Teil 3. Aufbruch ins Unbekannte


Das Internat nannte sich „Blindenjugendheim Hamburg“ und war für alle da, die blind oder sehbehindert waren, und deren Eltern sich nicht um das Kind kümmern konnten, oder zu weit weg wohnten, weil es nicht in jedem Ort eine Blindenschule gibt, und Integrationsklassen damals noch nicht so verbreitet waren. Ich kam auf die Gruppe 1. Ich war glaub ich 6 oder 7. Aber ich glaube eher 6. Jedenfalls waren da noch andere Kinder, die auch in meinem Alter waren. Mit zweien freundete ich mich gleich an. Peter und Bülent. Die beiden haben mir gleich gefallen. Bülent wohnte in Neumünster, was etwas weit von Hamburg weg war, und Peter in Heide Holstein. Ich wohnte hingegen nur 30 Minuten von dem Internet entfernt. Das hat mir schmerzhaft deutlich gemacht, daß ich aus irgend welchen Gründen zu Hause nicht erwünscht war. Warum auch immer. In meiner Klasse waren alle Kinder solche, die jeden Morgen mit dem Schulbus zur Schule gefahren wurden und viele von denen hatten auch allein erziehende Mütter. ich machte mir so meine Gedanken. Warum ging das bei mir nicht? Warum mußte ich im Internat wohnen, wo doch meine Mutter mit meiner Schwester in der Wohnung wohnte?
Zu dieser Zeit entwickelte sich meine Schwester zu einer sehr merkwürdigen Person. Sie hat damals schon, also mit 12 Jahren angefangen, hinter Mülltonnen zu rauchen. Ja, sie gehörte noch zu der Generation Jugendlicher, die sich versteckt haben. 🙂 Dann so 2 Jahre später fing sie dann mit den härteren Sachen an. Hash und Gras waren da eher harmlos. Irgendwann ging es dann auch mit Medikamenten los. Heute weiß ich, daß das Drogenproblem meiner Schwester wohl ein Grund dafür war, daß ich nicht zu Hause sein durfte. Allerdings hätte ich mir von meiner Mutter gewünscht, daß sie mich nicht ständig weg gegeben hätte. Aber man kann sich seine Situation gerade als Kind nicht, oder sehr selten aussuchen. Gut. Es war so, und ich fing an, mich damit abzufinden. Ich wollte nicht aufgeben. ich wollte den Kopf nicht in den Sand stecken. Also versuchte ich, das beste aus meiner Situation zu machen.
Ich hatte passender weise ein Dreibettzimmer mit Peter und Bülent in dem Internat. Nicht selten verbrachten wir ganze Nächte damit, Abhaupläne zu schmieden. Wir haben sie nie umgesetzt, aber es hat Spaß gemacht, sich die Situationen vorzustellen und diese auszuschmücken. So fing ich dann an, innerlich zum Rebell zu werden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich im linken Auge sehr oft Schmerzen. Und irgendwann ergab es sich, daß es mir entfernt werden mußte. Das rechte Auge wurde mir schon im Kleinkindalter entfernt. Aber daran kann ich mich nicht erinnern, weshalb ich dazu auch nicht viel schreiben kann. Als ich das letzte mal vor der OP am linken Auge sehr große Schmerzen hatte, glaubte man mir im Internat nicht. Ich lief also heimlich zu der Telefonzelle, die im Erdgeschoss des Treppenhauses in der Halle war, um meine Mutter anzurufen. Sie kam auch gleich vorbei, und hat tierischen Alarm gemacht. Da war sie dann wieder meine Heldin, die mich verteidigt hat. Wir fuhren ins Krankenhaus Eppendorf, und dort sagte man ihr, daß mein Auge demnächst entfernt werden müsste, und daß ich dann, genau wie auf der rechten Seite eine Prothese bekommen würde. Mich hat das nicht gestört, weil das rechte Auge ja nicht weh tat, also war das völlig ok für mich.
ich kam also ins Krankenhaus. Dort war auf der Kinderstation ein 8-Bett-Zimmer glaub ich. Das war ein echt großer Bahnhof. Jeden Morgen Schmierseife auf dem Boden verteilen und drauf rum rutschen und so weiter. 🙂 Die Schwestern fanden das nicht gerade gut, aber vielleicht fanden wir es gerade deshalb noch besser. 🙂 Die Zeit nach der OP war für mich sehr schmerzhaft. Aber es tat gut, die ganzen anderen Kinder um mich rum zu haben. So konnte ich mich etwas ablenken. Und meine Mutter kam auch jeden Tag vorbei. Da war noch die italienische Mutter eines der Kinder. Beide brachten immer eine große Pizza mit. Die war dann immer innerhalb von 3 Minuten alle. 😉 Das war ein Spaß. Aber der Ernst sollte schon bald wieder die Oberhand gewinnen. Mehr, als ich dachte.
Ich kam also irgendwann wieder aus dem Krankenhaus raus. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie hatte ich die Hoffnung, daß jetzt alles gut werden würde, und ich endlich nach Hause kann. Aber nichts da. Ich kam aus dem Krankenhaus, und durfte gleich wieder in das Internat gehen. Ich hätte mir wohl keine Hoffnungen machen sollen. Vielleicht wäre es dann weniger schmerzvoll für mich gewesen.
Das Leben im Internat war ganz anders als das Leben im Säuglingsheim. Es war viel rauer und härter. Ich mußte um jedes einzelne Recht kämpfen. Die Wochenendregel, daß ich dann nach Hause kann, ist geblieben. Aber auch dort hatte ich keine Ruhe, weil da ja meine Schwester war, die immer noch so gemein zu mir war. Ich bekam 2 Mark Taschengeld die Woche. Und immer wenn ich es nicht rechtzeitig ausgegeben habe, und etwas davon nach Hause mit brachte, wurde es mir abgenommen. Nicht selten mit der üblichen Prügel von meiner Schwester.
So liefen die Wochen und Monate weiter, und es änderte sich nichts für mich. Ich fing ganz langsam an, mir eine „Machtposition“ auf meiner Gruppe zu erarbeiten. Ein Großer Vorteil war, daß meine Mutter mehrmals die Woche vorbei kam, und ALLEN etwas mit brachte. So hatte ich immer Freunde und durfte diktieren. man mußte sich ja gutstellen mit mir. Und doch war da wieder diese Unzufriedenheit. Was war es diesmal? Ganz einfach. Es war die Tatsache, daß meine Mutter mich nicht zu Hause haben wollte, aber mehrmals in einer 5-Tage-Woche (Montags bis Freitags) für mehrere Stunden zu mir kommen konnte. Das ging. Aber mich bei sich haben, das ging nicht. Und dann noch, daß sie immer ALLEN etwas mitbrachte, aber nie oder ganz selten mir ganz allein. Und wenn ich etwas für mich allein hatte, wurde mir von den Erziehern ganz vorsichtig beigebracht, daß das nicht fair den anderen gegenüber sei, wenn ich demonstriere, daß die anderen „das“ nicht abhaben durften. Also verlor ich das auch sehr schnell.
Zur Erklärung: Meine Mutter ist ja Kroatin, was damals noch Jugoslawien war. Dort herrschten die Kommunisten, und das hat natürlich auch auf meine Mutter abgefärbt. Trotz der Tatsache, daß sie in Deutschland lebte, war das irgendwie tief in ihr drin. Trotzdem passte es nicht in mein Lebensbild. Ich brauchte das Gefühl, etwas für mich ganz ganz alleine haben zu können. Gerade weil ich ständig von Menschen umgeben war, die das auch für sich so halten konnten. Aber ich durfte nicht, ich konnte nicht. Alles was von meiner Mutter kam, war immer für alle da. Aber nie allein für mich. Vielleicht ganz selten. Aber das war eher schädlich für mich, weil ich wußte, daß das zu meiner Besänftigung diente.
Irgendwann nahm mich meiner Mutter zur Seite und eröffnete mir, daß wir nach Zagreb in Jugoslawien ziehen würden, und ich dort in eine neue Schule gehen sollte. ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, was das für mich bedeutete. Ein Totalzusammenbruch meiner bisherigen Welt. So schlimm sie auch bisher war, ich habe mich doch an sie gewöhnt. Und nun sollte das alles nicht mehr sein? „Nein. Das darf doch nicht wahr sein. Wofür kämpfe ich dann noch…“
Es war also beschlossene Sache, und ich hatte mich zu fügen. ich konnte die Sprache kaum sprechen, und nun sollte ich für immer dort hin? Oh mein Gott…
Irgendwann kam dann der große abschied. Fast die ganze Gruppe aus meinem Internat kam mit zum Flughafen. Immer wieder haben die Erzieher versucht, auf meine Mutter einzureden. Aber von meiner Mutter kam zusammengefasst nur „Scheiß Deutschland.“ Gut, dachte ich. Wenigstens hab ich dann ein zu hause mit meiner Mutter.
Wir landeten also in Zagreb, und dort war alles anders. Diese typische Südländermentalität, mit der ich gar nicht so richtig klar kam. ich bin immer hamburger gewesen, dort geboren, dort aufgewachsen. Diese Umstellung war mir einfach zuviel. Ich war 7 oder so. Ich habe das alles gar nicht richtig verstanden. Merkwürdig fand ich es nur, daß meine Schwester nicht dabei war. Aber ich habe auch nicht gefragt, weil ich keine schlafenden Hunde wecken wollte. Schließlich hatte ich ganze 10 Mark. Und ich hatte meine Mutter. 10 Mark waren damals richtig viel für mich. Die wollte ich nicht verlieren.
Wir wohnten bei einer Frau, die Zenita oder so hieß. Eines Tages nahm meine Mutter mich erneut zur Seite und sagte mir, daß wir jetzt in die neue Schule gehen würden. Dort wäre auch ein sehr schönes Internat und…. „Was? Ein Internat? Schon wieder?“ In mir brach erneut alles zusammen. Nicht zu Hause wohnen? Nicht mit meiner Mutter? „Gut, daß sie bei Zenita sein würde. So konnte ich damit rechnen, daß sie jede Woche…“ Hah. Weit gefehlt. Sie eröffnete mir, daß sie zurück nach Deutschland gehen würde, um dort den ganzen Umzug komplett zu machen und meine Schwester zu holen. Dann würden wir in eine Wohnung ziehen, und alles würde gut werden. Es würde auch nicht lange dauern. „Na mal sehen“ dachte ich.
Ich ging also in die neue Schule, mit meiner Mutter an meiner Seite. Dort war alles ganz anders, als in dem Internat in Hamburg. Ein 6-Bett-Zimmer mit Doppelstockbetten. Dort wollte man, daß die gesamte Schulklasse zusammen bleibt. Also praktisch den ganzen Tag über. Denn dort hört die Schule erst gegen frühen Abend auf. Also so gegen 5. Aber danach hatte man auch keinen Abstand, weil die Klasse, also der Jungenteil natürlich ewig zusammen gehalten wird. Bei den Mädchen sind die Schlafräume auch mit den Klassenzusammensetzungen bestückt gewesen.
Das erste, was mir dort abgenommen wurde, waren meine 10 Mark. Damit solle ich doch der gesamten Klasse etwas gutes tun. Man würde das Geld für mich tauschen und davon etwas schönes für die ganze Klasse kaufen. Und da ist wieder etwas in mir zusammengebrochen. Ich lernte ziemlich schnell, daß dort die Kommunisten noch stärker vertreten waren, als es in Hamburg der Fall war. Dort war es ja „nur“ meine Mutter. Aber dort waren alle kommunistisch. Leicht hatte ich es ohnehin nicht. Ich mußte die Sprache lernen, mit dem kommunistischen System klar kommen, immer dieses furchtbare Halstuch der Pioniere tragen, den Knoten richtig machen, und dann auch morgens immer diese Rituale. „Die Klasse soundso meldet sich vollständig zum Unterricht bereit“ und dergleichen mehr. Und auch das Essen dort war so gar nicht mein Ding. Ganz abgesehen davon, daß ich es albern fand, daß wir, genau wie morgens in der Klasse, immer bevor wir in den Speisesaal durften, ein Lied singen mußten. Und dann auch solche Dinge wie, daß wir das Papier doch bitte beidseitig bedrucken sollten, und nie den Schultisch mit zu viel leeren Blättern füllen durften und solcher Dinge mehr. Und auch das Notensystem. 1 war das schlechteste und 5 das beste. Jeder, der eine 1 in irgend etwas hatte, durfte ohne Abendbrot ins Bett. Und Verhalten oder Betragen wurde dort auch benotet. Man hatte also auch außerhalb des Unterrichtes nie wirklich Ruhe, weil man immer aufpassen mußte, daß man nicht angekackt wird.
Meine Mutter ist am selben Tag, an dem sie mich da hin gebracht hat, wieder nach Deutschland zurück gegangen. Glaubte ich am Anfang noch, daß ich wenigstens an den Wochenenden zu dieser Zenita durfte, wurde ich sehr sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geworfen. Auch an den Wochenenden mußte ich im Internat bleiben. Zwar gab es keinen Unterricht, aber trotzdem. es war alles nicht wirklich meine Welt. Meine Freunde waren weg, meine Mutter war weg, ich war in einer Gegend, die ich gar nicht mochte, und immer diese kommunistisch geprägte Gleichschaltung. Mein Gott. Ich habe dieses System richtig hassen gelernt.
Inzwischen sind so rund 3 Monate vergangen gewesen. Fast jede Woche kam ein großes Paket aus Deutschland von meiner Mutter mit vielen leckeren Sachen drin. Natürlich alles für alle. Wieder nichts für mich allein. Nicht ein mal ein Anruf von meiner Mutter war gekommen. Die ganze Zeit über nicht. Nicht mal ein Brief an mich, den man mir vorlesen könnte. Ich begann zu merken, wie es sich anfühlt, richtig richtig allein zu sein.
Dann irgendwann ergab es sich, daß Zenita in der Schule auftauchte, und mir eröffnete, daß ich mal zu ihr kommen könne. Schön, dachte ich. Aber nix da. Nächstenliebe war es nicht. Es waren Ferien, und die Schule macht da dicht. Also wohnte ich bei Zenita. Sie sagte mir eines Tages, daß ich mit ihr und noch einer anderen Xenia nach Deutschland fliegen kann und wir alle meine Mutter besuchen würden. Mein Gott war ich froh. Endlich wieder nach Deutschland. Endlich wieder mein geliebtes Hamburg.
Und dann waren wir da. Ich nahm mir ganz fest vor, mich nicht wieder weg schicken zu lassen. Aber auch hier zeigte sich wieder ganz schnell, daß ich mich verrechnet habe.
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3 Gedanken zu „Teil 3. Aufbruch ins Unbekannte

  1. Uta

    Hej Daniel,
    jetzt habe ich alle drei Teile deines Berichts in einem Stück gelesen. Unvorstellbar, was du in deiner Kindheit aushalten musstest 😦 Lächerlich, was ich in dem Alter für „Sorgen“ hatte. Oder anders: Ich bin dankbar, dass ich es damals so gut hatte. Schreibst du weiter? Hast einen spannenden Schreibstil 🙂
    Kærlig hilsen – Uta aka @handelundwandel

    Antwort
  2. Pingback: Ein deutsches Schicksal: Geboren und verloren – Teil 3 | Der Blogpusher

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