Archiv für den Monat Oktober 2011

4. Teil. Wie etwas in mir zerbrach und eine Erkenntnis reifte


Wir kamen in Hamburg am Flughafen an, und meine Mama wartete auf uns. Habe ich mich gefreut, sie wieder zu sehen. Wir fuhren auch gleich in die Wohnung, in der sie noch wohnte. Das erste, was mir entgegen sprang, war ein widerliches Hundeteil. Entschuldigung an alle Hundefreunde, aber ich mag keine kleffenden Zwergpudel. Und genau das war dieser Hund. Ein ewig laut und in hohen Tönen kleffender Zwergpudel, der auch noch Pascha hieß. „Oh mein Gott“, dachte ich. Das zweite, was ich festgestellt habe war, daß es in der Wohnung gar nicht nach Umzug aussah. „Merkwürdig. Sehr sehr merkwürdig“ dachte ich und hab es erst mal so hingenommen. Ich wollte ja eh in Hamburg bleiben, also habe ich es für gut befunden. Das würde mir die Pläne unheimlich erleichtern.

In die Schule zu meinen Freunden konnte ich nicht, weil da auch Ferien waren. Macht nichts. So konnte ich mich erst mal ausruhen. Endlich wieder die deutsche Sprache hören und sprechen, deutsches Fernsehen und deutsches Radio. Deutsches Essen und deutsche Nachbarn. Mein Gott war ich glücklich. Mein Hamburg hatte mich wieder, und ich würde mich nicht wieder weg schicken lassen. Nie wieder.

ich weiß nicht, wie lange wir da waren. Ich weiß nur, daß es sehr sehr schön war. Ich habe gar nicht mehr an Zagreb gedacht. Wie furchtbar war dann die Eröffnung meiner Mutter, daß Zenita, Xenia und ich wieder zurück fliegen sollten. „Was? Wieder zurück nach Zagreb“? „Nein. Das mach ich nicht.“ Das hat meine Mutter überhaupt nicht verstanden. Sie würde ja bald nachkommen mit meiner Schwester. Auf meine Frage, warum sie das vor 3oder mehr Monaten gesagt, und bis jetzt nichts unternommen hat sagte sie, daß ich das doch verstehen müsse. Meine Schwester mit ihren Drogen. Da gäbe es Probleme, und es wäre etwas da zwischen gekommen. Und das war auch wieder so etwas. „Das mußt du verstehen.“ Immer dieser Satz. Den sollte ich in meinem Leben noch ganz ganz oft zu hören bekommen.

Ich überlegte, was ich denn tun könnte, um nicht mitfliegen zu müssen, aber mir ist nichts eingefallen. So schwer wog, daß ich blind war. ich glaube, da habe ich es zum ersten mal gehasst, blind zu sein, weil ich nicht einfach abhauen konnte. Ich erinnerte mich an meine Abhaupläne, die ich mit Peter und Bülent im Internat geschmiedet habe. Aber die zielten ja immer darauf ab, daß wir versuchen würden, nach Hause zu kommen. Aber von genau da wollte ich ja weg, um nicht von da weg zu müssen. Mein Gott, wie paradox… jedenfalls waren sie deshalb auch nicht umzusetzen. Ich mußte mich also in mein Schicksal fügen. Wieder ein mal.

Dies mal war der Abschied kurz und knapp, weil meine Mutter ja bald nachkommen würde, wie sie sagte. Ich war der einzige von uns dreien, der Deutsch konnte. Ich habe es ein letztes mal versucht. Ich habe sie zu einem falschen Gate geschickt. Irgend wo hin nach Griechenland. Die Stewardessen haben das aber gemerkt, und uns zum richtigen Gate geleitet. Verdammt. Es hat nicht funktioniert. Ich habe gehofft, daß wir einfach nur dieses doofe Flugzeug in die Hölle verpassen würden. Dann müsste man neu buchen, und ich hätte wieder ein par Tage mehr gewonnen. Aber es sollte nicht sein.

Wir waren also wieder in Zagreb. Von dort sollte ich mit Xenia auf eine Insel fahren, weil noch Ferien waren. Die Insel hieß Hvar. Dort war es sehr schön. Ich habe die Zeit dort genossen. Nur von meiner Mutter kam nichts. ich muß zugeben, daß ich auch ganz selten an sie gedacht habe. Es hat mich nicht gestört, daß sie sich nicht gemeldet hat, weil ich mich ablenken konnte. ich hatte mit den einheimischen Kindern sehr viel Spaß. ich begann zu hoffen, daß ich es vielleicht doch ertragen würde, für immer dort zu leben.

Und dann kam der Tag, an dem ich wieder nach Zagreb mußte. Ich habe einige Nächte bei Zenita geschlafen, und wurde dann wieder in das Internat gebracht. Und dann kam alles wieder. Dieses Kommunistentum, das furchtbare Halstuch und die Noten, die Angst, sich falsch zu verhalten, nichts für mich allein haben dürfen, trotz wöchentlicher Pakete von MEINER Mutter…

Und so begann ich, abzustumpfen. Ja. Etwas zerbrach in mir. Ich lebte einfach so vor mich hin, tat, was mir gesagt wurde. Ich wurde ein richtig braver Kommunist. Ja. Ich muß es zu meiner Schande gestehen. ich begann, mich anzupassen. Ich wurde gleichgeschaltet. Das System begann, mich zu durchsetzen, mich in sich aufzusaugen. ich spürte es, aber ich machte mir klar, daß ich, wenn ich überleben wollte, so sein mußte, wie die anderen dort. Dann würde alles gut werden. Hoffentlich…

Ich weiß nicht, wieviel Zeit seit dem vergangen ist. Irgendwann stand meine Mutter in der Schule und sagte, daß wir nach Hamburg zurück fahren. ich fragte sie, noch nicht wirklich realisierend, was sie gerade gesagt hat, warum sie nicht in Zagreb wohnen will mit meiner Schwester. Sie sagte, daß es sehr große Probleme gab, und das Geld, was für den großen Umzug vorgesehen war, weg sei. Von meiner Schwester geklaut.

Und dann endlich machte es klick. ich weiß nur noch, daß ich richtig gejubelt habe, mich gefreut habe, wie ein Schneekönig. Ich war so glücklich. Endlich konnte ich dieser Hölle entkommen. Endlich durfte ich wieder nach Hause. Durfte wieder in meine Schule. Ich konnte es kaum erwarten.

Wir fuhren zu Zenita, von wo wir einige Tage später aufbrechen wollten. Aus irgend einem Grund, den ich damals nicht verstanden habe wollte meine Mutter nicht, daß die in der Schule erfahren, daß ich nicht wiederkomme. Heute weiß ich, daß es deshalb war, weil meine Mutter die Schulgebühren nicht bezahlen konnte. Deshalb ließ sie die Schulleitung in dem Glauben, daß ich wiederkomme, wenn die Ferien, die da gerade anfingen (merkwürdiger Zufall) vorbei sind.

Ich saß also bei Zenita in der Wohnung und ließ alles noch mal an mir vorüber ziehen.

Es war einige Wochen zuvor. Da kam die Armee in die Schule, um den Kindern Maschinengewehre und andere Waffen zu zeigen. Sie sagten, daß es wohl bald Krieg geben würde. ich hab es nicht richtig verstanden. Sie sagten irgend etwas von Serben und Kroaten, die sich aber nicht bekriegen durften, weil die Serben es doch nur gut meinten, wenn sie die Leitung von ganz Jugoslawien in Belgrad hätten. „Ja. Ihr seid Kroaten, aber die Serben dürft ihr nicht bekämpfen. Sie meinen es nur gut mit euch. Seid gute Kommunisten und lasst es.“ Solche Worte und anderes Gerede, daß ich nicht richtig begriffen habe. Das war alles nichts für mich.Ich war Hamburger. nein… Ich war Kroate. oder Jugoslawe? Kommunist? Serbe? Verdammt. Ich wußte es nicht. Mir war das alles zuviel. „Ruhig bleiben. Ganz ruhig. Du weißt. Mach einfach mit und fall nicht auf. Du bist doch ein guter Kommunist.“

Dann kam endlich der Abflug zurück nach Hause. Nur meine Mutter und ich. Wir kamen in Hamburg an, schlossen die Tür auf, und kein kleffender Pascha war da. Er wäre tot, sagte sie. Es war mir egal. Endlich ohne dieses Mistvieh. Nur die Wohnung war so merkwürdig leer. Ich fragte meine Mutter, wo denn die ganzen Sachen wären. Die Möbel, die Schränke, der Teppich… Es war nur noch die Couch da, und ein Wohnzimmertisch. Und im Schlafzimmer ein Bett, in dem meine Mutter und ich schlafen sollten, bis ich wieder ins Internat kann.

Waaaas? Schon wieder ins Internat? Ich war so froh, daß ich wieder zu hause in meinem Hamburg war, daß ich gar nicht mehr an irgend welche Internate gedacht habe. „Ja“, sagte sie. „Da hast du doch deine Freunde. Dir wird es da gut gehen.“ Oh Gott. Jetzt darf ich mir wieder alles von vorne aufbauen. Meine Machtposition, und wieder nur alles für alle von meiner Mutter, wieder Streit mit meiner Schwester an den Wochenenden, bloß schnell genug das Taschengeld ausgeben… In mir überschlug sich alles. Es zerbrach wieder etwas in mir. Es war zwar der gewohnte Zustand, aber ich fühlte mich irgendwie nirgends gewollt und aufgehoben. Ich wollte doch nur etwas Geborgenheit…

Und dann erfuhr ich von meiner Mutter den Grund, weshalb das Geld für den Umzug weg, und die Wohnung so leer war.

Meine Mutter hat manchmal schwarz in einer Kneipe Nachtschicht gehabt. Von dort ging sie morgens nach Hause. Es war da noch dunkel. Unter dem Teppich im Schlafzimmer hatte sie 20000 Mark versteckt, die sie für den Umzug brauchte. Das wußte meine Schwester wohl. Vielleicht nicht, wo das Geld lag, aber, daß es im haus war. Meine Mutter lief also eines Morgens nach hause, und dort lauerten ihr irgend welche Zigeuner auf, überfielen sie, schlugen sie nieder und nahmen ihr den Schlüssel ab. meine Mutter kam mit einer schweren Kopfverletzung ins Krankenhaus. Inzwischen räumte meine Schwester mit ihren neuen Zigeunerfreunden die Wohnung aus. Alles nahm sie mit. Sie hatten irgendwie ein großes Auto dabei. irgendwann haben sie auch das Geld gefunden. Meine Mutter erzählte mir, daß sie nicht wußte, was sie tun sollte. Sie hat meine Schwester überall gesucht. Sogar die Kriminalpolizei wurde eingeschaltet. Es half alles nichts. Meine Schwester blieb verschwunden.

Irgendwann rief meine Schwester, das Telefon hat sie meiner Mutter gelassen, ganz reumütig bei meiner Mutter an und erzählte ihr, daß ihre neuen Zigeunerfreunde sie in der Nähe von Osnabrück aus dem Auto geschmissen hätten. Sie wollten eigentlich alles gerecht teilen. Meine Schwester zog wohl den kürzeren. Jedenfalls war Mama dann wieder gut genug. Und was macht diese Supermama? Zieht ganz ganz schnell die Anzeige bei der Polizei zurück, und rafft ihr letztes Geld zusammen, um meiner Schwester eine Fahrkarte zu kaufen, damit sie auch sicher nach Hause kommen kann. Meine Mutter hat ihr einfach so vergeben. Meine Schwester hat natürlich geschworen, ganz ehrlich sogar, daß sie so etwas nie wieder tun würde. Meine Mutter hat nicht mal mit ihr geschimpft. Morgen käme sie. Deshalb müsste ich auch morgen gleich ins Internat zurück, weil meine Schwester Ruhe bräuchte. „Das mußt du verstehen.“ Da war er wieder, dieser Satz, den ich immer mehr hasste.

Und ich wußte, es war noch lange nicht vorbei. Noch lange nicht.