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10. Teil. Gezeichnet für immer


Es war ein Morgen wie jeder andere. Doch diesen Tag sollte ich nie mehr in meinem Leben vergessen. Nie mehr…

Wir standen auf wie immer, stressig wie immer, standen an vor dem Speisesahl wie immer. Inzwischen konnte ich das Pionierslied singen. Dafür haben etliche Abreibungen und Fünfernoten in Betragen gesorgt. Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer um 19:00 ins Bett zu gehen. Und so begann ich, diesen mir so verhassten Text zu lernen. Heute weiß ich den nicht mehr, wofür ich auch sehr dankbar bin.

Das frühstück war wie gesagt gar nicht mal so unlecker. Und an besagtem Tag war es etwas relaxter. Ich hatte also genügend Zeit, um über alles mögliche nachzudenken. Da war die Familie meines Vaters, die meine Mutter (wahrscheinlich mit Absicht) vor mir so schlecht geredet hat, wo sie nur konnte. Dann war da noch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja, die immer sehr nett zu mir war. Und dann war da noch Schwester Jasna, die sich sehr große Sorgen machte, weil ich nicht richtig essen wollte. Das lag aber auch an diesem furchtbaren Mittagessen und am Abend an der verhassten Sauermilch. ich weiß nicht, was das war, aber es schmeckte so wie der türkische Ayran. OK, türkisch ist Ayran nicht, aber ich glaube im Kaukasus und/oder in Anatolien wurde er erfunden. Keine Ahnung. Jedenfalls schmeckte das Zeug widerlich.

Jedenfalls machte sich Schwester Jasna Sorgen. Wer war sie überhaupt, wollt ihr wissen? Sie war die Schulschwester. Also von der medizinischen Station. Pflaster und so Mimimi-Sachen. Aber manchmal auch echte Fälle. Ansteckende Kinderkrankheiten und so. Sie machte sich immer sehr große Sorgen und beobachtete mich, wo sie konnte. Ich mochte sie auch sehr und zeigte ihr das auch.

Und dann war da auch meine Mutter. Ich vermisste sie sehr. Aber immer wenn ich an sie dachte, war das so ein dumpfes hoffnungsloses Gefühl. Ich würde sie nie wieder sehen. Das war mir irgendwie klar. Ich war ganz fest davon überzeugt. Hier, also aus Jugoslawien kam ich nie wieder raus. Ich dachte an Deutschland, meine Klassenkameraden und an mein geliebtes/verhasstes Internat in Hamburg. Wie gern wäre ich dort hin zurück gegangen…

Das Frühstück war um und wir rannten zu den Klassenräumen. Wir betraten die Klasse und bereiteten alles für die Lehrerin vor, die uns unterrichten würde. Sie kam und Vehid der Klassensprecher machte seinen Spruch. Klasse soundso meldet sich vollzählig zum Unterricht bereit oder so ähnlich. Wir durften uns setzen und der Unterricht begann.

Dann irgendwann, es war noch vor der großen Mittagspause, hatten wir Musik bei dem blinden Ismet. Das war in Deutschland immer ein Fach gewesen, daß ich sehr geliebt habe. Aber der Musikunterricht dort unterschied sich gewaltig von dem in Hamburg. Der Lehrer saß ständig vor seinem Klavier und wir mußten so Dinge tun wie Noten Singen. Do Re Mi Fa So La Si Do und rückwärts. Aber damit nicht genug. Anstatt richtige Lieder zu lernen, mußten wir ganze Melodien mit dem Do Re Mi Fa So La Si Do singen. Aber manchmal war er auch in Klopflaune. Dann sollten wir ein Gefühl für Rhythmen bekommen. Ismet klopfte den Takt und wir sollten ihn erst zusammen und dann einzeln nachklopfen.

Nedjad, Hussejn und ich waren die Klassenkasper. Und auch in dieser Musikstunde zeigten wir wieder, was wir an Späßen so drauf hatten. Das gefiel dem sehr strengen Ismet überhaupt nicht. Ich saß am dichtesten an ihm dran und er kam zu mir an den Platz. Er schrie mich an, daß ich gefälligst mitmachen sollte.

Die Tische in dem Musikraum waren alle mit einer Art Teppich überzogen. Er war mit großen Nägeln einfach auf den Tisch genagelt worden. Bei mir befand sich etwas links von der Mitte der Kante und ein Stück in Richtung Tischmitte ein Nagel, der schräg stand. Also die Kante des Nagel- oder Schraubenkopfes stand nach oben ab. Ismet suchte meine Hand, fand sie und schrie mir den Takt ins Ohr, während er meine Hand zur Faust ballte und im Takt dazu auf den Tisch donnerte. Wieder und wieder und wieder… Als er zufrieden war, ging er wieder an seinen Platz und ließ die anderen einzeln nachklopfen. Ich saß da und war aus einem Grund, den ich nicht verstand unter Schock oder etwas in der Art. Ich hab alles nur so halb mitbekommen. ich hörte Gordana und Sonja, (zwei Mädchen aus unserer Klasse) miteinander tuscheln. „Ich muß das melden. Überall Blut…“ „Halts Maul, sonst bist du auch dran.“ „Ja aber…“ Nach einer Weile, ich weiß nicht, wieviele Minuten verstrichen waren oder ob Sonja direkt nach dem Geflüster Meldung gemacht hat, stand sie auf und unterbrach Ismet mit einigen Entschuldigungen. Sie sagte, daß ich mich verletzt hätte und daß es nicht aufhörte zu bluten. Er sagte nur: „Sonja und er gehen zur Station. Der Rest macht weiter.“

Sonja tippte mich an und ich hob leicht den Kopf. Sie sagte: „Komm. Schnell…“ Und ich ging total benommen nach draußen in den Flur. Sie schleppte mich mehr, aber wir kamen voran. Sie fragte, ob es das war, was sie vermutet. ich sagte, daß ich nicht weiß was sie meint, aber daß da ein Nagel war und Ismet meine Faust immer wieder da drauf gedonnert hat. Dann endlich brach ich in Tränen aus. Sonja nahm mich glaub ich in den Arm, legte ihren Mund an mein Ohr und sagte sehr eindringlich: „Wenn dir deine Zukunft noch etwas wert ist, erzähle etwas von einem blöden Missgeschick. Sonst wirst du deines Lebens nie wieder froh. Glaub mir. Hör auf mich und halt die Fresse bei Jasna.“ Ich fragte sie, warum ich immer Pech mit allem habe und ausgerechnet an meinem Platz so ein… Sie unterbrach mich: „Oh, das wußtest du nicht? Jeder Platz hat so einen zufällig schräg stehenden Nagel… Oh mein armer. Komm jetzt mit sonst verblutest du.“

Ich lies mich weinend von ihr weiter bis zur Station schleppen. Sie lieferte mich bei Schwester Jasna ab, sagte ihr noch, wo wir lang gegangen sind und wo daher Blut weg gemacht werden sollte. Beim rausgehen sagte sie auch für Schwester Jasna gut hörbar: „Er hat AUSVERSEHEN Bekanntschaft mit dem Nagel gemacht.“ Schwester Jasna fragte nur: „Ismets Kabinett?“ Sonja muß wohl genickt haben, denn Schwester Jasna fing an zu schnauben und sagte dann gefährlich leise: „Es ist gut. Geh jetzt zurück zum Unterricht. ich kümmer mich um alles andere hier. Und melde ihn als nicht unterrichtsfähig für den Rest des Tages.“ „Ja“ hauchte Sonja, strich mir sanft über den Nacken und verschwand wieder.

Sobald Sonja die Tür geschlossen hatte und weg gerannt war, kam Leben in die Schulkrankenschwester. Sie nahm meine linke Hand und sog dann scharf die Luft ein. „Ich… Ich krieg das hin OK? OK? Wir schaffen das gemeinsam. Du beißt jetzt fest die Zähne zusammen und ich entferne den Rost…“ Rost? Oh Mann, was war denn da bloß passiert… Ich fragte sie, was sie mit Rost meinte. „Ruhig jetzt. wir reden gleich.“ Und sie begann mit kleinen Gerätschaften oder so meine Wunde zu reinigen. Es tat höllisch weh. Sie sagte, daß sie schnell arbeiten müsse wegen Blutvergiftung. Dann legte sie mir einen Verband an und setzte sich neben mich.

„So. Und jetzt sag mir, was los war.“ ich erzählte ihr irgendwas von einem Missgeschick und… „LÜG MICH NICHT AN! ER WAR DAS STIMMTS? ISMET WAR DAS! ODER??? ODER???“ Mir war alles egal. Also knickte ich ein und gestand es ihr. Ich fing noch stärker an zu weinen und erzählte ihr mein ganzes Leid in Kurzform. Ich hörte gar nicht mehr auf zu reden. ich begann irgendwo in Hamburg und endete dann dort. Und dann….. Dann weinten wir beide. Lange und stumm. Sie hielt mich im Arm. Ihre Tränen tränkten meine Kleidung und meine ihre…

Irgendwann sah sie auf und sagte, daß wir zum Arzt damit müssen. Sie ging mit mir zum Direktor und erzählte ihm die gleiche Geschichte, die mir Sonja schon empfohlen hatte. Er erlaubte ihr, mich in ihrem Privatauto zum Arzt zu fahren. Und das tat sie auch. Dort wurde der Finger noch mal begutachtet aber mehr als Schwester Jasna konnte der Arzt auch nicht tun. Der Arzt war sich nur nicht sicher, ob mit dem Fingernagel alles glatt gehen würde oder ob man ihn entfernen muß.

Wir fuhren also zurück und Jasna hatte vorher noch Instruktionen vom Arzt eingeholt, wie sie den Finger während der nächsten Tage zu behandeln und zu beobachten hatte. Während der Autofahrt griff Schwester Jasna immer wieder nach hinten und strich mir über die Wange oder dort über den Körper, wo sie mich gerade erreichte. Danach verprügelte sie immer wieder ihr Lenkrad und fluchte irgend etwas von einem geisteskranken, der wegen seiner Blindheit nicht abgewiesen wurde. „Mit anderen blinden kann er es ja machen. Und dann auch noch Kinder. KINDER!!“ So ging das, bis wir wieder in der Schule waren.

Essen wollte ich natürlich nichts. Aber Schwester Jasna bestand darauf, daß ich mich auf der Schulstation hinlegte, weil ich viel Blut verloren hätte. Dort angekommen legte ich mich auch sofort hin. Eine halbe Stunde später kam sie mit wundervoll duftendem Essen zurück. „Hier iss und sag niemandem was davon. Das hab ich in der Stadt gekauft.“ Das waren Cevapcici mit lecker Fladenbrot. Und oh Mann jaaa. Ich habe gefressen wie ein verhungerter. Und Schwester Jasna lächelte hörbar und strich mir über den Kopf. „Iss. Ich pass hier auf.“ Als ich nicht mehr konnte, aß sie den Rest. Sie sagte mir, daß ich jetzt schlafen soll. Und vorher sagte sie noch, daß es besser für uns alle wäre, wenn wir die Geschichte mit dem Unfall beibehalten. Sonja hätte schon dafür gesorgt, daß sich das genau so verbreitet. ich fragte Schwester Jasna, ob wirklich auf jedem Platz so ein Nagel schräg im Tisch stand. „Ja, das ist so“ sagte sie. Dann ging sie raus, schloss die Tür und fluchte, wie ein Pirat es nicht besser hätte tun können. Der Fluch schloss mit einem Geklirre ab. Dann schlief ich ein.

Ich wachte irgendwann in der Nacht erst wieder auf und fühlte mich müde. Im Nebenzimmer war jemand. Ich rief und sofort kam jemand rein. Es war eine andere Schwester die sagte, daß ich ruhig bis zum Morgen hier weiterschlafen könne.

Und so begann der Alltag wieder. Mein Finger wurde jeden Tag zwei mal neu verbunden und behandelt. Mit Cremes, Tropfen und was weiß ich nicht noch alles. Schwester Jasna sagte mit einem Ernst, der mir klar machte, daß sie das nicht zum Spaß sagte: „Die Fingerkuppe wird nicht absterben. Allerdings wirst du vielleicht Probleme mit dem Nagel kriegen. Er wird nie wieder so wachsen wie vorher. Wir müssen nur beobachten, ob er seitlich wachsen wird oder gerade wie bisher. Aber er wird wohl gespalten weiterwachsen. dein ganzes Leben lang.“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. mein Nagel? Mein Mittelfinger? Das konnte nicht sein. Aber ja. Er tat immer noch sehr weh und pochte wie verrückt. Aber der Schmerz machte mir klar, daß ich noch da war. Er zeigte mir, daß ich noch fühlen konnte.

Ismet hat das Thema übrigens nie wieder angesprochen. Nie wieder. Er hat das einfach so abgetan. ich begann ihn zu hassen wie die Pest. ich entwickelte einen echten Hass auf diesen Mann. Einen Hass, wie ihn ein Kind eigentlich nicht empfinden dürfte. Heute weiß ich, daß ich damals definitiv zu jung dafür war.

Eine Verschnaufpause gab es für mich nicht, denn einige Zeit später erreichte mich ein sehr verhängnisvoller Brief aus Deutschland. Er kam von meiner Mutter.

Doch davon im nächsten Teil.

8. Teil. Aufbruch zur Hölle


Wir saßen im Intercity nach München. Von dort sollte es weiter nach Jugoslawien gehen. Meiner ungewissen Zukunft entgegen. Mir war etwas unwohl, weil ich nicht wußte, was jetzt wie weitergehen würde. Aber das wurde in diesem Moment alles überdeckt durch die Freude, endlich wieder bei meiner Mama zu sein. Ich war besorgt aber gleichzeitig glücklich. Ich saß im Zugrestaurant und aß meine geliebten Spaghetti Bolognese und trank wunderbar süße Cola. Der Zug rollte und ich lachte über den bayerischen Dialekt einiger Fahrgäste. Meine Mutter erklärte mir ganz stolz, daß es in Jugoslawien alles viel besser für mich sein würde, weil die Menschen dort viel netter und freundlicher wären.

Und da bekam ich meinen ersten innerlichen Ausraster. Netter? Freundlicher? Dort? Und da wurde mir bewußt, was ich alles verloren habe. Auf ein mal begann ich, mein sonst so verfluchtes und innig gehasstes Internat zu vermissen. Es war schon etwas nach 20:00 Uhr und ich wollte eigentlich ins Bett. Aber ich war im Zug. Was passiert hier nur…

Meine Mutter war überglücklich und erzählte mir, daß ihr Knastfreund in Hamburg alles regeln würde, damit Mama bald nachkommen kann. Wir, also Mama, meine Schwester und ich würden sehr glücklich in Jugoslawien werden, wo man Familie so hoch hält. ich bekam fast das kotzen. „Warum um alles in der Welt habe ich mich nur darauf eingelassen,“ fragte ich mich. ich konnte es nicht mehr verstehen. Aber vielleicht würde dann wirklich alles gut werden, wenn Mama endlich für immer da wäre… Ich wußte es nicht. ich wußte nur, daß im Moment alles so gut war, wie lange nicht mehr. Mama war da, und weder meine Schwester noch meine Mutters Lover waren da. Ich hatte sie ganz für mich alleine und sie kümmerte sich rührend um mich. Ich war tatsächlich glücklich. Oder? War da nicht ein kleines fieses bohrendes Tierchen, daß an meinen Empfindungen nagte? So ein kleines mieses Tierchen, daß mich warnen wollte? Eines, daß immer wieder zwickte und bohrte? Hämmerte und klopfte? Mal stärker und mal sanfter aber immerzu? Ja. So ein Tierchen war tatsächlich da. Und wißt ihr was? Es tat immer mehr weh, weil es immer wieder an die gleiche Stelle schlug und biss. An den Teil in mir, der Angst hatte. An den Teil in mir, der genug davon hatte, ewig von Ort zu Ort geschleppt zu werden. An den Teil von mir, der Gewissheit haben wollte. Darüber, wo ich hin gehöre.

Und der Zug rollte und rollte. Auf ein mal war es gar nicht mehr so angenehm in diesem Zug. Und immer diese Kommentare meiner Mutter, daß wir bald aus dem verfluchten Deutschland raus wären. Und in dem Moment wußte ich, daß ich tief verletzt wurde. Deutschland hat mir von Anfang an viel mehr gegeben, als die ach so netten und freundlichen Menschen in Jugoslawien, von denen ich selten etwas gutes zu erwarten hatte. Und das sollte jetzt auf ein mal alles anders werden? Das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Aber jetzt war es zu spät. Wir waren unterwegs und mein Untergang war nicht mehr aufzuhalten. Ja. Es sollte ein Untergang werden, aus dessen Trümmern ein viel zu schnell erwachsen gewordener Junge entsteigen würde. Zum Glück konnte ich das nicht wissen. Sonst wäre ich durchgedreht.

Was sich liest wie ein Ausschnitt aus einem dramatischen Filmdrehbuch ist tatsächlich das, was ich erlebt habe und euch hier aufschreiben möchte.

München. Hauptstadt von Bayern und der letzte Bahnhof, in dem meine Füße deutschen Boden berühren sollten. Für viel zu lange Zeit.

Wir stiegen um. Ich sog die rauchige Luft ein. Sie war vermischt mit Essensgerüchen aber auch mit frischer Luft. Ich wußte irgendwie, daß ich so etwas nie wieder riechen würde. Für mich war klar, daß es für mich diesmal keine Rückkehr geben würde. Die Polizei würde sicher schon nach mir suchen und wenn meine Mutter jetzt mit mir umkehren würde, dann würde ich sie nie wiedersehen. Und so hatte ich wenigstens die Chance, daß alles noch irgendwie gut wird. Also fügte ich mich und ging neben meiner Mutter her zu dem Zug, der uns nach Jugoslawien bringen würde.

Im Zug sprach kaum noch einer deutsch. ich war eigentlich schon in Jugoslawien angekommen. ich wollte raus. Raus raus raus… Aber ein Ruck und….. Die Reise begann erneut. Weg von allem, was ich so gehasst…..so geliebt habe…

Ich schlief, wachte auf, schlief, wachte auf… Immer hin und her. Am Morgen waren wir dann in Zagreb angekommen und ich dachte an meine erste Verschleppung nach Jugoslawien. Dort war ich ja auch schon in eine Schule gegangen. So schlecht war es da ja eigentlich nicht. Oder? Ich glaube, ich habe es verdrängt. Egal. Nicht denken. Einfach mitmachen. Und der Zug fuhr weiter.

Am Abend kamen wir dann dort an, wo ich diesmal zur Schule gehen sollte. In Sarajevo. Olympiastadt Sarajevo mit dem Wolf. Mein Gott was für Menschen waren da… Bosnier. Plumpe Menschen mit einer noch plumperen Sprache. Oh ja. Bosnier haben eine verdammt plumpe Art, miteinander und mit anderen umzugehen. Und die Sprache ist eine Beleidigung für all diejenigen, die auch nur etwas Bildung im Leben genossen haben. Ich begann, diese Sprache zu verabscheuen.

Ein „Ey alter“ in Deutschland ist ein „Ey du alter Hurensohn“ (übersetzt) in Bosnien. An Stelle von „Du Teufelskerl“ benutzen sie Sätze wie: „Ich fick dir Gott. Das hast du wirklich gemacht? Der Teufel hat dich gefickt.“ Rauhes lachen rundete alles ab. Ja, das waren Bosnier. Und da war auch ich jetzt. Mein Gott…

Wir waren bei einer Familie zu Gast, die meine Mutter von irgendwo her kannte. Der Hausherr hieß Sudo, die Hausherrin hieß Suncica und die Tochter, die etwa in meinem Alter war hieß Sanja. Sie waren sehr nett und dann wurde mir auch klar, wieso. Sie waren keine Bosnier sondern Serben. Die mochte ich zwar auch nicht, aber sie zählten zu der etwas gehobeneren Klasse und benutzten keine Kraftausdrücke. Das tat mir sehr gut.

Die erste Nacht dort habe ich tief und traumlos geschlafen. Ich wünschte mir im Nachhinein, nicht aufgewacht zu sein, denn was ich dann mitbekam, war der Beginn der Hölle.

Wir frühstückten. Das Frühstück dort war eigentlich bloß Brot mit Jagdwurst. Gewöhnungsbedürftig aber es war essbar und das war schon was. 🙂 Und dann begann es. Meine Mutter rief in Deutschland an. Sie hatte das Internat angerufen und verkündete lautstark, daß ich nie wieder zurückkehren würde. Nie wieder, und ob sie das verstanden hätten. Ich wollte schreien. ich wollte sagen „Nein, nicht so vorschnell. Warte doch erst mal ab. Bitte tu das nicht. Bitte…“ Aber ich war nicht in der Lage dazu. Es war einfach alles zuviel für mich. Ich war erst 10 und all die Ereignisse waren einfach zuviel. Und so hörte ich mit an, wie meine Mutter eine meiner Brücken nach der anderen einzureißen begann. Irgendwann war es vorbei und im Raum war es totenstill. Ich weinte leise. Ganz leise…

Meine Mutter verstand das völlig falsch und sagte mir, daß die bösen deutschen mir nichts mehr tun könnten. ich wäre jetzt in Sicherheit und alles würde gut werden. Mein Gott… Hatte sie denn überhaupt keine Ahnung, was in mir vorging?

Die hatte sie wohl nicht. Die Tage verstrichen und ich freundete mich mit Sanja sehr gut an. Es war alles etwas zur Ruhe gekommen.

Und dann kam der Tag, an dem ich das erste mal die Schule dort besuchte. Das war sie also. Die Blindenschule in Sarajevo. Ein Gelände mit mehreren Häusern. Die Kinder dort waren wirklich nett, aber ich konnte mich einfach nicht mit der bosnischen Dialektik und Redensart anfreunden. Es ging einfach nicht. Es war mir zu fremd. Nun, wir, also die Kinder und ich unterhielten uns im Hof, während meine Mutter die Formalitäten regelte. Und mir wurde endgültig klar, daß ich in dieser Schule nicht bleiben wollte. Die Kinder erzählten mir, daß sie sogar deutsch lernen würden. Ich sagte ihnen, wo ich her kam und daß ich natürlich sehr gut deutsch sprach. So gut, daß mein Jugoslawisch nicht ganz so gut war wie deren. Ich habe deutsch immer fließend und Akzentfrei gesprochen. Das wollte ich mir bewahren. Es war das einzige, was ich noch hatte.

Als meine Mutter mich dann dem Direktor vorstellte sagte ich ihr, daß ich nicht bleiben will und wieder zurück wollte. Ja ich weiß, daß es schon längst zu spät war, aber erst da hatte ich den Mut gefunden. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, daß ich selber versuchen muß, etwas zu unternehmen. Es half nichts. Alles bitten und flehen half nichts.

Aber das „beste“ war, daß Mama sagte, daß sie gleich von einem Auto abgeholt werden würde, und sie nach Deutschland fahren würde. Oh mein Gott warum lässt mich jeder irgendwie allein… Und sie darf da hin, wo ich hin wollte. Der Musiklehrer war auch anwesend. Ein blinder Lehrer namens Ismet, von dem ich heute noch ein immer sichtbares Andenken habe. Aber davon später. Er spielte Akkordeon und meinte wohl, daß er mich aufmuntern könnte. Er spielte ein Kolo. Das sind bosnische Volkstänze, bei denen man immer im Kreis herum hüpft. Ich wollte das alles nicht. Mir war übel. Ich vermisste Milly Vanilly, Samanta Fox, Kim Wilde und all die anderen. Wo bin ich da nur hin geraten… Was ist passiert… Ich schrie innerlich. Ich schrie stumme Schreie. Aber wer sollte sie hören…

Das Auto kam, meine Mutter stieg mit dem Versprechen ein, bald wieder da zu sein und fuhr weg. Für sehr sehr lange Zeit. Was geblieben war? Eine goldene Halskette, die ich trug. Ich war allein. Allein in Jugoslawien. Meine Mutter auf dem Weg in das Land, aus dem ich raus gerissen wurde und in das ich so gerne wieder wollte. Ich wurde da geboren, bin da aufgewachsen. Ich wußte, ich würde nie ein Kommunist werden. Nie. Das haben die in Zagreb schon nicht geschafft und sie würden es auch hier nicht schaffen. Das nahm ich mir fest vor.

Abendessen. Das erste Abendessen in der Schule. Wir mußten uns vor dem Speisesahl aufstellen und ein Pionierslied singen. Man sah mir nach, daß ich keines kannte und so war man nicht böse, daß ich nicht mit sang. Ich war schon einer Schulklasse zugeordnet und die Klassen standen immer zusammen. Nach dem Singen durften wir eintreten. Wir setzten uns an die Tische und bekamen das übliche Abendessen in kommunistischen Ländern. Jagdwurst und Brot. Butter war auch dabei und dann diese ekelhafte Sauermilch. Die gab es in Aluminiumbechern und sie schmeckte furchtbar. Und dann bekam ich mit, was da für eine Musik spielte. Wenn jemand sie nicht trank, dann wurde er sehr stark beschimpft. Mir ging es auch so. Ich mochte das Zeug nicht und kassierte nen Anschiss, der sich gewaschen hat. Ob ich Schwabo (so nannten sie die deutschen abwertend) was besseres gewohnt sei? Ja? Das könnte ich mir abschminken. Das ist Jugoslawien und kein Kinderspielplatz für verwöhnte Goldärsche. Und dann kamen die Auszüge aus diversen Kommunistenzitaten und was Tito nicht alles getan hätte, um Jugoslawien zu vereinigen und daß niemand die Frechheit haben darf, dagegen zu arbeiten. Egal ob Kind oder erwachsener. Ich knickte ein. ich trank meine Milch.

Und da wußte ich es. Ich war endgültig in der Hölle angekommen.

4. Teil. Wie etwas in mir zerbrach und eine Erkenntnis reifte


Wir kamen in Hamburg am Flughafen an, und meine Mama wartete auf uns. Habe ich mich gefreut, sie wieder zu sehen. Wir fuhren auch gleich in die Wohnung, in der sie noch wohnte. Das erste, was mir entgegen sprang, war ein widerliches Hundeteil. Entschuldigung an alle Hundefreunde, aber ich mag keine kleffenden Zwergpudel. Und genau das war dieser Hund. Ein ewig laut und in hohen Tönen kleffender Zwergpudel, der auch noch Pascha hieß. „Oh mein Gott“, dachte ich. Das zweite, was ich festgestellt habe war, daß es in der Wohnung gar nicht nach Umzug aussah. „Merkwürdig. Sehr sehr merkwürdig“ dachte ich und hab es erst mal so hingenommen. Ich wollte ja eh in Hamburg bleiben, also habe ich es für gut befunden. Das würde mir die Pläne unheimlich erleichtern.

In die Schule zu meinen Freunden konnte ich nicht, weil da auch Ferien waren. Macht nichts. So konnte ich mich erst mal ausruhen. Endlich wieder die deutsche Sprache hören und sprechen, deutsches Fernsehen und deutsches Radio. Deutsches Essen und deutsche Nachbarn. Mein Gott war ich glücklich. Mein Hamburg hatte mich wieder, und ich würde mich nicht wieder weg schicken lassen. Nie wieder.

ich weiß nicht, wie lange wir da waren. Ich weiß nur, daß es sehr sehr schön war. Ich habe gar nicht mehr an Zagreb gedacht. Wie furchtbar war dann die Eröffnung meiner Mutter, daß Zenita, Xenia und ich wieder zurück fliegen sollten. „Was? Wieder zurück nach Zagreb“? „Nein. Das mach ich nicht.“ Das hat meine Mutter überhaupt nicht verstanden. Sie würde ja bald nachkommen mit meiner Schwester. Auf meine Frage, warum sie das vor 3oder mehr Monaten gesagt, und bis jetzt nichts unternommen hat sagte sie, daß ich das doch verstehen müsse. Meine Schwester mit ihren Drogen. Da gäbe es Probleme, und es wäre etwas da zwischen gekommen. Und das war auch wieder so etwas. „Das mußt du verstehen.“ Immer dieser Satz. Den sollte ich in meinem Leben noch ganz ganz oft zu hören bekommen.

Ich überlegte, was ich denn tun könnte, um nicht mitfliegen zu müssen, aber mir ist nichts eingefallen. So schwer wog, daß ich blind war. ich glaube, da habe ich es zum ersten mal gehasst, blind zu sein, weil ich nicht einfach abhauen konnte. Ich erinnerte mich an meine Abhaupläne, die ich mit Peter und Bülent im Internat geschmiedet habe. Aber die zielten ja immer darauf ab, daß wir versuchen würden, nach Hause zu kommen. Aber von genau da wollte ich ja weg, um nicht von da weg zu müssen. Mein Gott, wie paradox… jedenfalls waren sie deshalb auch nicht umzusetzen. Ich mußte mich also in mein Schicksal fügen. Wieder ein mal.

Dies mal war der Abschied kurz und knapp, weil meine Mutter ja bald nachkommen würde, wie sie sagte. Ich war der einzige von uns dreien, der Deutsch konnte. Ich habe es ein letztes mal versucht. Ich habe sie zu einem falschen Gate geschickt. Irgend wo hin nach Griechenland. Die Stewardessen haben das aber gemerkt, und uns zum richtigen Gate geleitet. Verdammt. Es hat nicht funktioniert. Ich habe gehofft, daß wir einfach nur dieses doofe Flugzeug in die Hölle verpassen würden. Dann müsste man neu buchen, und ich hätte wieder ein par Tage mehr gewonnen. Aber es sollte nicht sein.

Wir waren also wieder in Zagreb. Von dort sollte ich mit Xenia auf eine Insel fahren, weil noch Ferien waren. Die Insel hieß Hvar. Dort war es sehr schön. Ich habe die Zeit dort genossen. Nur von meiner Mutter kam nichts. ich muß zugeben, daß ich auch ganz selten an sie gedacht habe. Es hat mich nicht gestört, daß sie sich nicht gemeldet hat, weil ich mich ablenken konnte. ich hatte mit den einheimischen Kindern sehr viel Spaß. ich begann zu hoffen, daß ich es vielleicht doch ertragen würde, für immer dort zu leben.

Und dann kam der Tag, an dem ich wieder nach Zagreb mußte. Ich habe einige Nächte bei Zenita geschlafen, und wurde dann wieder in das Internat gebracht. Und dann kam alles wieder. Dieses Kommunistentum, das furchtbare Halstuch und die Noten, die Angst, sich falsch zu verhalten, nichts für mich allein haben dürfen, trotz wöchentlicher Pakete von MEINER Mutter…

Und so begann ich, abzustumpfen. Ja. Etwas zerbrach in mir. Ich lebte einfach so vor mich hin, tat, was mir gesagt wurde. Ich wurde ein richtig braver Kommunist. Ja. Ich muß es zu meiner Schande gestehen. ich begann, mich anzupassen. Ich wurde gleichgeschaltet. Das System begann, mich zu durchsetzen, mich in sich aufzusaugen. ich spürte es, aber ich machte mir klar, daß ich, wenn ich überleben wollte, so sein mußte, wie die anderen dort. Dann würde alles gut werden. Hoffentlich…

Ich weiß nicht, wieviel Zeit seit dem vergangen ist. Irgendwann stand meine Mutter in der Schule und sagte, daß wir nach Hamburg zurück fahren. ich fragte sie, noch nicht wirklich realisierend, was sie gerade gesagt hat, warum sie nicht in Zagreb wohnen will mit meiner Schwester. Sie sagte, daß es sehr große Probleme gab, und das Geld, was für den großen Umzug vorgesehen war, weg sei. Von meiner Schwester geklaut.

Und dann endlich machte es klick. ich weiß nur noch, daß ich richtig gejubelt habe, mich gefreut habe, wie ein Schneekönig. Ich war so glücklich. Endlich konnte ich dieser Hölle entkommen. Endlich durfte ich wieder nach Hause. Durfte wieder in meine Schule. Ich konnte es kaum erwarten.

Wir fuhren zu Zenita, von wo wir einige Tage später aufbrechen wollten. Aus irgend einem Grund, den ich damals nicht verstanden habe wollte meine Mutter nicht, daß die in der Schule erfahren, daß ich nicht wiederkomme. Heute weiß ich, daß es deshalb war, weil meine Mutter die Schulgebühren nicht bezahlen konnte. Deshalb ließ sie die Schulleitung in dem Glauben, daß ich wiederkomme, wenn die Ferien, die da gerade anfingen (merkwürdiger Zufall) vorbei sind.

Ich saß also bei Zenita in der Wohnung und ließ alles noch mal an mir vorüber ziehen.

Es war einige Wochen zuvor. Da kam die Armee in die Schule, um den Kindern Maschinengewehre und andere Waffen zu zeigen. Sie sagten, daß es wohl bald Krieg geben würde. ich hab es nicht richtig verstanden. Sie sagten irgend etwas von Serben und Kroaten, die sich aber nicht bekriegen durften, weil die Serben es doch nur gut meinten, wenn sie die Leitung von ganz Jugoslawien in Belgrad hätten. „Ja. Ihr seid Kroaten, aber die Serben dürft ihr nicht bekämpfen. Sie meinen es nur gut mit euch. Seid gute Kommunisten und lasst es.“ Solche Worte und anderes Gerede, daß ich nicht richtig begriffen habe. Das war alles nichts für mich.Ich war Hamburger. nein… Ich war Kroate. oder Jugoslawe? Kommunist? Serbe? Verdammt. Ich wußte es nicht. Mir war das alles zuviel. „Ruhig bleiben. Ganz ruhig. Du weißt. Mach einfach mit und fall nicht auf. Du bist doch ein guter Kommunist.“

Dann kam endlich der Abflug zurück nach Hause. Nur meine Mutter und ich. Wir kamen in Hamburg an, schlossen die Tür auf, und kein kleffender Pascha war da. Er wäre tot, sagte sie. Es war mir egal. Endlich ohne dieses Mistvieh. Nur die Wohnung war so merkwürdig leer. Ich fragte meine Mutter, wo denn die ganzen Sachen wären. Die Möbel, die Schränke, der Teppich… Es war nur noch die Couch da, und ein Wohnzimmertisch. Und im Schlafzimmer ein Bett, in dem meine Mutter und ich schlafen sollten, bis ich wieder ins Internat kann.

Waaaas? Schon wieder ins Internat? Ich war so froh, daß ich wieder zu hause in meinem Hamburg war, daß ich gar nicht mehr an irgend welche Internate gedacht habe. „Ja“, sagte sie. „Da hast du doch deine Freunde. Dir wird es da gut gehen.“ Oh Gott. Jetzt darf ich mir wieder alles von vorne aufbauen. Meine Machtposition, und wieder nur alles für alle von meiner Mutter, wieder Streit mit meiner Schwester an den Wochenenden, bloß schnell genug das Taschengeld ausgeben… In mir überschlug sich alles. Es zerbrach wieder etwas in mir. Es war zwar der gewohnte Zustand, aber ich fühlte mich irgendwie nirgends gewollt und aufgehoben. Ich wollte doch nur etwas Geborgenheit…

Und dann erfuhr ich von meiner Mutter den Grund, weshalb das Geld für den Umzug weg, und die Wohnung so leer war.

Meine Mutter hat manchmal schwarz in einer Kneipe Nachtschicht gehabt. Von dort ging sie morgens nach Hause. Es war da noch dunkel. Unter dem Teppich im Schlafzimmer hatte sie 20000 Mark versteckt, die sie für den Umzug brauchte. Das wußte meine Schwester wohl. Vielleicht nicht, wo das Geld lag, aber, daß es im haus war. Meine Mutter lief also eines Morgens nach hause, und dort lauerten ihr irgend welche Zigeuner auf, überfielen sie, schlugen sie nieder und nahmen ihr den Schlüssel ab. meine Mutter kam mit einer schweren Kopfverletzung ins Krankenhaus. Inzwischen räumte meine Schwester mit ihren neuen Zigeunerfreunden die Wohnung aus. Alles nahm sie mit. Sie hatten irgendwie ein großes Auto dabei. irgendwann haben sie auch das Geld gefunden. Meine Mutter erzählte mir, daß sie nicht wußte, was sie tun sollte. Sie hat meine Schwester überall gesucht. Sogar die Kriminalpolizei wurde eingeschaltet. Es half alles nichts. Meine Schwester blieb verschwunden.

Irgendwann rief meine Schwester, das Telefon hat sie meiner Mutter gelassen, ganz reumütig bei meiner Mutter an und erzählte ihr, daß ihre neuen Zigeunerfreunde sie in der Nähe von Osnabrück aus dem Auto geschmissen hätten. Sie wollten eigentlich alles gerecht teilen. Meine Schwester zog wohl den kürzeren. Jedenfalls war Mama dann wieder gut genug. Und was macht diese Supermama? Zieht ganz ganz schnell die Anzeige bei der Polizei zurück, und rafft ihr letztes Geld zusammen, um meiner Schwester eine Fahrkarte zu kaufen, damit sie auch sicher nach Hause kommen kann. Meine Mutter hat ihr einfach so vergeben. Meine Schwester hat natürlich geschworen, ganz ehrlich sogar, daß sie so etwas nie wieder tun würde. Meine Mutter hat nicht mal mit ihr geschimpft. Morgen käme sie. Deshalb müsste ich auch morgen gleich ins Internat zurück, weil meine Schwester Ruhe bräuchte. „Das mußt du verstehen.“ Da war er wieder, dieser Satz, den ich immer mehr hasste.

Und ich wußte, es war noch lange nicht vorbei. Noch lange nicht.

Teil 2. Die Heldin


Die Wochen und Monate zogen sich also hin. Ich weiß nicht, wie lange es genau war. Dafür war es einfach zu lange her. Aber die Abende, in denen er sich betrank und uns demütigte waren wohl so schlimm, daß sie mir sehr intensiv im Gedächtnis geblieben sind. Aber er hat nicht seine Frau gedemütigt und beschimpft. Ich glaube, sie betrank sich selber, aber genau weiß ich das nicht mehr.
Es war eine Familie, die nicht gerade wenig Geld hatte. Sie hatten außerhalb sogar irgendwie eine Stallung mit 2 Schafen und einem Esel. Das war irgendwo im Moor. Da sind wir oft hin gefahren. Das waren dann die Momente, in denen ich mich innerlich etwas entspannen konnte. Aber das wurde wieder „ausgeglichen durch die Strafen, die wir manchmal bekommen haben.
Ich kann mich ganz gut daran erinnern, daß ich nicht selten einfach in dem haus gelassen wurde, während alle raus fuhren. dann lag ich immer in der Küche und hörte dem Geschirrspüler zu. Ich stellte mir die schönsten Dinge vor, verkroch mich in meiner eigenen kleinen Welt, in der ich teilweise heute noch stecke. Ich finde es nicht schlimm, wenn ich in meiner eigenen kleinen Welt bin, aber ich glaube, daß ich dort anfing zu lernen, daß so etwas überhaupt möglich ist. Also sich in seine eigene kleine Welt zurückziehen und sie aufbauen.
Irgendwann, es war an einem Nachmittag, klingelte es an der Tür. Und dann stand sie da. Wer? Meine Mutter. Und da schoss es mir wieder in den Sinn. Ich hab ja noch eine Mutter. Ich fühlte mich so allein, keiner war wirklich bei mir, obwohl ich bei dieser Familie wohnen mußte. Es waren viele Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Ich habe mich natürlich gefreut, war sogar richtig überrascht, daß meine Mutter auf ein mal in der Tür stand. Ich fiel ihr auch gleich um den hals, aber irgend etwas war anders. Da waren erst mal die Erwachsenen der Pflegefamilie, die irgendwie gar nicht wirklich einverstanden mit dem Besuch waren, weil er unangemeldet kam. Und dann war da auch noch, daß ich spürte, daß etwas mit meiner Mutter nicht in Ordnung war. oder mit mir? Ich war mir nicht sicher. Irgendwie fühlte ich mich so fremd bei ihr. Oder sie fühlte sich fremd für mich an. Sie redete mit ihnen irgendwas von „Ich nehm mein Kind jetzt mit. Ob es euch passt oder nicht.“ Warum wollte nicht so rechte Freude in mir aufkommen? Ich weiß es bis heute nicht so recht. Vielleicht lag es daran, daß ich ja schon quasi von Anfang an im Säuglingsheim war. Das wird es wohl gewesen sein. Mir fehlte einfach irgendwie der Bezug zu ihr.
Irgendwann haben sie sich dann alle so verkracht, daß wir, also die beiden Kinder nach oben geschickt wurden. Und da fing ich dann glaub ich an zu weinen. Da kam mir alles wieder hoch. Diese ganze Belastung, daß ich mich im Säuglingsheim zurecht finden mußte, mich an den Wochenenden von meiner Schwester verprügeln lassen mußte und so überhaupt nicht wirklich zur Ruhe kam. Und Ruhe hatte ich bei der Pflegefamilie auch nicht wirklich, weil ich mit dem anderen Kind zwar zusammen gehalten habe, aber mehr aus Notwendigkeit. Wie es für ihn war, weiß ich nicht, aber für mich war es so. Das weiß ich ganz sicher. Und doch waren da diese Worte. „Ich nehme mein Kind jetzt mit. Ob es euch passt oder nicht.“ Und solche Worte machen wohl auf einen kleinen Jungen richtig viel Eindruck. Ich war jedenfalls beeindruckt und stolz, so eine Mutter zu haben.
Wie sehr wünschte ich mir doch, bei der mich verprügelnden Schwester zu sein. Heute sag ich mir: „Junge, das ist doch krank.“ Aber damals war alles anders. Wie erschreckend war es für mich, als meine Mutter ohne eine Verabschiedung das Haus verlassen hat. Ich war wieder allein. Oder war ich es vorher schon die ganze Zeit???
Der einzige Besitz den ich hatte war eine Kuckucksuhr, die ich nur hören, aber nie alleine anfassen durfte. ich bin ja zu doof dazu. Ich könnte ja das Pendel kaputt machen. Und eine Schubkarre, die ich dort in dem haus zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Die durfte ich dann immer benutzen, wenn wir raus ins Moor gefahren sind. Aber sehr oft habe ich die „Du bleibst zu hause“-Strafe gekriegt. Warum, weiß ich heute nicht mehr. Also hatte ich dann immer eine Uhr, die ich nicht anfassen durfte, und eine Schubkarre, mit der ich nichts anfangen konnte.
Irgendwann kam dann der große Tag, und ich durfte für ein Wochenende zu meiner Mutter nach Hamburg fahren. Mann war ich aufgeregt. Und sie versicherte mir, daß meine Schwester nicht da sei. Ich würde meine Mutter ganz für mich allein haben. Das war ein Tag. Ich hab mich so gefreut.
Ich wurde also von irgend jemandem da hin gefahren, und war dann dort in der Wohnung. Gut. Ich hatte zwar meine Mutter, aber irgend etwas hat gefehlt. Ich weiß nicht, was es war, aber irgend etwas war nicht da. Vielleicht lag es daran, daß ich mich wirklich von ihr entfremdet habe, oder es lag daran, daß ich nicht verprügelt wurde von meiner eifersüchtigen Schwester. Ich weiß es wirklich nicht mehr.
Irgendwann am frühen Abend des selben Tages bekam meine Mutter dann einen Anfall von Gesichtslähmung. Sie konnte kaum noch sprechen. Was mach ich jetzt mit meinen 5 Jahren. Damals wußte ich ja noch nicht, was eine Gesichtslähmung überhaupt ist. Die 112 fiel mir ein. Dort wird mir bestimmt geholfen. Schließlich hab ich das im Kindergarten gelernt. Ich rief also da an, und man sagte mir, daß sie vorbei kommen. Und dann kamen sie. Sie haben meine Mutter in ein Krankenhaus gefahren, und ich mußte ganz stark sein. Ich mußte mir selber ein Taxi rufen, und mich zu dieser furchtbaren Familie zurück fahren lassen.
Das war dann der Startversuch eines Wochenendes ohne meine Schwester und mit meiner Mutter ganz allein. Wieder dort bei der Pflegefamilie angekommen verkündete ich ganz stolz, daß ich bald für immer zu meiner Mutter zurück kann, und dann auch nie wieder in ein Heim muß. „Du bleibst hier, und zwar für immer“ war die Antwort, die mir entgegen gebrüllt kam,aber von ihr. Nicht von ihm. Er war wohl irgendwie nicht da.
Und wieder merkte ich, daß die Welt, wie sie wirklich ist, wohl nicht das richtige für mich war.
Ich erfuhr, daß die Familie gerne nach Aachen ziehen würde. Ich sollte mit. Ich wußte nicht, wer oder Was Aachen war, aber ich wollte nicht mit. Ich wollte nur weg. Egal wie, aber Hauptsache weg. Und dann kam der große Tag. Ich durfte zu meiner Mutter. Und zwar für immer. Das war ein schönes Gefühl. Ganz am Rande habe ich mit bekommen, daß ich zu alt für das Säuglingsheim war, und weil meine Mutter mich nicht zur Adoption frei gegeben hat, und ich offensichtlich nicht mit der Pflegefamilie klar kam, durfte ich nach hause. War mir alles egal. Ich durfte nach Hause. Das war das einzige, was zählte. Ich war stolz auf meine Mutter. Sie hat mich da raus geholt. Ich war ihr stolzer Sohn, der von ihr, seiner Mutter in Sicherheit gebracht wurde. Ich kam in die Vorschule. Jeden Tag fuhr ich mit dem Bus dort hin. Ich durfte mir immer aussuchen, was ich in der Pause essen durfte. Die Wahl fiel fast immer auf Zuckerbrot. 🙂
Und dann kam der große Schlag. Meine Mutter eröffnete mir, daß ich in ein Internat solle, weil sie ja den ganzen Tag arbeiten muß, und meine Schwester andere Interessen hat, und nicht auf mich aufpassen kann. „Das mußt du verstehen.“ Das sollte ich übrigens noch viel öfter zu hören bekommen.
Du da kam es mir wieder ganz deutlich in den Sinn. „….ist zu alt für das Säuglingsheim……wollen ihn nicht zur Adoption freigeben….kommt mit der Pflegefamilie nicht klar…..Sollten Sie ihn doch zu sich nehmen, bis eine andere Lösung……“ Und da war sie dann, die Lösung.
Voller Schmerz dachte ich… „Meine Mutter. Die Heldin…“