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11. Teil. Ein trauriger Brief und ein Zaubertag


Der Schulalltag ging also weiter. Mein Finger pochte, ich gewöhnte mich daran, das Essen war furchtbar und ich aß fast nichts, Nachts um 02:00 mußten wir alle aufstehen zum Pipi machen und so weiter. Ich entwickelte eine Verhaltensweise, die mir half, so gut wie möglich mit all dem klar zu kommen. Ich schrieb sogar bessere Noten als vorher. Sehr zur Freude meiner kommunistischen Lehrer, die wohl dachten, daß ich mich endlich dort eingelebt hätte.
Schwester Jasna war weiterhin für mich da so oft sie für mich da sein konnte. Sie kümmerte sich um mich wie um ihren kleinen Sohn, den sie manchmal auch zur Schule brachte. Er war fünf glaube ich. Wir freundeten uns sofort an. Das lag glaub ich daran, daß Schwester Jasna ihm vermittelte, daß ich doch ein ganz netter wäre. Und es lag von meiner Seite daran, daß es ein sehr aufgeweckter kleiner Racker war, mit dem man richtig gut rumalbern konnte. er hatte dieses unbeschwerte, daß nur Kinder haben können, die nicht im Internat leben. Jedenfalls gefiel es mir sehr, in seiner Nähe zu sein.
Aber auch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja war mir sehr sympathisch. ich begann wirklich, so etwas wie Freunde zu bekommen. Es ist mir früher nicht bewußt gewesen, aber ich weiß heute, daß sich selbst diese erwachsenen gerne mit dem Jungen umgeben haben, der ich damals war. So rebellisch und widerspenstig. Ich glaube, ich war eine Art Symbol für diese Menschen. Ich werde später darauf zurück kommen, wieso ich das heute so sehe.
Irgendwann begann Schwester Jasna, mich zu sich einzuladen. Ich lernte ihre Mutter und ihren Vater kennen. Der alte war auch blind. Wir verstanden uns auf Anhieb und hatten auch sofort ein gemeinsames Gesprächsthema. nein nein. Nicht die Blindheit. Das ist langweilig. Ich rede von Tonbändern. Offene Tonbänder. Die Dinger haben mich damals schon fasziniert und sie tun es auch heute noch. Jedenfalls hatte er so ein Gerät und freute sich wie Bolle, daß ich dieses Hobby mit ihm teilen konnte. Und ich freute mich auch wie Bolle, weil ich mich zum ersten mal so richtig ablenken konnte. Ja. Wenn ich bei Schwester Jasna war, fühlte ich mich so wohl, daß ich wirklich begann, all die Sorgen und inneren Schmerzen zur Seite zu schieben.
Es geschah an einem Wochenende.
ich war bei Sudo, Suncica und Sanja zu hause. Da rief Sudo mich zu sich und stellte eine Tasse Tee vor mich hin. Das hat er nie vorher getan. Er klang sehr ruhig und ernst. Ich wußte, daß das kein normales „Männergespräch“ 🙂 werden würde. Und das war es auch nicht. Nein, das war es wirklich nicht.
„Du hast Post bekommen mein kleiner.“ „Von wem?“ „Von deiner Mutter aus Deutschland.“ Mama…. Echt? Ich konnte es nicht glauben. Ich hätte mich so gerne gefreut. Aber ich konnte es nicht so, wie ich es eigentlich wollte, denn Sudo war so ernst… So verdammt ernst…
Er begann zu lesen. Je mehr er las, desto mehr begann ich zu zittern. Stumme Tränen kullerten mir über das kleine Jungengesicht, daß jetzt schon gezeichnet war von so vielen Dingen.
Meine Mutter schrieb mir aus München. Sie schrieb, daß sie dort im Gefängnis säße und am 31.01.1989 ihre Gerichtsverhandlung hätte. Wir hatten schon fast Winter in Jugoslawien. Also wußte ich, daß es noch rund zwei Monate dauern würde, bis die Verhandlung war. Sie schrieb nicht, weshalb sie im Gefängnis war. Aber sie schrieb, daß ich ganz ruhig bleiben sollte und sie sich meldet, sobald sie kann.
Sudo faltete den Brief zusammen und legte beide Hände auf meine. „Das ist schwer für dich. hm? Ich verstehe das. aber du mußt tapfer sein. Versuche, den Rat deiner Mutter zu befolgen. Du hast so viel erlebt. Mehr, als sonst ein normaler Junge erlebt. Du wirst auch das schaffen.“
Ich weinte weiter stumme Tränen und sprach kein Wort. Mir war klar, daß sie irgendwas mit ihrem Macker angestellt haben muß. Aber was? Und würde sie wirklich frei kommen? Würde ich meine Mutter je wieder in den Arm nehmen können? Würde alles je wieder so werden wie früher? Würde ich je wieder nach Deutschland zurück können? Keine dieser Fragen konnte ich mit „ja“ beantworten. Aber auch nicht mit „nein.“ Und so merkwürdig das klang, gab genau das mir die Kraft, die ich brauchte.
Sudo riet mir, mit niemandem darüber zu reden. Ich sagte, daß ich es nicht tun würde. Aber ich konnte mich nicht daran halten. Irgendwann begann ich in der Schule zu weinen und eine der Lehrerinnen nahm mich mit in einen leeren Klassenraum und da sagte ich es ihr. Sie nahm mich in den Arm und sagte, daß ich ein guter Pionier sein solle und stark sein müsse in einer solchen Situation.
Da war er wieder, dieser Hass auf die verdammten Kommunisten. Konnten die überhaupt an was anderes denken als an ihr Pionierstum? Mann meine Mama war im Knast und die sagt mir, wie ich mich als Pionier verhalten soll… Ey das ist….. Ich wollte ganz schnell weg da, straffte mich und sagte ihr, daß ich es versuchen werde. Sie sagte „nein, du wirst es schaffen.“ Also wiederholte ich auch das. Sie war zufrieden und ich war es auch, weil ich da endlich raus war. Mein Gott war ich bescheuert. Wie konnte ich ihr das sagen…
Als ich das Schwester Jasna erzählte, fingen wir beide wieder an zu weinen. Es war fast genau so wie mit meinem Finger. Sie fragte sich, wann das mit mir und den Tiefschlägen endlich aufhören würde. Sie konnte das alles gar nicht glauben.
Es war also wie es war. Ich magerte immer mehr ab, der Finger war noch bandagiert, Schwester Jasna kümmerte sich rührend um mich, die Lehrer malträtierten uns auf die eine oder andere Weise und so weiter. An den Wochenenden war ich inzwischen manchmal bei Schwester Jasna und ihrer Familie. Es ging mir sehr gut da. Genau so gut wie bei Sudo und Co. Aber in der Woche begann wieder der Schulalltag. ich fragte Schwester Jasna ein mal, ob ich nicht mit ihr morgens immer zur Schule kommen könne. Sie lachte und sagte, daß sie das den Direktor auch schon gefragt hätte, der aber ablehnte, weil er nicht wollte, daß in der Schule an die große Glocke gehängt wird, daß sich die Schulkrankenschwester mehr um einen Schüler kümmert als um die anderen. Das wäre nicht im Sinne des Sozialismus und blablabla. Also das Blablabla kam von ihr. 😉 Jedenfalls durfte sie nicht. Das fand ich schade, aber so war es eben. Da konnte man nichts machen.
Der Winter kam und Weihnachten stand vor der Tür. weihnachten… Oh Mann wie geil. hm… Ne. Nicht so geil. Ich war in Jugoslawien. Die feiern das ganz merkwürdig im überwiegend islamistischen aber auch russisch orthodoxen Sarajevo. Da wurde das nur halbherzig gefeiert. warum es überhaupt gefeiert wurde, weiß ich nicht. Vielleicht wegen dem geringen Anteil christlicher Kroaten. Jedenfalls half Sanja mir, einen Brief an meine Mutter im Gefängnis zu schreiben. Sie hat sich nach diesem Brief nicht mehr gemeldet. Wir schrieben das übliche. „Hoffentlich kommst du bald raus, hoffentlich kommst du bald her, hoffentlich geht das mit dem Gericht gut, hoffentlich kannst du trotzdem Weihnachten etwas feiern“ und sowas alles. Mehr konnte ich nicht tun.
Und jetzt gibt es ein par Probleme mit dem chronologischen Ablauf. Das ging alles irgendwie zu schnell für mich. Ich erinnere mich an folgendes.
Irgendwann kam Dragica. Sie hab ich hier noch nie erwähnt. Sie spielte eine untergeordnete Rolle während meiner Zeit da. Sie wohnte in Doboj, was irgendwo in Bosnien lag. Wer sie bestellt hat und warum sie mich überhaupt besucht hat, weiß ich nicht. Ich wußte ja nicht mal, daß sie wußte, daß ich dort in der Schule war. Sie hat es mir glaub ich erzählt, als sie mich besuchte. Das weiß ich alles nicht mehr. Ich habe wohl einen Tiefpunkt gehabt. Jedenfalls hab ich sie angefleht, daß sie mich doch da raus holen soll. Sie konnte das natürlich nicht und ich wußte das. Aber ich habe all meine Energie da rein gesteckt und nicht locker gelassen. Natürlich war es umsonst.
Dann erinnere ich mich noch daran, daß meine Schwester mich bei der Familie meines Vaters besuchte. Ich weiß gar nicht, weshalb ich da eigentlich wieder hin sollte. ich weiß nur noch, daß ich über Silvester da war. Wo ich Weihnachten verbracht habe, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls besuchte meine Schwester mich. Diese blöde Kuh. Was wollte sie denn jetzt hier. Sie machte einen auf „Oh mein armer Bruder, ich will doch eine Familie mit dir sein und wir müssen zusammenhalten, ich hol dich da raus“ und den üblichen Mist, den sie immer von sich gegeben hat. Das war auch eine Luftnummer, denn drei Tage später war sie wieder weg und kein Wort mehr davon, daß sie mich da raus holt und alles. Sie hat weder davor, noch danach jemals bei mir angerufen um zu fragen, wie es mir geht.
Und dann erinnere ich mich noch daran, daß ich mit Schwester Jasna, ihrer Familie und noch einigen anderen auf einem Berg war. So ein richtig hoher. Wir sind mit dem Auto zu einem richtigen kleinen Steinhaus gefahren, wo Leute gewohnt haben. Und dann sind wir ganz weit mit dem Schlitten runter gesaust. Das war ein echter Spaß. So schnell und so lange. Das war richtig toll. Ich habe richtig lange und laut gelacht. Und als Jasna das sah hat sie gelacht und dann geweint und gelacht. Heute kann ich das verstehen. Damals wußte ich nicht, was mit ihr los war. Sie lachte, weinte und sagte zwischen drin „Er kann noch wie ein echter kleiner Junge lachen. Er kann es noch. Gott wenn es dich gibt, dann erhalte ihm wenigstens das so lange wie es möglich ist.“ So oder so ähnlich sagte sie es.
Ein mal wachte ich auf. Ich war in der Schule und es war der 31.01. Der Tag der Gerichtsverhandlung meiner Mutter. Heute war für mich alles anders. Innerlich war alles anders. Aber ich wurde irgendwie von den Lehrern ja, von dem ganzen Personal anders behandelt. Es war wie ein Zauber…
Alles fing damit an, daß die Weck-Glocke draußen im Flur rasselte und der kleine Sohn von Schwester Jasna die Tür auf riss und uns mit seiner hohen Kinderstimme fröhlich anflötete, daß wir aufstehen sollen. Ich rieb mir immer wieder über die Ohren. nein. War das wirklich Alan? Jaaa. Das war echt Alan. Er kam zu mir und warf sich mit voller Montur in mein Bett und fiel mir um den Hals. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Er riss noch in meinem Bett seinen Mini-Rucksack auf und hielt mir eine Pistole hin. Äm… ich meine natürlich eine Spielzeugpistole. So eine mit Knallmunition zum nachfüllen. Er hätte auch eine und wir könnten uns ja gegenseitig immer wieder erschießen und umfallen üben. „Klar“ sagte ich. Machen wir. „Aber warum schenkst du mir die denn?“ „Naja Mama sagt, daß deine Mama heute aus dem Gefängnis kommt und das wollen wir doch feiern oder?“ „Ä…. Ä….. Yeaaaaaaaaaah!“ Und dann knallte ich ihn ab. Er lachte sich tot und fiel um. Eine lachende Kinderleiche. Mann was hatten wir für einen Spaß. Die anderen waren alle ausgeblendet irgendwie. Sie zogen sich an, aber sie beachteten mich nicht weiter. Alan und ich hatten in meinem Bett eine eigene kleine Welt. Und die war immer wieder mit den selben zwei Leichen gefüllt. Mal er und mal ich. 🙂 Irgendwann kam Schwester Mirijana rein und forderte mich auf, daß ich mich endlich anziehen solle. Alan und ich erschossen sie gleichzeitig. Wie auf ein geheimes Kommando. Sie sagte „Was?“ fiel dann um und lachte sich kaputt wie Alan und ich. Dann stand sie auf und war wieder ganz strenge Kommunistin. Aber sie grinste manchmal.
Ich zog mich also an und erschoss Alan mal ab und zu nebenbei. So wie er mich öfter erschoss, als ich sterben konnte. Er schoss, ich war am fallen und er schoss wieder. „Ey ich hab dich noch mal erschossen. Du mußt wieder umfallen.“ So ging es den ganzen Morgen. Es war wirklich wie ein Zaubertag. Ja. So magisch und irgendwie…. Anders. Keiner beschwerte sich über das unpionierhafte Verhalten, daß wir an den Tag legten. OK wir mußten vor dem Speisesahl singen. Aber das hab ich dann auch noch hinter mich gebracht. Die Mädchen mußten mir übrigens immer noch den Knoten machen. Den konnte ich irgendwie nie. 🙂
Selbst das Frühstück war anders. Irgendwie feierlich. ich weiß nicht wieso. Das hat sich auch alles nie wirklich aufgeklärt. Bis heute ist das für mich ein Zaubertag.
Allerdings begann der Unterricht merkwürdige Formen anzunehmen. An dem Tag hat das auch begonnen. Was ich meine? Die Lehrer und Lehrerinnen lasen immer mehr Kriegsgeschichten aus dem zweiten Weltkrieg vor. Über die Nazis, die alle immer gefoltert und einfach abgeknallt haben, über Partisanen, die Nazis manchmal tage lang gejagt haben, was sie dabei erlebt haben und wie sie ihnen dann irgendwann einen Kopfschuss verpassten. meistens dann, wenn der Nazi „Wie ein Hund“ Wasser aus einer Pfütze trank. Oder wenn er sich morgens beim aufwachen streckte. Aber in den ganzen Geschichten waren die tapferen Partisanen nie für den Nazi zu sehen. Die haben die gejagten immer mutig aus dem Hinterhalt erschossen. Das sind also die Helden des Kommunismus hab ich gedacht und ihnen in Gedanken ins Gesicht gespuckt.
Nun. Lassen wir die Partisanen einfach die Helden sein, die sie immer sein wollten und wohl nie sein werden und wenden uns wieder dem Unterricht zu. Das mit den Kriegsgeschichten geschah immer öfter. Und man redete auch davon, daß man in Jugoslawien bald wieder Krieg haben könnte, denn der Mann, der alles zusammengeschweißt hat, ist ja schon seit einigen Jahren tot. Drug Josip Bros Tito oder so ähnlich. Das war mir alles so egal. Aber bei mir blieb hängen, daß wir bald krieg bekommen könnten. zwei Jahre später sollten die ihren Krieg ja auch bekommen. Aber das wußte ich natürlich nicht.
Zurück zum 31.01. Ich feierte, Alan half mir dabei, nicht an etwas anderes zu denken und wir erschossen jeden, der uns böses oder gutes wollte. Wir behandelten alle kommunistisch gleich. 🙂 Es gab sogar Kuchen für mich am Nachmittag. Alan aß natürlich auch, als er aus seiner Schule wieder zu mir kam. Dann gingen wir wieder nach draußen. Schwester Jasna holte immer wieder neue Munition aus ihrem Lager. 🙂 Ich kann heute wirklich nicht mehr sagen, warum das so ein verzauberter Tag war.
Der Tag ging zu ende. Alan war weg und ich allein im Schlafsaal. Allein mit mir selbst und mit meinen Gedanken. Dieser Tag war ein echter Zaubertag. Ja. Es würde etwas anders werden. Das wußte ich ganz sicher.
Ich ging sehr früh ins Bett und schlief auch bald ein. ich lachte im Traum. Oder lachte ich wirklich? Ich weinte im Traum. Oder weinte ich wirklich? Ich trieb davon. Im Traum? In Wirklichkeit? Im wirklichen Traum? In……..