden Tag zwei mal neu verbunden und behandelt. Mit Cremes, Tropfen und was weiß ich nicht noch alles. Schwester Jasna sagte mit einem Ernst, der mir klar machte, daß sie das nicht zum Spaß sagte: „Die Fingerkuppe wird nicht absterben. Allerdings wirst du vielleicht Probleme mit dem Nagel kriegen. Er wird nie wieder so wachsen wie vorher. Wir müssen nur beobachten, ob er seitlich wachsen wird oder gerade wie bisher. Aber er wird wohl gespalten weiterwachsen. dein ganzes Leben lang.“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. mein Nagel? Mein Mittelfinger? Das konnte nicht sein. Aber ja. Er tat immer noch sehr weh und pochte wie verrückt. Aber der Schmerz machte mir klar, daß ich noch da war. Er zeigte mir, daß ich noch fühlen konnte.

Ismet hat das Thema übrigens nie wieder angesprochen. Nie wieder. Er hat das einfach so abgetan. ich begann ihn zu hassen wie die Pest. ich entwickelte einen echten Hass auf diesen Mann. Einen Hass, wie ihn ein Kind eigentlich nicht empfinden dürfte. Heute weiß ich, daß ich damals definitiv zu jung dafür war.

Eine Verschnaufpause gab es für mich nicht, denn einige Zeit später erreichte mich ein sehr verhängnisvoller Brief aus Deutschland. Er kam von meiner Mutter.

Doch davon im nächsten Teil.

9. Teil. Der Beginn des Untergangs


Das Abendessen habe ich also schon mal überstanden. „Nicht schlecht,“ sagten meine Klassenkameraden. Normalerweise kassiert man bei so etwas eine Ohrfeige. Vielleicht, weil ich neu war? Ich wußte es nicht und hab lieber nicht danach gefragt. Jetzt ging es erst mal in die Schlafräume. Die Schlafräume sind wie in jedem Internat nach Jungs und Mädchen getrennt. Aber was ich da erlebt habe, fiel selbst mir schwer. Und ich hab wirklich schon einiges durchgemacht. Die Einteilung der Zimmer war so, daß alle Jungs oder Mädchen der selben Klasse in einem Raum schliefen. Die Klassen in dieser Schule waren so rund 20 Kinder groß. Das Jungszimmer war also mit 12 Betten ausgestattet. Etagenbetten. „Naja wird schon“ hab ich gedacht und nahm das letzte noch freie Bett oben. Eigentlich cool, so hoch oben zu liegen. Aber es war einfach zu laut in dem Zimmer. Und dann dieses Gewusel dazu. Das war mir zuviel. Ich hab mich in Hamburg ja schon über ein Dreibettzimmer beschwert. naja gut. Weniger wegen der Menge an Mitbewohnern. Aber trotz allem. Insgesamt zwölf war mir dann doch etwas zuviel.

Ich krabbelte also auf mein Bett, nachdem ich im Gemeinschaftswaschraum, dem sich die gesamte Etage teilte Zähne geputzt habe und mich allgemein bettfertig gemacht habe. Und da spürte ich es. Das kühle um meinen Hals. Die Kette…

Meine Mutter hat mir vor dem abschied eine goldene Kette geschenkt. „Die zeigt dir, daß ich in Gedanken immer bei dir bin. Denk an mich und alles wird gut.“ „Wunderbar“ dachte ich. Das ist mir von Mama wenigstens geblieben. Ich wollte mir fest vornehmen, es auszuprobieren.

Die Klingel rasselte. Das Zeichen, daß Licht aus und Mund zu gehört. Jetzt wurde geschlafen. Die Nacht kam. Die erste Nacht in einem fremden Land, mit fremden Kindern und nur mit der Kette meiner Mutter…

Ich konnte einfach nicht einschlafen. So viel ging mir im Kopf herum. Was würde aus mir werden. Hatte ich überhaupt je eine Chance, da wieder rauszukommen? Ich wußte es nicht. Im Moment sah nichts danach aus. Und so schlief ich dann irgendwann ein. Das geatme und geschnarche von elf meiner Mitschüler im Ohr…

„PIIIIISHAAAAANJEEEEEEE!!!“ „Oh mein Gott. Was ist das denn…“ Panisch schreckte ich hoch. Ich fragte, was überhaupt los wäre und wer da so gebrüllt hätte. Vehid der Klassensprecher sagte mir, daß das der Mann von der Nachtwache wäre. Alle werden Nachts um zwei geweckt, um aufs Klo zu gehen. Damit wollte man verhindern, daß die Bettnässer die Matratzen einpissen. (ich wiederhole nur in etwa den Wortlaut.) „Toll. Ich hätte mir fast vor Angst in mein Bettzeug gemacht“ sagte ich zu Vehid. Der sagte, daß ich bloß die Schnauze halten sollte und lieber einfach mitgehen soll, damit es keinen Ärger gibt. Und den konnte es dort auch Nachts geben.
Ich ging also brav Pipi machen und kehrte zurück in mein Bett.

Der erste Morgen. Das erste was ich hörte war die Glocke rasseln. Aufstehzeit. Dann wurden überall die Türen von einem der Oberschüler aufgestoßen, der den Frühdienst hatte. „AUFSTEHEN!“ blaffte er in den Raum und ging weiter zur nächsten Tür. Langsam kamen wir in Fahrt. Es mußte alles schnell gehen, weil im Gemeinschaftswaschraum nur 20 Waschbecken standen. jaaahaaa. 20 Waschbecken. Das klingt viel, ist aber unglaublich wenig. Und das ist laut und hektisch und was weiß ich nicht noch alles gewesen. Irgendwie hab ich es dann aber geschafft, mit meiner Klasse vor dem Speisesahl zu gelangen. Dort standen schon die anderen Schüler aus den anderen Klassen Schlange. Vehid gab mir eine Tüte und rief Sonja. Sonja war eines der Mädchen. Er flüsterte ihr zu, daß er vergessen hat, mir gestern diese Tüte zu geben und daß ich heute in meinen Pioniersklamotten erscheinen soll. Sie fluchte und zerrte mich in ein Zimmer irgendwo in diesem langen Flur. Dort erklärte sie mir, daß ich die Bluse zu tragen habe und auch das Halstuch. Sie würde mir den Pioniersknoten so lange knoten, bis ich es eines Tages selber könne. ich bedankte mich und sagte, daß ich es schön fand, daß sie so nett zu mir ist. „Ach was“ sagte sie. „Die ganze Klasse kriegt Ärger, wenn du das nicht hinbekommst. Deshalb helfe ich dir.“ Ernüchtert und in den Pioniersklamotten trottete ich hinter ihr her auf den Flur zurück. Dort stand schon „Drugarica Mirijana“ eine unserer Lehrerinnen und räusperte sich auffällig, sagte aber nichts weiter.

Also die ganze Schule stand da vor dem Speisesahl und dann stimmte sie das Pionierslied an. Wir sangen es, also die anderen. Ich nur die Melodie so gut ich konnte. Dann ging die Tür auf und wir durften endlich rein und essen. Das Frühstück war gar nicht mal so übel.. Aber ich konnte es nicht genießen. Nicht an diesem Morgen und auch an keinem der folgenden.

Nach dem frühstück ging es übergangslos in die Klassenzimmer. Dort warteten wir auf die Lehrkraft. Sie kam und der Klassensprecher meldete die Klasse plus einen neuen vollzählig anwesend. Dann wurde ich vorgestellt. Ich wurde gefragt, wer ich war und wo ich her komme. Ich antwortete. Aber nach den ersten drei Worten begann das Getuschel. „Aufstehen.. Du musst aufstehen verdammt mach schon aufstehen du musst“…… ich reagierte schnell und stand auf und begann abermals.

„Bei euch in Deutschland steht man wohl nicht auf, wenn man zum Lehrer oder zur Klasse spricht?“ „Nein das tut man nicht.“ Und dann begann ein Vortrag. Nein, nicht an mich. An die Klasse. Wie nachlässig und disziplinlos die westlichen Länder, also die nicht-kommunistischen Länder wären. Man hätte dort keinen Anstand. Die Klasse solle mich bitte anleiten, damit ich es schnell lerne und die Klasse solle sich hüten, meine Verhaltensweise als Vorbild zu nehmen. Puuuuuuhhhh. Das war damit erst mal gegessen. Der Unterricht begann. ich fügte mich relativ schnell ein. Ich sprach die Sprache ja schon und so fiel es mir nicht schwer, auch die Schreibweise zu lernen. Das ging irgendwie reibungslos.

Nach der ersten Stunde nahm mich die Lehrerin mit in ihr Büro und sagte mir, daß sie mit mir wegen der Kette sprechen wolle. Ich überlegte, weil ich im ersten Moment wirklich keine Ahnung hatte, was sie von mir wollte. Sie sagte, daß es ihr um die goldene Kette ging, die ich um den Hals trage. Ich erzählte ihr, daß sie von meiner Mama ist als Andenken. Sie sagte, daß es unter Kommunisten nicht üblich ist, seinen Reichtum zur Schau zu stellen und ich die Kette abgeben soll. Man würde sie für mich verwahren, bis ich das Internat verlasse. dann, zum Beispiel zu den Ferien, würde ich sie wiederkriegen. Als ich fragte, ob es einen Unterschied mache, ob ich meinen „Reichtum“ innerhalb oder außerhalb des Internates zur Schau stelle, sagte sie, daß das kein Grund ist, frech zu werden.

Ich mußte meine Kette abgeben. meine Kette. Die einzige Verbindung zu meiner Mama. Wer sollte mir denn jetzt noch helfen. Jetzt war sie für mich ganz weg. Wirklich ganz ganz weg. Ich war jetzt endgültig allein in Jugoslawien. Jetzt würde Mama mir nicht mehr beistehen können. Selbst dann nicht, wenn ich an sie denken. und zu allem Überfluss bekam ich wegen meiner „Frechheit“ die schlechteste Tagesnote in Betragen. das war eine 5. Die 1 war die beste Note. So waren das Schulnotensystem in Jugoslawien. Und im Internat galt die Regel, daß der oder diejenige, der/die diese 5 in irgend einem Fach erhält um 19:00 Uhr im Bett zu liegen hat. Ja. Auch die Oberschüler. Man will ja im Kommunismus niemanden besser stellen.

Das Mittagessen war ein Graus. Die Jugoslawen kochen nur in ihren Restaurants so lecker. Der normale Jugo isst viel fettiges und Fleisch von schlechter Qualität. Oder es gab Leberpastete, die gestunken hat wie…. Ich weiß nicht wie. Dazu ein Stück Butter und Kartoffelbrei. Oder…. Ach ich denke ihr wißt schon, was ich sagen will.

So gingen die Tage. Einer nach dem anderen. Es stellte sich die Frage, wo ich am Wochenende hin solle. Irgend welche Leute in der Schule hatten die geniale Idee, daß ich zur Familie meines Vaters soll, weil ich die ja schon kennen würde. Das Problem war nur, daß ich diese Menschen nicht wirklich mochte. Die oberste Hausherrin war die Oma und eine strenge Muselmanin. So streng… Ich wollte das nicht. Aber es half alles nichts. Ich sollte ein guter Jugoslawe werden und auch ein guter Bosnier, also gehe ich da auch gefälligst hin.

Das war furchtbar. Jeden tag zig mal beten. ich glaube fünf mal. Und ich mußte diesen ganzen Muselmanenkack auswendig lernen. Das war nichts für mich. Ich habe und hatte damals auch Gott immer in meinem Herzen. Ich brauchte keine Kirche oder Religion, um meinen Glauben zu bekräftigen. Also fassen wir zusammen. Fünf mal am Tag beten, darüber hinaus die moslemischen Regeln einhalten, die eh schwer genug waren und dann…. Das schlechte Gerede über meine Mutter. Das mußte ich mir ständig anhören. Wie schlecht sie doch ihren Mann behandelt hat. Ja sicher hat er sie geschlagen, aber das bedeutet ja nur, daß sie nicht folgsam und keine Gute Ehefrau war und so weiter und so weiter. das alles durfte ich mir immer wieder anhören. Entweder, wenn sie mit mir direkt sprachen oder wenn sie jemandem erklärten, wer ich war. Dann kam das Thema automatisch auf meine Mutter. „Wenn sie eine gute Mutter wäre, dann wäre er jetzt im reichen Deutschland geblieben und säße jetzt nicht hier bei uns als armer Jugoslawe.“

Und wißt ihr, was das schlimmste daran war? Sie hatten nicht mal Unrecht damit. Und dafür hasste ich mich. ja. Ich begann mich dafür zu hassen, daß ich ihnen Recht geben mußte in dieser Sache. Ich wollte es nicht, aber meine Logik funktionierte einwandfrei.

Ich redete mit einem Lehrer aus der Schule über all das und fragte, ob ich nicht zu der Familie mit Sudo, Suncica und Sanja gehen könnte. Die haben das irgendwie geregelt und dann durfte ich das auch. Mein Gott war ich froh.

Und so begann ich, langsam, ganz langsam etwas ruhiger zu werden und versuchte jeden Tag aufs neue, den selbigen zu überstehen. Und das war wirklich nicht einfach.

Und dann kam der Tag, den ich nie wieder vergessen kann. Selbst dann nicht, wenn ich es gewollt hätte. Es geschah in der Musikstunde mit dem blinden Ismet. Ich sollte die bis dahin schlimmsten 45 Minuten erleben, die ich in dieser Schule je erlebt habe.

Doch davon im nächsten Teil.