11. Teil. Ein trauriger Brief und ein Zaubertag


Der Schulalltag ging also weiter. Mein Finger pochte, ich gewöhnte mich daran, das Essen war furchtbar und ich aß fast nichts, Nachts um 02:00 mußten wir alle aufstehen zum Pipi machen und so weiter. Ich entwickelte eine Verhaltensweise, die mir half, so gut wie möglich mit all dem klar zu kommen. Ich schrieb sogar bessere Noten als vorher. Sehr zur Freude meiner kommunistischen Lehrer, die wohl dachten, daß ich mich endlich dort eingelebt hätte.
Schwester Jasna war weiterhin für mich da so oft sie für mich da sein konnte. Sie kümmerte sich um mich wie um ihren kleinen Sohn, den sie manchmal auch zur Schule brachte. Er war fünf glaube ich. Wir freundeten uns sofort an. Das lag glaub ich daran, daß Schwester Jasna ihm vermittelte, daß ich doch ein ganz netter wäre. Und es lag von meiner Seite daran, daß es ein sehr aufgeweckter kleiner Racker war, mit dem man richtig gut rumalbern konnte. er hatte dieses unbeschwerte, daß nur Kinder haben können, die nicht im Internat leben. Jedenfalls gefiel es mir sehr, in seiner Nähe zu sein.
Aber auch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja war mir sehr sympathisch. ich begann wirklich, so etwas wie Freunde zu bekommen. Es ist mir früher nicht bewußt gewesen, aber ich weiß heute, daß sich selbst diese erwachsenen gerne mit dem Jungen umgeben haben, der ich damals war. So rebellisch und widerspenstig. Ich glaube, ich war eine Art Symbol für diese Menschen. Ich werde später darauf zurück kommen, wieso ich das heute so sehe.
Irgendwann begann Schwester Jasna, mich zu sich einzuladen. Ich lernte ihre Mutter und ihren Vater kennen. Der alte war auch blind. Wir verstanden uns auf Anhieb und hatten auch sofort ein gemeinsames Gesprächsthema. nein nein. Nicht die Blindheit. Das ist langweilig. Ich rede von Tonbändern. Offene Tonbänder. Die Dinger haben mich damals schon fasziniert und sie tun es auch heute noch. Jedenfalls hatte er so ein Gerät und freute sich wie Bolle, daß ich dieses Hobby mit ihm teilen konnte. Und ich freute mich auch wie Bolle, weil ich mich zum ersten mal so richtig ablenken konnte. Ja. Wenn ich bei Schwester Jasna war, fühlte ich mich so wohl, daß ich wirklich begann, all die Sorgen und inneren Schmerzen zur Seite zu schieben.
Es geschah an einem Wochenende.
ich war bei Sudo, Suncica und Sanja zu hause. Da rief Sudo mich zu sich und stellte eine Tasse Tee vor mich hin. Das hat er nie vorher getan. Er klang sehr ruhig und ernst. Ich wußte, daß das kein normales „Männergespräch“🙂 werden würde. Und das war es auch nicht. Nein, das war es wirklich nicht.
„Du hast Post bekommen mein kleiner.“ „Von wem?“ „Von deiner Mutter aus Deutschland.“ Mama…. Echt? Ich konnte es nicht glauben. Ich hätte mich so gerne gefreut. Aber ich konnte es nicht so, wie ich es eigentlich wollte, denn Sudo war so ernst… So verdammt ernst…
Er begann zu lesen. Je mehr er las, desto mehr begann ich zu zittern. Stumme Tränen kullerten mir über das kleine Jungengesicht, daß jetzt schon gezeichnet war von so vielen Dingen.
Meine Mutter schrieb mir aus München. Sie schrieb, daß sie dort im Gefängnis säße und am 31.01.1989 ihre Gerichtsverhandlung hätte. Wir hatten schon fast Winter in Jugoslawien. Also wußte ich, daß es noch rund zwei Monate dauern würde, bis die Verhandlung war. Sie schrieb nicht, weshalb sie im Gefängnis war. Aber sie schrieb, daß ich ganz ruhig bleiben sollte und sie sich meldet, sobald sie kann.
Sudo faltete den Brief zusammen und legte beide Hände auf meine. „Das ist schwer für dich. hm? Ich verstehe das. aber du mußt tapfer sein. Versuche, den Rat deiner Mutter zu befolgen. Du hast so viel erlebt. Mehr, als sonst ein normaler Junge erlebt. Du wirst auch das schaffen.“
Ich weinte weiter stumme Tränen und sprach kein Wort. Mir war klar, daß sie irgendwas mit ihrem Macker angestellt haben muß. Aber was? Und würde sie wirklich frei kommen? Würde ich meine Mutter je wieder in den Arm nehmen können? Würde alles je wieder so werden wie früher? Würde ich je wieder nach Deutschland zurück können? Keine dieser Fragen konnte ich mit „ja“ beantworten. Aber auch nicht mit „nein.“ Und so merkwürdig das klang, gab genau das mir die Kraft, die ich brauchte.
Sudo riet mir, mit niemandem darüber zu reden. Ich sagte, daß ich es nicht tun würde. Aber ich konnte mich nicht daran halten. Irgendwann begann ich in der Schule zu weinen und eine der Lehrerinnen nahm mich mit in einen leeren Klassenraum und da sagte ich es ihr. Sie nahm mich in den Arm und sagte, daß ich ein guter Pionier sein solle und stark sein müsse in einer solchen Situation.
Da war er wieder, dieser Hass auf die verdammten Kommunisten. Konnten die überhaupt an was anderes denken als an ihr Pionierstum? Mann meine Mama war im Knast und die sagt mir, wie ich mich als Pionier verhalten soll… Ey das ist….. Ich wollte ganz schnell weg da, straffte mich und sagte ihr, daß ich es versuchen werde. Sie sagte „nein, du wirst es schaffen.“ Also wiederholte ich auch das. Sie war zufrieden und ich war es auch, weil ich da endlich raus war. Mein Gott war ich bescheuert. Wie konnte ich ihr das sagen…
Als ich das Schwester Jasna erzählte, fingen wir beide wieder an zu weinen. Es war fast genau so wie mit meinem Finger. Sie fragte sich, wann das mit mir und den Tiefschlägen endlich aufhören würde. Sie konnte das alles gar nicht glauben.
Es war also wie es war. Ich magerte immer mehr ab, der Finger war noch bandagiert, Schwester Jasna kümmerte sich rührend um mich, die Lehrer malträtierten uns auf die eine oder andere Weise und so weiter. An den Wochenenden war ich inzwischen manchmal bei Schwester Jasna und ihrer Familie. Es ging mir sehr gut da. Genau so gut wie bei Sudo und Co. Aber in der Woche begann wieder der Schulalltag. ich fragte Schwester Jasna ein mal, ob ich nicht mit ihr morgens immer zur Schule kommen könne. Sie lachte und sagte, daß sie das den Direktor auch schon gefragt hätte, der aber ablehnte, weil er nicht wollte, daß in der Schule an die große Glocke gehängt wird, daß sich die Schulkrankenschwester mehr um einen Schüler kümmert als um die anderen. Das wäre nicht im Sinne des Sozialismus und blablabla. Also das Blablabla kam von ihr.😉 Jedenfalls durfte sie nicht. Das fand ich schade, aber so war es eben. Da konnte man nichts machen.
Der Winter kam und Weihnachten stand vor der Tür. weihnachten… Oh Mann wie geil. hm… Ne. Nicht so geil. Ich war in Jugoslawien. Die feiern das ganz merkwürdig im überwiegend islamistischen aber auch russisch orthodoxen Sarajevo. Da wurde das nur halbherzig gefeiert. warum es überhaupt gefeiert wurde, weiß ich nicht. Vielleicht wegen dem geringen Anteil christlicher Kroaten. Jedenfalls half Sanja mir, einen Brief an meine Mutter im Gefängnis zu schreiben. Sie hat sich nach diesem Brief nicht mehr gemeldet. Wir schrieben das übliche. „Hoffentlich kommst du bald raus, hoffentlich kommst du bald her, hoffentlich geht das mit dem Gericht gut, hoffentlich kannst du trotzdem Weihnachten etwas feiern“ und sowas alles. Mehr konnte ich nicht tun.
Und jetzt gibt es ein par Probleme mit dem chronologischen Ablauf. Das ging alles irgendwie zu schnell für mich. Ich erinnere mich an folgendes.
Irgendwann kam Dragica. Sie hab ich hier noch nie erwähnt. Sie spielte eine untergeordnete Rolle während meiner Zeit da. Sie wohnte in Doboj, was irgendwo in Bosnien lag. Wer sie bestellt hat und warum sie mich überhaupt besucht hat, weiß ich nicht. Ich wußte ja nicht mal, daß sie wußte, daß ich dort in der Schule war. Sie hat es mir glaub ich erzählt, als sie mich besuchte. Das weiß ich alles nicht mehr. Ich habe wohl einen Tiefpunkt gehabt. Jedenfalls hab ich sie angefleht, daß sie mich doch da raus holen soll. Sie konnte das natürlich nicht und ich wußte das. Aber ich habe all meine Energie da rein gesteckt und nicht locker gelassen. Natürlich war es umsonst.
Dann erinnere ich mich noch daran, daß meine Schwester mich bei der Familie meines Vaters besuchte. Ich weiß gar nicht, weshalb ich da eigentlich wieder hin sollte. ich weiß nur noch, daß ich über Silvester da war. Wo ich Weihnachten verbracht habe, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls besuchte meine Schwester mich. Diese blöde Kuh. Was wollte sie denn jetzt hier. Sie machte einen auf „Oh mein armer Bruder, ich will doch eine Familie mit dir sein und wir müssen zusammenhalten, ich hol dich da raus“ und den üblichen Mist, den sie immer von sich gegeben hat. Das war auch eine Luftnummer, denn drei Tage später war sie wieder weg und kein Wort mehr davon, daß sie mich da raus holt und alles. Sie hat weder davor, noch danach jemals bei mir angerufen um zu fragen, wie es mir geht.
Und dann erinnere ich mich noch daran, daß ich mit Schwester Jasna, ihrer Familie und noch einigen anderen auf einem Berg war. So ein richtig hoher. Wir sind mit dem Auto zu einem richtigen kleinen Steinhaus gefahren, wo Leute gewohnt haben. Und dann sind wir ganz weit mit dem Schlitten runter gesaust. Das war ein echter Spaß. So schnell und so lange. Das war richtig toll. Ich habe richtig lange und laut gelacht. Und als Jasna das sah hat sie gelacht und dann geweint und gelacht. Heute kann ich das verstehen. Damals wußte ich nicht, was mit ihr los war. Sie lachte, weinte und sagte zwischen drin „Er kann noch wie ein echter kleiner Junge lachen. Er kann es noch. Gott wenn es dich gibt, dann erhalte ihm wenigstens das so lange wie es möglich ist.“ So oder so ähnlich sagte sie es.
Ein mal wachte ich auf. Ich war in der Schule und es war der 31.01. Der Tag der Gerichtsverhandlung meiner Mutter. Heute war für mich alles anders. Innerlich war alles anders. Aber ich wurde irgendwie von den Lehrern ja, von dem ganzen Personal anders behandelt. Es war wie ein Zauber…
Alles fing damit an, daß die Weck-Glocke draußen im Flur rasselte und der kleine Sohn von Schwester Jasna die Tür auf riss und uns mit seiner hohen Kinderstimme fröhlich anflötete, daß wir aufstehen sollen. Ich rieb mir immer wieder über die Ohren. nein. War das wirklich Alan? Jaaa. Das war echt Alan. Er kam zu mir und warf sich mit voller Montur in mein Bett und fiel mir um den Hals. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Er riss noch in meinem Bett seinen Mini-Rucksack auf und hielt mir eine Pistole hin. Äm… ich meine natürlich eine Spielzeugpistole. So eine mit Knallmunition zum nachfüllen. Er hätte auch eine und wir könnten uns ja gegenseitig immer wieder erschießen und umfallen üben. „Klar“ sagte ich. Machen wir. „Aber warum schenkst du mir die denn?“ „Naja Mama sagt, daß deine Mama heute aus dem Gefängnis kommt und das wollen wir doch feiern oder?“ „Ä…. Ä….. Yeaaaaaaaaaah!“ Und dann knallte ich ihn ab. Er lachte sich tot und fiel um. Eine lachende Kinderleiche. Mann was hatten wir für einen Spaß. Die anderen waren alle ausgeblendet irgendwie. Sie zogen sich an, aber sie beachteten mich nicht weiter. Alan und ich hatten in meinem Bett eine eigene kleine Welt. Und die war immer wieder mit den selben zwei Leichen gefüllt. Mal er und mal ich.🙂 Irgendwann kam Schwester Mirijana rein und forderte mich auf, daß ich mich endlich anziehen solle. Alan und ich erschossen sie gleichzeitig. Wie auf ein geheimes Kommando. Sie sagte „Was?“ fiel dann um und lachte sich kaputt wie Alan und ich. Dann stand sie auf und war wieder ganz strenge Kommunistin. Aber sie grinste manchmal.
Ich zog mich also an und erschoss Alan mal ab und zu nebenbei. So wie er mich öfter erschoss, als ich sterben konnte. Er schoss, ich war am fallen und er schoss wieder. „Ey ich hab dich noch mal erschossen. Du mußt wieder umfallen.“ So ging es den ganzen Morgen. Es war wirklich wie ein Zaubertag. Ja. So magisch und irgendwie…. Anders. Keiner beschwerte sich über das unpionierhafte Verhalten, daß wir an den Tag legten. OK wir mußten vor dem Speisesahl singen. Aber das hab ich dann auch noch hinter mich gebracht. Die Mädchen mußten mir übrigens immer noch den Knoten machen. Den konnte ich irgendwie nie.🙂
Selbst das Frühstück war anders. Irgendwie feierlich. ich weiß nicht wieso. Das hat sich auch alles nie wirklich aufgeklärt. Bis heute ist das für mich ein Zaubertag.
Allerdings begann der Unterricht merkwürdige Formen anzunehmen. An dem Tag hat das auch begonnen. Was ich meine? Die Lehrer und Lehrerinnen lasen immer mehr Kriegsgeschichten aus dem zweiten Weltkrieg vor. Über die Nazis, die alle immer gefoltert und einfach abgeknallt haben, über Partisanen, die Nazis manchmal tage lang gejagt haben, was sie dabei erlebt haben und wie sie ihnen dann irgendwann einen Kopfschuss verpassten. meistens dann, wenn der Nazi „Wie ein Hund“ Wasser aus einer Pfütze trank. Oder wenn er sich morgens beim aufwachen streckte. Aber in den ganzen Geschichten waren die tapferen Partisanen nie für den Nazi zu sehen. Die haben die gejagten immer mutig aus dem Hinterhalt erschossen. Das sind also die Helden des Kommunismus hab ich gedacht und ihnen in Gedanken ins Gesicht gespuckt.
Nun. Lassen wir die Partisanen einfach die Helden sein, die sie immer sein wollten und wohl nie sein werden und wenden uns wieder dem Unterricht zu. Das mit den Kriegsgeschichten geschah immer öfter. Und man redete auch davon, daß man in Jugoslawien bald wieder Krieg haben könnte, denn der Mann, der alles zusammengeschweißt hat, ist ja schon seit einigen Jahren tot. Drug Josip Bros Tito oder so ähnlich. Das war mir alles so egal. Aber bei mir blieb hängen, daß wir bald krieg bekommen könnten. zwei Jahre später sollten die ihren Krieg ja auch bekommen. Aber das wußte ich natürlich nicht.
Zurück zum 31.01. Ich feierte, Alan half mir dabei, nicht an etwas anderes zu denken und wir erschossen jeden, der uns böses oder gutes wollte. Wir behandelten alle kommunistisch gleich.🙂 Es gab sogar Kuchen für mich am Nachmittag. Alan aß natürlich auch, als er aus seiner Schule wieder zu mir kam. Dann gingen wir wieder nach draußen. Schwester Jasna holte immer wieder neue Munition aus ihrem Lager.🙂 Ich kann heute wirklich nicht mehr sagen, warum das so ein verzauberter Tag war.
Der Tag ging zu ende. Alan war weg und ich allein im Schlafsaal. Allein mit mir selbst und mit meinen Gedanken. Dieser Tag war ein echter Zaubertag. Ja. Es würde etwas anders werden. Das wußte ich ganz sicher.
Ich ging sehr früh ins Bett und schlief auch bald ein. ich lachte im Traum. Oder lachte ich wirklich? Ich weinte im Traum. Oder weinte ich wirklich? Ich trieb davon. Im Traum? In Wirklichkeit? Im wirklichen Traum? In……..

10. Teil. Gezeichnet für immer


Es war ein Morgen wie jeder andere. Doch diesen Tag sollte ich nie mehr in meinem Leben vergessen. Nie mehr…

Wir standen auf wie immer, stressig wie immer, standen an vor dem Speisesahl wie immer. Inzwischen konnte ich das Pionierslied singen. Dafür haben etliche Abreibungen und Fünfernoten in Betragen gesorgt. Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer um 19:00 ins Bett zu gehen. Und so begann ich, diesen mir so verhassten Text zu lernen. Heute weiß ich den nicht mehr, wofür ich auch sehr dankbar bin.

Das frühstück war wie gesagt gar nicht mal so unlecker. Und an besagtem Tag war es etwas relaxter. Ich hatte also genügend Zeit, um über alles mögliche nachzudenken. Da war die Familie meines Vaters, die meine Mutter (wahrscheinlich mit Absicht) vor mir so schlecht geredet hat, wo sie nur konnte. Dann war da noch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja, die immer sehr nett zu mir war. Und dann war da noch Schwester Jasna, die sich sehr große Sorgen machte, weil ich nicht richtig essen wollte. Das lag aber auch an diesem furchtbaren Mittagessen und am Abend an der verhassten Sauermilch. ich weiß nicht, was das war, aber es schmeckte so wie der türkische Ayran. OK, türkisch ist Ayran nicht, aber ich glaube im Kaukasus und/oder in Anatolien wurde er erfunden. Keine Ahnung. Jedenfalls schmeckte das Zeug widerlich.

Jedenfalls machte sich Schwester Jasna Sorgen. Wer war sie überhaupt, wollt ihr wissen? Sie war die Schulschwester. Also von der medizinischen Station. Pflaster und so Mimimi-Sachen. Aber manchmal auch echte Fälle. Ansteckende Kinderkrankheiten und so. Sie machte sich immer sehr große Sorgen und beobachtete mich, wo sie konnte. Ich mochte sie auch sehr und zeigte ihr das auch.

Und dann war da auch meine Mutter. Ich vermisste sie sehr. Aber immer wenn ich an sie dachte, war das so ein dumpfes hoffnungsloses Gefühl. Ich würde sie nie wieder sehen. Das war mir irgendwie klar. Ich war ganz fest davon überzeugt. Hier, also aus Jugoslawien kam ich nie wieder raus. Ich dachte an Deutschland, meine Klassenkameraden und an mein geliebtes/verhasstes Internat in Hamburg. Wie gern wäre ich dort hin zurück gegangen…

Das Frühstück war um und wir rannten zu den Klassenräumen. Wir betraten die Klasse und bereiteten alles für die Lehrerin vor, die uns unterrichten würde. Sie kam und Vehid der Klassensprecher machte seinen Spruch. Klasse soundso meldet sich vollzählig zum Unterricht bereit oder so ähnlich. Wir durften uns setzen und der Unterricht begann.

Dann irgendwann, es war noch vor der großen Mittagspause, hatten wir Musik bei dem blinden Ismet. Das war in Deutschland immer ein Fach gewesen, daß ich sehr geliebt habe. Aber der Musikunterricht dort unterschied sich gewaltig von dem in Hamburg. Der Lehrer saß ständig vor seinem Klavier und wir mußten so Dinge tun wie Noten Singen. Do Re Mi Fa So La Si Do und rückwärts. Aber damit nicht genug. Anstatt richtige Lieder zu lernen, mußten wir ganze Melodien mit dem Do Re Mi Fa So La Si Do singen. Aber manchmal war er auch in Klopflaune. Dann sollten wir ein Gefühl für Rhythmen bekommen. Ismet klopfte den Takt und wir sollten ihn erst zusammen und dann einzeln nachklopfen.

Nedjad, Hussejn und ich waren die Klassenkasper. Und auch in dieser Musikstunde zeigten wir wieder, was wir an Späßen so drauf hatten. Das gefiel dem sehr strengen Ismet überhaupt nicht. Ich saß am dichtesten an ihm dran und er kam zu mir an den Platz. Er schrie mich an, daß ich gefälligst mitmachen sollte.

Die Tische in dem Musikraum waren alle mit einer Art Teppich überzogen. Er war mit großen Nägeln einfach auf den Tisch genagelt worden. Bei mir befand sich etwas links von der Mitte der Kante und ein Stück in Richtung Tischmitte ein Nagel, der schräg stand. Also die Kante des Nagel- oder Schraubenkopfes stand nach oben ab. Ismet suchte meine Hand, fand sie und schrie mir den Takt ins Ohr, während er meine Hand zur Faust ballte und im Takt dazu auf den Tisch donnerte. Wieder und wieder und wieder… Als er zufrieden war, ging er wieder an seinen Platz und ließ die anderen einzeln nachklopfen. Ich saß da und war aus einem Grund, den ich nicht verstand unter Schock oder etwas in der Art. Ich hab alles nur so halb mitbekommen. ich hörte Gordana und Sonja, (zwei Mädchen aus unserer Klasse) miteinander tuscheln. „Ich muß das melden. Überall Blut…“ „Halts Maul, sonst bist du auch dran.“ „Ja aber…“ Nach einer Weile, ich weiß nicht, wieviele Minuten verstrichen waren oder ob Sonja direkt nach dem Geflüster Meldung gemacht hat, stand sie auf und unterbrach Ismet mit einigen Entschuldigungen. Sie sagte, daß ich mich verletzt hätte und daß es nicht aufhörte zu bluten. Er sagte nur: „Sonja und er gehen zur Station. Der Rest macht weiter.“

Sonja tippte mich an und ich hob leicht den Kopf. Sie sagte: „Komm. Schnell…“ Und ich ging total benommen nach draußen in den Flur. Sie schleppte mich mehr, aber wir kamen voran. Sie fragte, ob es das war, was sie vermutet. ich sagte, daß ich nicht weiß was sie meint, aber daß da ein Nagel war und Ismet meine Faust immer wieder da drauf gedonnert hat. Dann endlich brach ich in Tränen aus. Sonja nahm mich glaub ich in den Arm, legte ihren Mund an mein Ohr und sagte sehr eindringlich: „Wenn dir deine Zukunft noch etwas wert ist, erzähle etwas von einem blöden Missgeschick. Sonst wirst du deines Lebens nie wieder froh. Glaub mir. Hör auf mich und halt die Fresse bei Jasna.“ Ich fragte sie, warum ich immer Pech mit allem habe und ausgerechnet an meinem Platz so ein… Sie unterbrach mich: „Oh, das wußtest du nicht? Jeder Platz hat so einen zufällig schräg stehenden Nagel… Oh mein armer. Komm jetzt mit sonst verblutest du.“

Ich lies mich weinend von ihr weiter bis zur Station schleppen. Sie lieferte mich bei Schwester Jasna ab, sagte ihr noch, wo wir lang gegangen sind und wo daher Blut weg gemacht werden sollte. Beim rausgehen sagte sie auch für Schwester Jasna gut hörbar: „Er hat AUSVERSEHEN Bekanntschaft mit dem Nagel gemacht.“ Schwester Jasna fragte nur: „Ismets Kabinett?“ Sonja muß wohl genickt haben, denn Schwester Jasna fing an zu schnauben und sagte dann gefährlich leise: „Es ist gut. Geh jetzt zurück zum Unterricht. ich kümmer mich um alles andere hier. Und melde ihn als nicht unterrichtsfähig für den Rest des Tages.“ „Ja“ hauchte Sonja, strich mir sanft über den Nacken und verschwand wieder.

Sobald Sonja die Tür geschlossen hatte und weg gerannt war, kam Leben in die Schulkrankenschwester. Sie nahm meine linke Hand und sog dann scharf die Luft ein. „Ich… Ich krieg das hin OK? OK? Wir schaffen das gemeinsam. Du beißt jetzt fest die Zähne zusammen und ich entferne den Rost…“ Rost? Oh Mann, was war denn da bloß passiert… Ich fragte sie, was sie mit Rost meinte. „Ruhig jetzt. wir reden gleich.“ Und sie begann mit kleinen Gerätschaften oder so meine Wunde zu reinigen. Es tat höllisch weh. Sie sagte, daß sie schnell arbeiten müsse wegen Blutvergiftung. Dann legte sie mir einen Verband an und setzte sich neben mich.

„So. Und jetzt sag mir, was los war.“ ich erzählte ihr irgendwas von einem Missgeschick und… „LÜG MICH NICHT AN! ER WAR DAS STIMMTS? ISMET WAR DAS! ODER??? ODER???“ Mir war alles egal. Also knickte ich ein und gestand es ihr. Ich fing noch stärker an zu weinen und erzählte ihr mein ganzes Leid in Kurzform. Ich hörte gar nicht mehr auf zu reden. ich begann irgendwo in Hamburg und endete dann dort. Und dann….. Dann weinten wir beide. Lange und stumm. Sie hielt mich im Arm. Ihre Tränen tränkten meine Kleidung und meine ihre…

Irgendwann sah sie auf und sagte, daß wir zum Arzt damit müssen. Sie ging mit mir zum Direktor und erzählte ihm die gleiche Geschichte, die mir Sonja schon empfohlen hatte. Er erlaubte ihr, mich in ihrem Privatauto zum Arzt zu fahren. Und das tat sie auch. Dort wurde der Finger noch mal begutachtet aber mehr als Schwester Jasna konnte der Arzt auch nicht tun. Der Arzt war sich nur nicht sicher, ob mit dem Fingernagel alles glatt gehen würde oder ob man ihn entfernen muß.

Wir fuhren also zurück und Jasna hatte vorher noch Instruktionen vom Arzt eingeholt, wie sie den Finger während der nächsten Tage zu behandeln und zu beobachten hatte. Während der Autofahrt griff Schwester Jasna immer wieder nach hinten und strich mir über die Wange oder dort über den Körper, wo sie mich gerade erreichte. Danach verprügelte sie immer wieder ihr Lenkrad und fluchte irgend etwas von einem geisteskranken, der wegen seiner Blindheit nicht abgewiesen wurde. „Mit anderen blinden kann er es ja machen. Und dann auch noch Kinder. KINDER!!“ So ging das, bis wir wieder in der Schule waren.

Essen wollte ich natürlich nichts. Aber Schwester Jasna bestand darauf, daß ich mich auf der Schulstation hinlegte, weil ich viel Blut verloren hätte. Dort angekommen legte ich mich auch sofort hin. Eine halbe Stunde später kam sie mit wundervoll duftendem Essen zurück. „Hier iss und sag niemandem was davon. Das hab ich in der Stadt gekauft.“ Das waren Cevapcici mit lecker Fladenbrot. Und oh Mann jaaa. Ich habe gefressen wie ein verhungerter. Und Schwester Jasna lächelte hörbar und strich mir über den Kopf. „Iss. Ich pass hier auf.“ Als ich nicht mehr konnte, aß sie den Rest. Sie sagte mir, daß ich jetzt schlafen soll. Und vorher sagte sie noch, daß es besser für uns alle wäre, wenn wir die Geschichte mit dem Unfall beibehalten. Sonja hätte schon dafür gesorgt, daß sich das genau so verbreitet. ich fragte Schwester Jasna, ob wirklich auf jedem Platz so ein Nagel schräg im Tisch stand. „Ja, das ist so“ sagte sie. Dann ging sie raus, schloss die Tür und fluchte, wie ein Pirat es nicht besser hätte tun können. Der Fluch schloss mit einem Geklirre ab. Dann schlief ich ein.

Ich wachte irgendwann in der Nacht erst wieder auf und fühlte mich müde. Im Nebenzimmer war jemand. Ich rief und sofort kam jemand rein. Es war eine andere Schwester die sagte, daß ich ruhig bis zum Morgen hier weiterschlafen könne.

Und so begann der Alltag wieder. Mein Finger wurde jeden Tag zwei mal neu verbunden und behandelt. Mit Cremes, Tropfen und was weiß ich nicht noch alles. Schwester Jasna sagte mit einem Ernst, der mir klar machte, daß sie das nicht zum Spaß sagte: „Die Fingerkuppe wird nicht absterben. Allerdings wirst du vielleicht Probleme mit dem Nagel kriegen. Er wird nie wieder so wachsen wie vorher. Wir müssen nur beobachten, ob er seitlich wachsen wird oder gerade wie bisher. Aber er wird wohl gespalten weiterwachsen. dein ganzes Leben lang.“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. mein Nagel? Mein Mittelfinger? Das konnte nicht sein. Aber ja. Er tat immer noch sehr weh und pochte wie verrückt. Aber der Schmerz machte mir klar, daß ich noch da war. Er zeigte mir, daß ich noch fühlen konnte.

Ismet hat das Thema übrigens nie wieder angesprochen. Nie wieder. Er hat das einfach so abgetan. ich begann ihn zu hassen wie die Pest. ich entwickelte einen echten Hass auf diesen Mann. Einen Hass, wie ihn ein Kind eigentlich nicht empfinden dürfte. Heute weiß ich, daß ich damals definitiv zu jung dafür war.

Eine Verschnaufpause gab es für mich nicht, denn einige Zeit später erreichte mich ein sehr verhängnisvoller Brief aus Deutschland. Er kam von meiner Mutter.

Doch davon im nächsten Teil.

9. Teil. Der Beginn des Untergangs


Das Abendessen habe ich also schon mal überstanden. „Nicht schlecht,“ sagten meine Klassenkameraden. Normalerweise kassiert man bei so etwas eine Ohrfeige. Vielleicht, weil ich neu war? Ich wußte es nicht und hab lieber nicht danach gefragt. Jetzt ging es erst mal in die Schlafräume. Die Schlafräume sind wie in jedem Internat nach Jungs und Mädchen getrennt. Aber was ich da erlebt habe, fiel selbst mir schwer. Und ich hab wirklich schon einiges durchgemacht. Die Einteilung der Zimmer war so, daß alle Jungs oder Mädchen der selben Klasse in einem Raum schliefen. Die Klassen in dieser Schule waren so rund 20 Kinder groß. Das Jungszimmer war also mit 12 Betten ausgestattet. Etagenbetten. „Naja wird schon“ hab ich gedacht und nahm das letzte noch freie Bett oben. Eigentlich cool, so hoch oben zu liegen. Aber es war einfach zu laut in dem Zimmer. Und dann dieses Gewusel dazu. Das war mir zuviel. Ich hab mich in Hamburg ja schon über ein Dreibettzimmer beschwert. naja gut. Weniger wegen der Menge an Mitbewohnern. Aber trotz allem. Insgesamt zwölf war mir dann doch etwas zuviel.

Ich krabbelte also auf mein Bett, nachdem ich im Gemeinschaftswaschraum, dem sich die gesamte Etage teilte Zähne geputzt habe und mich allgemein bettfertig gemacht habe. Und da spürte ich es. Das kühle um meinen Hals. Die Kette…

Meine Mutter hat mir vor dem abschied eine goldene Kette geschenkt. „Die zeigt dir, daß ich in Gedanken immer bei dir bin. Denk an mich und alles wird gut.“ „Wunderbar“ dachte ich. Das ist mir von Mama wenigstens geblieben. Ich wollte mir fest vornehmen, es auszuprobieren.

Die Klingel rasselte. Das Zeichen, daß Licht aus und Mund zu gehört. Jetzt wurde geschlafen. Die Nacht kam. Die erste Nacht in einem fremden Land, mit fremden Kindern und nur mit der Kette meiner Mutter…

Ich konnte einfach nicht einschlafen. So viel ging mir im Kopf herum. Was würde aus mir werden. Hatte ich überhaupt je eine Chance, da wieder rauszukommen? Ich wußte es nicht. Im Moment sah nichts danach aus. Und so schlief ich dann irgendwann ein. Das geatme und geschnarche von elf meiner Mitschüler im Ohr…

„PIIIIISHAAAAANJEEEEEEE!!!“ „Oh mein Gott. Was ist das denn…“ Panisch schreckte ich hoch. Ich fragte, was überhaupt los wäre und wer da so gebrüllt hätte. Vehid der Klassensprecher sagte mir, daß das der Mann von der Nachtwache wäre. Alle werden Nachts um zwei geweckt, um aufs Klo zu gehen. Damit wollte man verhindern, daß die Bettnässer die Matratzen einpissen. (ich wiederhole nur in etwa den Wortlaut.) „Toll. Ich hätte mir fast vor Angst in mein Bettzeug gemacht“ sagte ich zu Vehid. Der sagte, daß ich bloß die Schnauze halten sollte und lieber einfach mitgehen soll, damit es keinen Ärger gibt. Und den konnte es dort auch Nachts geben.
Ich ging also brav Pipi machen und kehrte zurück in mein Bett.

Der erste Morgen. Das erste was ich hörte war die Glocke rasseln. Aufstehzeit. Dann wurden überall die Türen von einem der Oberschüler aufgestoßen, der den Frühdienst hatte. „AUFSTEHEN!“ blaffte er in den Raum und ging weiter zur nächsten Tür. Langsam kamen wir in Fahrt. Es mußte alles schnell gehen, weil im Gemeinschaftswaschraum nur 20 Waschbecken standen. jaaahaaa. 20 Waschbecken. Das klingt viel, ist aber unglaublich wenig. Und das ist laut und hektisch und was weiß ich nicht noch alles gewesen. Irgendwie hab ich es dann aber geschafft, mit meiner Klasse vor dem Speisesahl zu gelangen. Dort standen schon die anderen Schüler aus den anderen Klassen Schlange. Vehid gab mir eine Tüte und rief Sonja. Sonja war eines der Mädchen. Er flüsterte ihr zu, daß er vergessen hat, mir gestern diese Tüte zu geben und daß ich heute in meinen Pioniersklamotten erscheinen soll. Sie fluchte und zerrte mich in ein Zimmer irgendwo in diesem langen Flur. Dort erklärte sie mir, daß ich die Bluse zu tragen habe und auch das Halstuch. Sie würde mir den Pioniersknoten so lange knoten, bis ich es eines Tages selber könne. ich bedankte mich und sagte, daß ich es schön fand, daß sie so nett zu mir ist. „Ach was“ sagte sie. „Die ganze Klasse kriegt Ärger, wenn du das nicht hinbekommst. Deshalb helfe ich dir.“ Ernüchtert und in den Pioniersklamotten trottete ich hinter ihr her auf den Flur zurück. Dort stand schon „Drugarica Mirijana“ eine unserer Lehrerinnen und räusperte sich auffällig, sagte aber nichts weiter.

Also die ganze Schule stand da vor dem Speisesahl und dann stimmte sie das Pionierslied an. Wir sangen es, also die anderen. Ich nur die Melodie so gut ich konnte. Dann ging die Tür auf und wir durften endlich rein und essen. Das Frühstück war gar nicht mal so übel.. Aber ich konnte es nicht genießen. Nicht an diesem Morgen und auch an keinem der folgenden.

Nach dem frühstück ging es übergangslos in die Klassenzimmer. Dort warteten wir auf die Lehrkraft. Sie kam und der Klassensprecher meldete die Klasse plus einen neuen vollzählig anwesend. Dann wurde ich vorgestellt. Ich wurde gefragt, wer ich war und wo ich her komme. Ich antwortete. Aber nach den ersten drei Worten begann das Getuschel. „Aufstehen.. Du musst aufstehen verdammt mach schon aufstehen du musst“…… ich reagierte schnell und stand auf und begann abermals.

„Bei euch in Deutschland steht man wohl nicht auf, wenn man zum Lehrer oder zur Klasse spricht?“ „Nein das tut man nicht.“ Und dann begann ein Vortrag. Nein, nicht an mich. An die Klasse. Wie nachlässig und disziplinlos die westlichen Länder, also die nicht-kommunistischen Länder wären. Man hätte dort keinen Anstand. Die Klasse solle mich bitte anleiten, damit ich es schnell lerne und die Klasse solle sich hüten, meine Verhaltensweise als Vorbild zu nehmen. Puuuuuuhhhh. Das war damit erst mal gegessen. Der Unterricht begann. ich fügte mich relativ schnell ein. Ich sprach die Sprache ja schon und so fiel es mir nicht schwer, auch die Schreibweise zu lernen. Das ging irgendwie reibungslos.

Nach der ersten Stunde nahm mich die Lehrerin mit in ihr Büro und sagte mir, daß sie mit mir wegen der Kette sprechen wolle. Ich überlegte, weil ich im ersten Moment wirklich keine Ahnung hatte, was sie von mir wollte. Sie sagte, daß es ihr um die goldene Kette ging, die ich um den Hals trage. Ich erzählte ihr, daß sie von meiner Mama ist als Andenken. Sie sagte, daß es unter Kommunisten nicht üblich ist, seinen Reichtum zur Schau zu stellen und ich die Kette abgeben soll. Man würde sie für mich verwahren, bis ich das Internat verlasse. dann, zum Beispiel zu den Ferien, würde ich sie wiederkriegen. Als ich fragte, ob es einen Unterschied mache, ob ich meinen „Reichtum“ innerhalb oder außerhalb des Internates zur Schau stelle, sagte sie, daß das kein Grund ist, frech zu werden.

Ich mußte meine Kette abgeben. meine Kette. Die einzige Verbindung zu meiner Mama. Wer sollte mir denn jetzt noch helfen. Jetzt war sie für mich ganz weg. Wirklich ganz ganz weg. Ich war jetzt endgültig allein in Jugoslawien. Jetzt würde Mama mir nicht mehr beistehen können. Selbst dann nicht, wenn ich an sie denken. und zu allem Überfluss bekam ich wegen meiner „Frechheit“ die schlechteste Tagesnote in Betragen. das war eine 5. Die 1 war die beste Note. So waren das Schulnotensystem in Jugoslawien. Und im Internat galt die Regel, daß der oder diejenige, der/die diese 5 in irgend einem Fach erhält um 19:00 Uhr im Bett zu liegen hat. Ja. Auch die Oberschüler. Man will ja im Kommunismus niemanden besser stellen.

Das Mittagessen war ein Graus. Die Jugoslawen kochen nur in ihren Restaurants so lecker. Der normale Jugo isst viel fettiges und Fleisch von schlechter Qualität. Oder es gab Leberpastete, die gestunken hat wie…. Ich weiß nicht wie. Dazu ein Stück Butter und Kartoffelbrei. Oder…. Ach ich denke ihr wißt schon, was ich sagen will.

So gingen die Tage. Einer nach dem anderen. Es stellte sich die Frage, wo ich am Wochenende hin solle. Irgend welche Leute in der Schule hatten die geniale Idee, daß ich zur Familie meines Vaters soll, weil ich die ja schon kennen würde. Das Problem war nur, daß ich diese Menschen nicht wirklich mochte. Die oberste Hausherrin war die Oma und eine strenge Muselmanin. So streng… Ich wollte das nicht. Aber es half alles nichts. Ich sollte ein guter Jugoslawe werden und auch ein guter Bosnier, also gehe ich da auch gefälligst hin.

Das war furchtbar. Jeden tag zig mal beten. ich glaube fünf mal. Und ich mußte diesen ganzen Muselmanenkack auswendig lernen. Das war nichts für mich. Ich habe und hatte damals auch Gott immer in meinem Herzen. Ich brauchte keine Kirche oder Religion, um meinen Glauben zu bekräftigen. Also fassen wir zusammen. Fünf mal am Tag beten, darüber hinaus die moslemischen Regeln einhalten, die eh schwer genug waren und dann…. Das schlechte Gerede über meine Mutter. Das mußte ich mir ständig anhören. Wie schlecht sie doch ihren Mann behandelt hat. Ja sicher hat er sie geschlagen, aber das bedeutet ja nur, daß sie nicht folgsam und keine Gute Ehefrau war und so weiter und so weiter. das alles durfte ich mir immer wieder anhören. Entweder, wenn sie mit mir direkt sprachen oder wenn sie jemandem erklärten, wer ich war. Dann kam das Thema automatisch auf meine Mutter. „Wenn sie eine gute Mutter wäre, dann wäre er jetzt im reichen Deutschland geblieben und säße jetzt nicht hier bei uns als armer Jugoslawe.“

Und wißt ihr, was das schlimmste daran war? Sie hatten nicht mal Unrecht damit. Und dafür hasste ich mich. ja. Ich begann mich dafür zu hassen, daß ich ihnen Recht geben mußte in dieser Sache. Ich wollte es nicht, aber meine Logik funktionierte einwandfrei.

Ich redete mit einem Lehrer aus der Schule über all das und fragte, ob ich nicht zu der Familie mit Sudo, Suncica und Sanja gehen könnte. Die haben das irgendwie geregelt und dann durfte ich das auch. Mein Gott war ich froh.

Und so begann ich, langsam, ganz langsam etwas ruhiger zu werden und versuchte jeden Tag aufs neue, den selbigen zu überstehen. Und das war wirklich nicht einfach.

Und dann kam der Tag, den ich nie wieder vergessen kann. Selbst dann nicht, wenn ich es gewollt hätte. Es geschah in der Musikstunde mit dem blinden Ismet. Ich sollte die bis dahin schlimmsten 45 Minuten erleben, die ich in dieser Schule je erlebt habe.

Doch davon im nächsten Teil.

8. Teil. Aufbruch zur Hölle


Wir saßen im Intercity nach München. Von dort sollte es weiter nach Jugoslawien gehen. Meiner ungewissen Zukunft entgegen. Mir war etwas unwohl, weil ich nicht wußte, was jetzt wie weitergehen würde. Aber das wurde in diesem Moment alles überdeckt durch die Freude, endlich wieder bei meiner Mama zu sein. Ich war besorgt aber gleichzeitig glücklich. Ich saß im Zugrestaurant und aß meine geliebten Spaghetti Bolognese und trank wunderbar süße Cola. Der Zug rollte und ich lachte über den bayerischen Dialekt einiger Fahrgäste. Meine Mutter erklärte mir ganz stolz, daß es in Jugoslawien alles viel besser für mich sein würde, weil die Menschen dort viel netter und freundlicher wären.

Und da bekam ich meinen ersten innerlichen Ausraster. Netter? Freundlicher? Dort? Und da wurde mir bewußt, was ich alles verloren habe. Auf ein mal begann ich, mein sonst so verfluchtes und innig gehasstes Internat zu vermissen. Es war schon etwas nach 20:00 Uhr und ich wollte eigentlich ins Bett. Aber ich war im Zug. Was passiert hier nur…

Meine Mutter war überglücklich und erzählte mir, daß ihr Knastfreund in Hamburg alles regeln würde, damit Mama bald nachkommen kann. Wir, also Mama, meine Schwester und ich würden sehr glücklich in Jugoslawien werden, wo man Familie so hoch hält. ich bekam fast das kotzen. „Warum um alles in der Welt habe ich mich nur darauf eingelassen,“ fragte ich mich. ich konnte es nicht mehr verstehen. Aber vielleicht würde dann wirklich alles gut werden, wenn Mama endlich für immer da wäre… Ich wußte es nicht. ich wußte nur, daß im Moment alles so gut war, wie lange nicht mehr. Mama war da, und weder meine Schwester noch meine Mutters Lover waren da. Ich hatte sie ganz für mich alleine und sie kümmerte sich rührend um mich. Ich war tatsächlich glücklich. Oder? War da nicht ein kleines fieses bohrendes Tierchen, daß an meinen Empfindungen nagte? So ein kleines mieses Tierchen, daß mich warnen wollte? Eines, daß immer wieder zwickte und bohrte? Hämmerte und klopfte? Mal stärker und mal sanfter aber immerzu? Ja. So ein Tierchen war tatsächlich da. Und wißt ihr was? Es tat immer mehr weh, weil es immer wieder an die gleiche Stelle schlug und biss. An den Teil in mir, der Angst hatte. An den Teil in mir, der genug davon hatte, ewig von Ort zu Ort geschleppt zu werden. An den Teil von mir, der Gewissheit haben wollte. Darüber, wo ich hin gehöre.

Und der Zug rollte und rollte. Auf ein mal war es gar nicht mehr so angenehm in diesem Zug. Und immer diese Kommentare meiner Mutter, daß wir bald aus dem verfluchten Deutschland raus wären. Und in dem Moment wußte ich, daß ich tief verletzt wurde. Deutschland hat mir von Anfang an viel mehr gegeben, als die ach so netten und freundlichen Menschen in Jugoslawien, von denen ich selten etwas gutes zu erwarten hatte. Und das sollte jetzt auf ein mal alles anders werden? Das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Aber jetzt war es zu spät. Wir waren unterwegs und mein Untergang war nicht mehr aufzuhalten. Ja. Es sollte ein Untergang werden, aus dessen Trümmern ein viel zu schnell erwachsen gewordener Junge entsteigen würde. Zum Glück konnte ich das nicht wissen. Sonst wäre ich durchgedreht.

Was sich liest wie ein Ausschnitt aus einem dramatischen Filmdrehbuch ist tatsächlich das, was ich erlebt habe und euch hier aufschreiben möchte.

München. Hauptstadt von Bayern und der letzte Bahnhof, in dem meine Füße deutschen Boden berühren sollten. Für viel zu lange Zeit.

Wir stiegen um. Ich sog die rauchige Luft ein. Sie war vermischt mit Essensgerüchen aber auch mit frischer Luft. Ich wußte irgendwie, daß ich so etwas nie wieder riechen würde. Für mich war klar, daß es für mich diesmal keine Rückkehr geben würde. Die Polizei würde sicher schon nach mir suchen und wenn meine Mutter jetzt mit mir umkehren würde, dann würde ich sie nie wiedersehen. Und so hatte ich wenigstens die Chance, daß alles noch irgendwie gut wird. Also fügte ich mich und ging neben meiner Mutter her zu dem Zug, der uns nach Jugoslawien bringen würde.

Im Zug sprach kaum noch einer deutsch. ich war eigentlich schon in Jugoslawien angekommen. ich wollte raus. Raus raus raus… Aber ein Ruck und….. Die Reise begann erneut. Weg von allem, was ich so gehasst…..so geliebt habe…

Ich schlief, wachte auf, schlief, wachte auf… Immer hin und her. Am Morgen waren wir dann in Zagreb angekommen und ich dachte an meine erste Verschleppung nach Jugoslawien. Dort war ich ja auch schon in eine Schule gegangen. So schlecht war es da ja eigentlich nicht. Oder? Ich glaube, ich habe es verdrängt. Egal. Nicht denken. Einfach mitmachen. Und der Zug fuhr weiter.

Am Abend kamen wir dann dort an, wo ich diesmal zur Schule gehen sollte. In Sarajevo. Olympiastadt Sarajevo mit dem Wolf. Mein Gott was für Menschen waren da… Bosnier. Plumpe Menschen mit einer noch plumperen Sprache. Oh ja. Bosnier haben eine verdammt plumpe Art, miteinander und mit anderen umzugehen. Und die Sprache ist eine Beleidigung für all diejenigen, die auch nur etwas Bildung im Leben genossen haben. Ich begann, diese Sprache zu verabscheuen.

Ein „Ey alter“ in Deutschland ist ein „Ey du alter Hurensohn“ (übersetzt) in Bosnien. An Stelle von „Du Teufelskerl“ benutzen sie Sätze wie: „Ich fick dir Gott. Das hast du wirklich gemacht? Der Teufel hat dich gefickt.“ Rauhes lachen rundete alles ab. Ja, das waren Bosnier. Und da war auch ich jetzt. Mein Gott…

Wir waren bei einer Familie zu Gast, die meine Mutter von irgendwo her kannte. Der Hausherr hieß Sudo, die Hausherrin hieß Suncica und die Tochter, die etwa in meinem Alter war hieß Sanja. Sie waren sehr nett und dann wurde mir auch klar, wieso. Sie waren keine Bosnier sondern Serben. Die mochte ich zwar auch nicht, aber sie zählten zu der etwas gehobeneren Klasse und benutzten keine Kraftausdrücke. Das tat mir sehr gut.

Die erste Nacht dort habe ich tief und traumlos geschlafen. Ich wünschte mir im Nachhinein, nicht aufgewacht zu sein, denn was ich dann mitbekam, war der Beginn der Hölle.

Wir frühstückten. Das Frühstück dort war eigentlich bloß Brot mit Jagdwurst. Gewöhnungsbedürftig aber es war essbar und das war schon was.🙂 Und dann begann es. Meine Mutter rief in Deutschland an. Sie hatte das Internat angerufen und verkündete lautstark, daß ich nie wieder zurückkehren würde. Nie wieder, und ob sie das verstanden hätten. Ich wollte schreien. ich wollte sagen „Nein, nicht so vorschnell. Warte doch erst mal ab. Bitte tu das nicht. Bitte…“ Aber ich war nicht in der Lage dazu. Es war einfach alles zuviel für mich. Ich war erst 10 und all die Ereignisse waren einfach zuviel. Und so hörte ich mit an, wie meine Mutter eine meiner Brücken nach der anderen einzureißen begann. Irgendwann war es vorbei und im Raum war es totenstill. Ich weinte leise. Ganz leise…

Meine Mutter verstand das völlig falsch und sagte mir, daß die bösen deutschen mir nichts mehr tun könnten. ich wäre jetzt in Sicherheit und alles würde gut werden. Mein Gott… Hatte sie denn überhaupt keine Ahnung, was in mir vorging?

Die hatte sie wohl nicht. Die Tage verstrichen und ich freundete mich mit Sanja sehr gut an. Es war alles etwas zur Ruhe gekommen.

Und dann kam der Tag, an dem ich das erste mal die Schule dort besuchte. Das war sie also. Die Blindenschule in Sarajevo. Ein Gelände mit mehreren Häusern. Die Kinder dort waren wirklich nett, aber ich konnte mich einfach nicht mit der bosnischen Dialektik und Redensart anfreunden. Es ging einfach nicht. Es war mir zu fremd. Nun, wir, also die Kinder und ich unterhielten uns im Hof, während meine Mutter die Formalitäten regelte. Und mir wurde endgültig klar, daß ich in dieser Schule nicht bleiben wollte. Die Kinder erzählten mir, daß sie sogar deutsch lernen würden. Ich sagte ihnen, wo ich her kam und daß ich natürlich sehr gut deutsch sprach. So gut, daß mein Jugoslawisch nicht ganz so gut war wie deren. Ich habe deutsch immer fließend und Akzentfrei gesprochen. Das wollte ich mir bewahren. Es war das einzige, was ich noch hatte.

Als meine Mutter mich dann dem Direktor vorstellte sagte ich ihr, daß ich nicht bleiben will und wieder zurück wollte. Ja ich weiß, daß es schon längst zu spät war, aber erst da hatte ich den Mut gefunden. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, daß ich selber versuchen muß, etwas zu unternehmen. Es half nichts. Alles bitten und flehen half nichts.

Aber das „beste“ war, daß Mama sagte, daß sie gleich von einem Auto abgeholt werden würde, und sie nach Deutschland fahren würde. Oh mein Gott warum lässt mich jeder irgendwie allein… Und sie darf da hin, wo ich hin wollte. Der Musiklehrer war auch anwesend. Ein blinder Lehrer namens Ismet, von dem ich heute noch ein immer sichtbares Andenken habe. Aber davon später. Er spielte Akkordeon und meinte wohl, daß er mich aufmuntern könnte. Er spielte ein Kolo. Das sind bosnische Volkstänze, bei denen man immer im Kreis herum hüpft. Ich wollte das alles nicht. Mir war übel. Ich vermisste Milly Vanilly, Samanta Fox, Kim Wilde und all die anderen. Wo bin ich da nur hin geraten… Was ist passiert… Ich schrie innerlich. Ich schrie stumme Schreie. Aber wer sollte sie hören…

Das Auto kam, meine Mutter stieg mit dem Versprechen ein, bald wieder da zu sein und fuhr weg. Für sehr sehr lange Zeit. Was geblieben war? Eine goldene Halskette, die ich trug. Ich war allein. Allein in Jugoslawien. Meine Mutter auf dem Weg in das Land, aus dem ich raus gerissen wurde und in das ich so gerne wieder wollte. Ich wurde da geboren, bin da aufgewachsen. Ich wußte, ich würde nie ein Kommunist werden. Nie. Das haben die in Zagreb schon nicht geschafft und sie würden es auch hier nicht schaffen. Das nahm ich mir fest vor.

Abendessen. Das erste Abendessen in der Schule. Wir mußten uns vor dem Speisesahl aufstellen und ein Pionierslied singen. Man sah mir nach, daß ich keines kannte und so war man nicht böse, daß ich nicht mit sang. Ich war schon einer Schulklasse zugeordnet und die Klassen standen immer zusammen. Nach dem Singen durften wir eintreten. Wir setzten uns an die Tische und bekamen das übliche Abendessen in kommunistischen Ländern. Jagdwurst und Brot. Butter war auch dabei und dann diese ekelhafte Sauermilch. Die gab es in Aluminiumbechern und sie schmeckte furchtbar. Und dann bekam ich mit, was da für eine Musik spielte. Wenn jemand sie nicht trank, dann wurde er sehr stark beschimpft. Mir ging es auch so. Ich mochte das Zeug nicht und kassierte nen Anschiss, der sich gewaschen hat. Ob ich Schwabo (so nannten sie die deutschen abwertend) was besseres gewohnt sei? Ja? Das könnte ich mir abschminken. Das ist Jugoslawien und kein Kinderspielplatz für verwöhnte Goldärsche. Und dann kamen die Auszüge aus diversen Kommunistenzitaten und was Tito nicht alles getan hätte, um Jugoslawien zu vereinigen und daß niemand die Frechheit haben darf, dagegen zu arbeiten. Egal ob Kind oder erwachsener. Ich knickte ein. ich trank meine Milch.

Und da wußte ich es. Ich war endgültig in der Hölle angekommen.

7. Teil: Der Vorhof der Hölle


Ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen.
Meine Mutter stellte mir also diesen Djordje vor. ich weiß nicht, wie man ihn spricht. Das „dj“ symbolisiert die Aussprache wie ein englisches G zum Beispiel in dem Wort „gene.“
Da war er also. Djordje. Mir war er gleich unsympathisch. Ob er für mich das gleiche empfand, wusste ich nicht. Jedenfalls hat er sich nichts anmerken lassen. Aber ich spürte, daß er unwahrscheinlich großen Einfluss auf meine Mutter hatte. Und das machte mir Sorgen. nein. Ich konnte natürlich nicht abschätzen, was das für Konsequenzen haben würde.
Wir zogen nach Eimsbüttel. Dort eröffneten meine Mutter und dieser Djordje ein Kaffee und nannten es „Morgenpost.“ Im Prinzip fand ich, daß das eine gute Idee war. Jedenfalls sagten sie, daß sie das Kaffee eröffnet haben. Aber das ging alles so unglaublich schnell. Oder ich hab es damals als Kind nicht richtig realisiert. Das war 1988. Das weiß ich irgendwie noch.
Das Kaffee „Morgenpost:“ Was für ein Laden. Überall nur Jugos. Wohin man blickte, überall nur Jugos. Aber so merkwürdige Typen, die ständig Karten zockten und sehr sehr seltsam waren. Ich kann es nicht richtig beschreiben. Du bist in dem Raum und weißt sofort, daß es besser ist, wenn man die Klappe hält. Und genau so ging es mir. Und wenn man gewisse Dinge aufschnappt, wünscht man sich sofort, sie nie gehört zu haben, weil man Angst vor diesem Wissen hat. Nicht, weil es einen so sehr belastet, sondern eher deshalb, weil man Angst hat, daß man es unbedacht verrät und sie genau das herausbekommen. Also hab ich mich nicht sehr oft da aufgehalten. Ich kann mich aber erinnern, daß unsere Küche in Dauerbenutzung war. Meine Mutter machte blächeweise Burek. Die Türken nennen es Börek glaub ich. Jedenfalls roch alles nur nach diesen Blätterteig-Hackrollen. Man konnte die Küche fast nicht für andere Dinge benutzen, weil meine Mutter für die „Herren“ unten im Kaffee immer dieses Essen machte. Und manchmal kam auch einer von denen hoch und unterhielt sich mit Djordje über Dinge, die ich mir nicht im Traum vorstellen konnte. Da lernte ich, es zu tun. Sie zählten Geld, redeten über irgendwelche krummen Dinge, die sie drehen wollten oder gedreht haben. Es war sehr sehr unangenehm geworden zu Hause. Und ja, ich gebe es zu. Ich war froh, wenn die Wochenenden wieder rum waren und ich endlich wieder in mein Internat durfte. ich habe mich schlecht gefühlt wie selten in meinem Leben. Im Internat mußte ich mich mit Reiner und Hanno rum schlagen und am Wochenende musste ich aufpassen, daß ich nichts falsches sage. Sie haben mich zu Hause wohl nicht ernst genommen. Jedenfalls redeten sie ganz unbefangen über diese Dinge. Manchmal riefen sie auch mit verstellter Stimme irgendwo an und sprachen merkwürdige Drohungen aus. Das fand ich merkwürdig.
Von meiner Schwester habe ich in dieser Zeit übrigens nichts gehört. Sie war wohl weg. Ich weiß es nicht. Sie hatte ja ihren Metodi, den Zigeuner, den ich genau so wenig mochte, wie meine Mutters neuen.
Irgendwann kam es immer öfter vor, daß die Polizei nach Djordje fragte. Ich hab nie verstanden, warum meine Mutter ständig gesagt hat, daß er nicht da wäre und auch nicht bei ihr wohne. Als ich sie ein mal danach fragte sagte sie, daß die Polizei ihn sucht, er aber nichts getan hat, das aber nicht beweisen kann und sich erst mal verstecken müsse. Beide haben peinlich darauf geachtet, daß ich nie die Tür öffnen würde wenn es geklingelt hat. Das fand ich furchtbar. Ich fühlte mich gefangen.
Die Polizeipräsenz wurde immer aufdringlicher und intensiver. Mir war irgendwie klar, daß das nicht lange gutgehen würde. Aber wie durch ein Wunder ist nichts passiert.
Irgendwann kam man im Internat dahinter, daß etwas nicht stimmt. Ausgangspunkt der ganzen Aktion war, daß Hanno, Reiner und Monika, die in einem der anderen Zimmer wohnte meine Sachen für den nächsten Morgen mitten in der Nacht in die volle Badewanne geworfen haben. Ich war wach, hatte aber Angst, etwas zu sagen. Ich war erst 10 und die drei waren wohl schon 13 oder 14 sogar. Oder noch älter?? Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls habe ich mir das still angehört und dann am nächsten Morgen der Erzieherin vom Frühdienst gesagt, was passiert war. Die drei haben es auch sofort zugegeben. Für mich ist da aber etwas zerbrochen. Es war nicht diese Aktion allein. Eigentlich wäre ich aufgestanden und hätte mir eine handfeste Klopperei geliefert. Aber irgendwie war ich nicht in der Lage dazu. Vielleicht waren es all die anderen Dinge, die auf mich einströmten.
Ich unterhielt mich sehr lange mit der Erzieherin und begann auch etwas über zu Hause zu erzählen. Und gleichzeitig wusste ich, daß es sehr schlimm ist, wenn ich das tu. Aber das alles musste irgendwie einfach raus. Sie hörten mir auch sehr aufmerksam zu. Das war übrigens schon 1989.
Es ging also alles so weiter. Die Situation war nicht sehr angenehm. Und ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen. Wie oft schrieb ich das eigentlich schon?😉 Nun, es ist ja wirklich so…
Ein mal war ich wieder an einem Wochenende zu hause. Djordje lag im Bett und schlief. Es war Nachmittag. Mama machte mal wieder diese Teigrollen und es war eigentlich alles wie immer. Dann bat sie mich, ihn zu wecken. „Klar“ sagte ich und ging los. Es war eine Altbauwohnung mit hohen Fenstern und diesen niedrigen Fensterbänken. Er lag auf der Seite des Bettes, die zum Fenster zeigte.
ich umrundete also das Bett und stand an der langen Seite des Bettes, den Rücken zum weit offen stehenden Fenster gewandt. ich begann, ihn leise zu wecken. Er wurde nicht wach. Dann drehte ich mich wieder um, weil ich zurück laufen wollte und Mama sagen wollte, daß er nicht aufgewacht wäre.
Genau in dem Moment, als ich das Gesicht zum Fenster hatte, bekam ich einen mörderisch starken Tritt in den Po. Ich flog auf das Fenster zu. Meine Füße hatten keinen richtigen Halt mehr und ich fiel bäuchlings auf die Fensterbank. Mein Körper war schon so weit über die Kante gerutscht, daß ich meine Arme anwinkeln musste, um mich wieder zurück zu ziehen. Das ging alles tierisch schnell. Aber dieser Moment dauert heute, wenn ich darüber nachdenke ewig lange.
Ich habe keinen Laut von mir gegeben. Das ging alles zu schnell. ich habe mich nur wieder aufgerichtet und bin aus dem Zimmer gegangen. So ruhig wie möglich. Bevor ich die Tür erreicht habe sagte er noch: „Jetzt weißt du bescheid. Kein Wort über mich zu jemandem.“ Ich habe darauf nicht geantwortet. Ich bin nur in die Küche und hab Mama gesagt, daß er wach ist. Aber eine Mutter ist eine Mutter. Sie fragte mich, warum ich so weiß wäre. Ich sagte ihr, daß ich mich nicht fühle. Damit war das Thema auch schon vorbei. Ich war eigentlich ganz froh darüber. Denn niemand hätte mir geglaubt. Niemand.
Dann irgendwann im Internat, kam die Erzieherin zu mir, mit der ich schon wegen Hanno, Reiner und Monica geredet habe und bat mich, ihr etwas über diesen Djordje zu erzählen. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr erzählt habe. Aber ich weiß noch genau, daß sie mich bat, einen Text ins jugoslawische zu übersetzen. In diesem Text wurde Djordje gebeten, daß Internat nicht zu betreten. Ihm wurde mitgeteilt, daß er dort unerwünscht ist. Aber damit war es nicht ausgestanden. Die Erzieherin teilte mir mit, daß ich bis auf weiteres nicht nach Hause dürfe, bis das Problem mit Djordje geklärt ist.
Was soll ich sagen… War ich erleichtert, war ich traurig? Ja und ja. Es waren so viele Gefühle in mir. Ich wollte meine Mutter nicht verlieren, aber ich hatte auch wahnsinnige Angst vor ihrem neuen bekommen. Ich habe erfahren, daß er mich umbringen würde, wenn er der Meinung ist, daß es sein müsse. Und dem wollte ich natürlich entkommen.
Aber dann siegten doch die Tränen. Ich glaube, ich habe noch nie so viel geweint wie in dieser Zeit. Jedenfalls kam es mir schlimmer vor als all die anderen male. Warum? Nun. Heute denke ich, daß es wohl die für mich damals feste Gewissheit war, daß sie ihn nie wieder loswerden würde, weil sie ihn ja versteckt und alles.
Die Wochenenden zogen sich also hin. ich war jedes zweite Wochenende, daß kein „offenes“ Wochenende war, bei einer Erzieherin, die mich zu sich nach Hause nahm. Und da lernte ich, daß es auch schön sein kann, wenn man „zu Hause“ ist. Ja. Ich habe jede dieser Wohnungen als ein zu Hause gesehen. Und es war wirklich schön da. In den Ferien ging ich in ein Ferienlager. Wo und was, das weiß ich nicht mehr. ich glaube, es war ein Reiterhof. Oder doch nicht??? Ich kann es wirklich nicht mehr sagen. Als ich nach Hause kam, hat meine Mutter mich nicht vom Bus abgeholt. Sie durfte es immer noch nicht. Ich ging zu Svea, meiner Lieblingserzieherin damals. Dort war ich schon, und es hat mir dort auch sehr gefallen. Sie war halbe Schwedin glaube ich. Und da war sie dann wieder. Die Verbundenheit zu Skandinavien und deren Menschen. Man hat es gemerkt und ich war froh, daß ich bei ihr war.
In den Wochen also im Internat und an den „geschlossenen“ Wochenenden bei Svea oder einer anderen Erzieherin. Zu meiner Mutter hatte ich nur manchmal telefonischen Kontakt. Aber es war nicht wirklich entspannt und wir haben auch beide nie über das Problem gesprochen. Wir haben uns beide so normal wie möglich verhalten.
Irgendwann rief sie mich nachmittags im Internat an und sagte, daß wir weg müssen. Ich fragte, ob sie Djordje und sich meinte. Sie sagte, daß sie sich und mich meinte. Sie wollte an einem der Wochenenden kommen und mich mitnehmen. Sie wollte mit mir nach Jugoslawien gehen. Für immer. Aber sie wollte da auch bleiben mit mir.
ich… Ich kann nicht sagen, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe. Auf der einen Seite war ich froh, daß wir es denen allen zeigen und abhauen, aber auf der anderen Seite wieder Jugoslawien…
ich hielt jedenfalls den Mund und sagte niemandem etwas. Und dann war es soweit. Sie kam und sagte der Erzieherin, daß sie nur ein par Stunden mit mir spazieren gehen wolle. Dagegen hatte sie nichts. Wahrscheinlich war man der Meinung, den Umgang langsam wieder etwas zuzulassen, damit keine Entfremdung entstand. Das wäre nachvollziehbar. Ich spreche die Erzieherin von jedem Vorwurf frei. Das will ich hier erwähnen.
Sie packte unauffällig einige wenige Sachen für mich ein und verließ mit mir das Internat. Auf dem Weg zum Bahnhof erzählte sie mir, daß die Polizei sich eine heftige Schlacht mit Djordje geliefert hat, ihn aber nicht fassen konnte. Er hätte ihr gesagt, daß es das beste wäre, wenn sie mich nach Jugoslawien bringt. Ach ja? Also eine seiner Ideen also. Na toll. Erst da wurde mir auch bewusst, was ich hier verlieren würde. Meine Schule, meine Freunde, einfach alles… Ich würde komplett neu anfangen müssen. Das wollte ich auf keinen Fall. Aber was sollte ich machen. Wenn ich jetzt eine Diskussion mit meiner Mutter anfangen würde, könnte das vielleicht jemand hören und sie würde richtig Ärger kriegen. Das wollte ich auch nicht. Also fügte ich mich wieder ein mal in mein Schicksal.
Wir stiegen also in den Zug und er fuhr an. Einer sehr ungewissen Zukunft entgegen. Direkt in die Hölle…

6. Teil: Das Bauernsöhnchen, Bauer Piepenbrink und der Dorfjunge


Ich lebte also auf der Gruppe E. Ich kam wunderbar mit den Erzieherinnen und den anderen aus. Nur mit Hanno hatte ich so meine Probleme. Reiner war ja noch nicht da. Dann sollte alles nur noch schlimmer werden. Aber davon wußte ich ja noch nichts. Gott sei Dank…
Mit Hanno in einem Zimmer wohnen zu müssen war schon eine Herausforderung, vor der ich mich gern gedrückt hätte. Es dauerte nicht lange, und ich kannte bald jede einzelne Vorstellung von Bauer Piepenbrink. Mein Gott, wie ich dieses Mist zeug gehasst habe… Aber es gab kein entkommen. Abends immer vor dem Einschlafen mußte ich mir das anhören. Immer wieder und wieder. Und dann dieses dummbäuerliche glucksen, daß Hanno immer von sich gab. Aber wehe ich beschwerte mich. Dann hatte ich immer ruck zuck einen in der Schnauze. Irgendwann erkannte ich, daß das keinen Sinn haben würde. Und so redete oder sang mich der bekloppte Piepenbrink in den Schlaf. Oder er weckte mich.
Hanno entwickelte sich immer mehr zu einem Hassobjekt der höchsten Kategorie. Ich sprach auch mit den Erzieherinnen darüber. Aber sie sagten nur, daß Hanno es ja auch so schwer hätte wegen verschiedener Dinge, und ich verstehen müsse, daß man ihm das wenigstens lassen sollte.
Und da war es wieder. Das verstehen. Immer ich… Aber keiner konnte oder wollte verstehen, daß ich auch mal meine Ruhe wollte oder was zu sagen haben wollte.
Irgendwann fing ich an, Hanno Streiche zu spielen. ich zerschnitt nachts, wenn ich wegen seinem geschnarche nicht schlafen konnte seine Tagesdecke oder machte sonst etwas kaputt, was ihm gehörte. Das kam natürlich irgendwann raus und ich mußte alles ersetzen. naja, meine Mutter mußte es. Und die war natürlich voll dabei. Aber ich habe weder von ihr, noch von Hanno oder gar von den Erzieherinnen ernsthaften Ärger gekriegt. Gewundert hat es mich schon damals, und verstanden hab ich es bis heute nicht.
Und dann kam Reiner. Reiner war ein Dorfjunge aus Niedersachsen in der Nähe von Stade. Der war fast noch schlimmer als Hanno. Zwar nicht ganz so fett wie das Bauernsöhnchen, aber mindestens so tumb.
OK, den Piepenbrink fand er auch scheiße, weshalb Hanno das dann etwas eingestellt hat, aber dafür durfte man ihm dann beim reden zuhören, wenn er von irgend welchen Dorfmädchen erzählte, oder davon, wie er in der Garage heimlich gesoffen hat und anderen aufs Maul gehauen hat und so weiter und so weiter. Eben ein richtiger Angeber vom Dorf. Ein Trottel. Aber, und das muß man hier auch ganz deutlich sagen, sehr gefährlich. man darf solche Dorftrottel nicht unterschätzen. Und Reiner war Gefährlich. Ein falsches Wort in der falschen Situation, und du hattest einen Seitenschwinger gegen das Kinn gekriegt und lagst dann da. Das einzige, worüber du dich dann freuen konntest war, daß er nicht noch nachgetreten hat. und ich spreche da leider aus Erfahrung. Jedenfalls war mir von dem Moment an klar, daß sich einiges für mich verändert hat. Und das nicht zum guten.
Und so zogen sich die Monate. Oder war es ein Jahr? Ich weiß es wirklich nicht mehr genau.
Dann irgendwann, es war wieder eines der Wochenenden, an denen ich nach Hause durfte, stellte meine Mutter mir ihren neuen vor. Ja. Meine Mutter hatte tatsächlich einen neuen. Das kann man sich als Kind gar nicht richtig vorstellen. Der letzte den sie hatte, war ein alter Oberfranke. Den hat sie dann aber irgendwie nicht mehr getroffen. Das war noch vor meiner Zeit in Zagreb. ich habe nicht über ihn geschrieben, weil ich wenig von ihm mitbekommen habe.
Also meine Mutter stellte mir ihren neuen vor. Er war Bosnier und hieß Djordje oder so. Das war ein großer breiter Schrank mit einer sanft-weichen Stimme.
Und ich wußte, daß jetzt alles noch viel viel schlimmer werden würde. Ich ahnte damals noch nicht, wie richtig ich mit meiner Vorahnung lag…

5. Teil: Altes Leben und neue Schocks


Ich wurde also am Tag darauf wieder ins Internat gebracht. Hach war das ein Wiedersehen. Alle haben sich gefreut, daß ich wieder da wäre. Und ja. Ich gebe es zu. Ich habe mich auch gefreut. Warum eigentlich? Ich glaube, es war die Freude darüber, daß man sich im Internat ernsthaft darüber gefreut hat, daß ich wieder da war. Freude kann ansteckend sein, und in diesem Moment war ich dankbar dafür. Machte es doch so vieles einfacher. Ich habe mich auch gut wieder an alles gewöhnen können. Das war auch nicht wirklich schwer. Verglichen mit dem Internat in Zagreb war das ein Paradies. Und doch vermisste ich es, wie viele aus meiner Klasse jeden Tag mit dem Schulbus nach Hause zu fahren. Aber ich habe mich schon sehr bald von diesem Traum verabschiedet. Zumindest für einige Zeit.
Das Leben nahm also seinen gewohnten Lauf. Alles lief irgendwie, und besonderes passierte auch nicht. Die Jahre rannen dahin und ich lebte, so gut es eben ging. Natürlich hatte ich manchmal auch Krisen, Heimweh und solche Dinge. Aber ich habe es immer geschafft, das irgendwie zu managen.
Und hier verschwimmt die Reihenfolge etwas. Aber das ist für meine Lebensgeschichte nicht wirklich maßgeblich. Ich werde also einfach erzählen.
Eines Tages, ich spielte auf einer Holzburg auf dem Spielplatz, kam meine Mutter zu mir. Sie besuchte mich wieder ein mal nachmittags im Internat, um mir und vor allem allen anderen auch Süßigkeiten und Kuchen mitzubringen. Sie nahm mich bei Seite und erzählte mir, daß ich ein babysparbuch hätte, sie das aber aufkündigen müsse, weil…. meine Schwester heiraten werde. Ja. Sie hätte einen Mann kennengelernt und den wolle sie heiraten. Sie war da 17, ich muss also 9 gewesen sein. Meine Mutter sagte mir, daß ich verstehen müsse, daß meine Schwester Hochzeitsgeschenke bräuchte und Mama das Geld nicht hätte. Und deshalb kann ich als ihr Bruder etwas gutes für sie tun und Mama das Geld zur Verfügung stellen, damit sie ihr die vielen tollen Hochzeitsgeschenke kaufen könne.
Es waren schon ein par tausend Mark. Das sagte mir meine Mutter. Ich hatte damals schon eine Vorstellung von Geldmengen, weil ich ja wegen der Drogenprobleme meiner Schwester immer wieder mit Geldsummen konfrontiert wurde. Deshalb brach für mich auch eine Welt zusammen, weil meine Mutter mir auch erzählt hat, daß das Geld eigentlich dafür bestimmt war, daß ich irgendwann auf eine Privatschule mit besserer Ausbildung gehen kann. Das alles ist mit diesem einen Besuch und der Absicht meiner Mutter das Sparbuch aufzulösen zusammengebrochen. Einfach so. „Das musst du verstehen.“ Ich weiß nicht, ob sie das wirklich gesagt hat, oder ob dieser Satz sich selber eingeschlichen hat. Das spielte auch keine Rolle.
Mit dieser sehr frohen Nachricht ließ sie mich irgendwann alleine im Internat zurück. Erst später erfuhr ich, daß man mit 17 noch nicht heiraten darf, wenn man nicht die Zustimmung der Eltern hat. Und so erfuhr ich auch, daß meine Schwester sich von zu Hause weg geschlichen hat und die Hochzeit ohne Erlaubnis durchgeführt hat. „Moment mal“, werdet ihr jetzt denken. Das geht in Deutschland doch nicht einfach so. Und richtig. Es war ja auch nicht in Deutschland. Sie ist nach Makedonien gegangen und dort gilt diese Regel nicht. Jedenfalls war es damals so. Das muss man sich vorstellen. Sie haut mit so einem von da ab, verlässt das Land illegal und heiratet ihn einfach so. Das ist schon schlimm genug. Aber es kommt noch schlimmer. Meine Mutter hat nichts besseres zu tun, als ihr noch hinterher zu fahren und ihr die vielen Hochzeitsgeschenke aus dem tollen und reichen Deutschland nachzuschleppen. Ja. Mit dem Zug. Das war kein Zuckerschlecken, wie sie mir später erzählt hat. Ich durfte sie dann noch trösten. Sie hätte so gelitten, weil es heiß war und die Züge total überfüllt. Sie wäre ja über 24 Stunden gefahren. Und von den par tausend Mark war auch nichts mehr über. Nichts mehr. Sie hat lieber weniger Geld ausgegeben, damit meine Schwester mehr bekommen kann und deshalb sogar auf ein Flugzeug verzichtet. Und ich??? Ja…. Was soll ich sagen… Ich durfte ihn irgendwann kennenlernen. Ein echt unsympathischer Zeitgenosse war das. Nicht wirklich unheimlich, aber auch nicht jemand, dem ich vertrauen konnte. Immer wieder fuhren sie zwischen Deutschland und Makedonien hin und her… Ich habe keine Ahnung, wieso eigentlich. irgendwann kamen Gerüchte auf, daß sie Drogen mit nach drüben nahmen. Beweisen konnte man das nie. Und selbst wenn, dann wird meine Mutter alles getan haben, um das zu verhindern.
Dann kam ich auf eine neue Internatsgruppe. Das war eine Gruppe für die etwas smarteren Kids. Nein. Das war nicht ironisch gemeint. Oder man wollte mich aus irgend welchen Gründen loswerden. Ich weiß es nicht. Ich hatte ja auf der Gruppe 1 ein Dreibettzimmer mit Peter und Bülent, welches ich nach meinem Aufenthalt in Zagreb auch wieder beziehen konnte. Auf Gruppe E hatte ich auch wieder ein Dreibettzimmer mit Hanno und Reiner.
Nein wie furchtbar war das denn. Ein völlig verfettetes Bauernsöhnchen aus Schleswig-Holstein und ein typischer Dorfjunge aus Niedersachsen. Ja. So ein grobklotziger Angeber mit komischen Sprüchen und so. Mann wie hab ich die beiden gehasst. Beide waren auch älter als ich und ich merkte schon bald, daß ich gegen die beiden nicht ankommen würde.
Überhaupt waren alle älter auf der Gruppe E. Das hat mich aber nicht weiter gestört. Mich hat gestört, daß es keine Möglichkeit gab, sich mit Hanno und Reiner zu arrangieren.
Während ich dies schreibe, kommt mir eine Erinnerung. ich war zu erst nur mit Hanno auf dem Zimmer. Reiner kam dann irgendwann später dazu. Ich weiß aber nicht mehr, wieviel später. aber viel später kann es nicht gewesen sein denn…..
Und hier beginnt etwas neues. Aber davon in meinem nächsten Blogeintrag.
Euer Daniel.