Schlagwort-Archive: Traurigkeit

Teil 1. Der Anfang


ich betrat diese Welt am 13.01.1978 in Hamburg. Alles schien ganz normal zu sein. Bis man dann irgendwann bemerkte, daß ich blind war. Es stellte sich heraus, daß ich an der Krankheit „Morbus Norrie“ leide. Das ist eine genetische Krankheit, die von Frauen übertragen wird. Aber nur bei Männern bricht sie aus.
Jedenfalls wurde dieser Gendefekt bei mir festgestellt. Die Augen wurden an der Weiterentwicklung gehindert. Die Folge davon ist eben die Blindheit. Die Krankheit kann in manchen Fällen noch geistige Behinderung und Taubheit zur Folge haben.
Und so begann mein Leben.
Ich habe als Kind nicht viel gemacht. Will sagen, daß ich bis zur Vollendung meines ersten Lebensjahres so gut wie nie aus dem Bett gehoben wurde. Meine Mutter hat sich nicht wirklich viel um mich gekümmert. Sie kam mit dieser für sie viel zu großen Belastung gar nicht klar. Für sie war ich ein blindes Kind, daß später als blinder Mann hinter dem Ofen sitzen wird, und nie etwas zu tun bekommt und ständig gepflegt werden muß, weil es ja eben allein nicht geht als blinder.
Meine Mutter hat noch ein anderes Problem mit sich rum zu tragen gehabt. Ihr Mann hat sie auch während ihrer Schwangerschaft geschlagen, und das kann auch mit ein Grund dafür sein, daß ich nicht sehen kann. Darüber haben sich die Ärzte ausgetauscht und sich auch deswegen gestritten. Ganz sicher war man sich nie, weil mein Auge bei der Geburt geblutet hat. Also das rechte Auge.
Aus einem Grund, den ich nie, auch später in Gesprächen mit meiner Mutter nicht erfahren konnte, rief sie in einem Säuglingsheim an. Dort kommen Kinder hin, deren Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern können. Dort dürfen sie dann so lange bleiben, bis die Eltern sich wieder eigenständig um das Kind kümmern können. Sie rief dort an und erzählte der Erzieherin dort, daß ihr Mann, also mein Vater, mit dem sie aber nicht mehr zusammen lebt, alles in der Wohnung zusammen geschlagen hat, und sie mich in Sicherheit bringen möchte. Man kam also, um mich abzuholen, und fand eine ganz normale Wohnung vor, in der ich und meine 8 Jahre ältere Schwester waren. Es stellte sich dann heraus, daß meine Mutter diese Geschichte nur erfunden hat, damit ich weg komme. Zu dem Grund dafür komme ich später noch ausführlicher.
Ich war wie gesagt ca. 1 Jahr alt, als ich in das Säuglingsheim kam. Dort gefiel es mir wohl richtig gut, wie mir die Erzieherin, mit der ich übrigens immer noch Kontakt habe, ein mal sagte. Ich durfte sogar jedes Wochenende nach hause.
Und hier setzen auch meine eigenen Erinnerungen an alles ein. Mir wurde bewußt, daß ich nach Hause kann, aber nur 2 Tage in der Woche. Da ist dann immer jemand, der mich mag, (meine Mutter) und jemand, der mich hasst (meine Schwester.) Das habe ich gespürt. Jedes mal, wenn ich da war, habe ich gespürt, wie sehr sie mich gehasst hat, weil ich ihr 2 Tage pro Woche IHRE Mutter weg genommen habe. Dann war wieder Sonntag, und ich mußte wieder ins Säuglingsheim. Das war immer ganz schlimm für mich, weil ich meine Mutter vermisst habe. Aber richtig schlecht ging es mir da nicht wirklich. Ich habe mich mit Uwe, dem Sohn der einen Erzieherin angefreundet. Diese Freundschaft hält noch heute. Uwe ist gut 6 Jahre älter als ich. Er kam damals immer nach der Schule zum essen ins Säuglingsheim. Dann haben wir gespielt und lauter Blödsinn gemacht. Irgendwie haben uns die Dinge zusammengeschweißt, Uwe und mich. Es sind jetzt 32 Jahre einer wundervollen Freundschaft.
Die Zeit im Säuglingsheim lief also vor sich hin und lief und lief. Irgendwann gab es einen Streit zwischen den Erwachsenen und ich hatte keine Ahnung warum. heute weiß ich, daß die eine Erzieherin und die Leiterin des Säuglingsheimes sich darum gestritten haben, wer mich adoptieren darf. Ich wußte damals natürlich schon, was Adoptionen sind. Dort waren ja auch ältere Kinder, und mit denen redet man auch, und.. naja, irgendwie erfährt man das dann einfach. Jedenfalls ging es um diese Frage. Mir wurde langsam klar, daß meine Mutter mich wohl nicht mehr haben will. Ich fragte mich, warum das so war. Sie kam doch mehrmals in der Woche vorbei, brachte immer Kuchen und Süßigkeiten mit, also für alle, was dazu führte, daß ich sehr viele Freunde hatte. Aber mir hat damals schon das Gefühl des Stolzes gefehlt. Ich meine den Stolz darauf, etwas ganz allein für sich haben zu können. Das gab es für mich nicht. „Jetzt ist sie also mit der Wahrheit rausgekommen.“ So dachte ich. Sie will mich nicht mehr.
Irgendwie konnte man sich nicht einigen, wer mich denn nun adoptieren soll. Heute weiß ich, daß meine Mutter sich dagegen gewehrt hat, daß ich adoptiert werde. Aber das hat mich nicht vor dem bewahrt, was dann kam. Ich kam in eine Pflegefamilie. Ich war damals 5 glaub ich. Oder kurz vor meinem 5. Geburtstag. Genau weiß ich das wirklich nicht mehr.
Ich war also bei dieser Pflegefamilie. Sie arbeitete glaub ich nicht, und er war Pastor. Sie hatten noch ein Pflegekind. Mit dem anderen Jungen verstand ich mich eigentlich ganz gut, aber es gab natürlich auch mal Streitigkeiten.
Die Pflegeeltern waren ganz merkwürdige Leute. So anders irgendwie. Hier ein Beispiel.
„Du bist sauer du? Komm mal mit in den Keller. Wir haben da ganz viele Flaschen. Geh einfach mal hin und schmeiß sie alle gegen die Wand. Du darfst das, weil du sauer bist und wir verstehen das. Du mußt dich einfach abreagieren.“ Und so weiter und so weiter. Natürlich fand ich Sachen kaputt machen als Kind echt cool, aber irgendwie war mir das auch unheimlich. Ich kann es selbst heute, wo ich anders daran denke, nicht verstehen.
Aber das war ja nicht das, was ich so schlimm fand. Die Familie hatte ein Reihenhaus mit 2 Stockwerken. Oben waren die Schlafzimmer und unten waren Wohnzimmer, Küche und Bad. Im Wohnzimmer war ein echter Kamin. Davor saß der Herr Pastor dann abends immer und hat gesoffen. Ein Bier nach dem anderen. Dann hat er ständig seine Wut an uns allen ausgelassen. Nein. Geschlagen hat er uns nie. Aber erniedrigt hat er uns. Mit Worten geht das auch ganz gut. Ich nahm mir ganz fest vor, da weg zu gehen. Wenn nötig, allein. Aber es sollte alles anders kommen.
Werbeanzeigen