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7. Teil: Der Vorhof der Hölle


Ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen.
Meine Mutter stellte mir also diesen Djordje vor. ich weiß nicht, wie man ihn spricht. Das „dj“ symbolisiert die Aussprache wie ein englisches G zum Beispiel in dem Wort „gene.“
Da war er also. Djordje. Mir war er gleich unsympathisch. Ob er für mich das gleiche empfand, wusste ich nicht. Jedenfalls hat er sich nichts anmerken lassen. Aber ich spürte, daß er unwahrscheinlich großen Einfluss auf meine Mutter hatte. Und das machte mir Sorgen. nein. Ich konnte natürlich nicht abschätzen, was das für Konsequenzen haben würde.
Wir zogen nach Eimsbüttel. Dort eröffneten meine Mutter und dieser Djordje ein Kaffee und nannten es „Morgenpost.“ Im Prinzip fand ich, daß das eine gute Idee war. Jedenfalls sagten sie, daß sie das Kaffee eröffnet haben. Aber das ging alles so unglaublich schnell. Oder ich hab es damals als Kind nicht richtig realisiert. Das war 1988. Das weiß ich irgendwie noch.
Das Kaffee „Morgenpost:“ Was für ein Laden. Überall nur Jugos. Wohin man blickte, überall nur Jugos. Aber so merkwürdige Typen, die ständig Karten zockten und sehr sehr seltsam waren. Ich kann es nicht richtig beschreiben. Du bist in dem Raum und weißt sofort, daß es besser ist, wenn man die Klappe hält. Und genau so ging es mir. Und wenn man gewisse Dinge aufschnappt, wünscht man sich sofort, sie nie gehört zu haben, weil man Angst vor diesem Wissen hat. Nicht, weil es einen so sehr belastet, sondern eher deshalb, weil man Angst hat, daß man es unbedacht verrät und sie genau das herausbekommen. Also hab ich mich nicht sehr oft da aufgehalten. Ich kann mich aber erinnern, daß unsere Küche in Dauerbenutzung war. Meine Mutter machte blächeweise Burek. Die Türken nennen es Börek glaub ich. Jedenfalls roch alles nur nach diesen Blätterteig-Hackrollen. Man konnte die Küche fast nicht für andere Dinge benutzen, weil meine Mutter für die „Herren“ unten im Kaffee immer dieses Essen machte. Und manchmal kam auch einer von denen hoch und unterhielt sich mit Djordje über Dinge, die ich mir nicht im Traum vorstellen konnte. Da lernte ich, es zu tun. Sie zählten Geld, redeten über irgendwelche krummen Dinge, die sie drehen wollten oder gedreht haben. Es war sehr sehr unangenehm geworden zu Hause. Und ja, ich gebe es zu. Ich war froh, wenn die Wochenenden wieder rum waren und ich endlich wieder in mein Internat durfte. ich habe mich schlecht gefühlt wie selten in meinem Leben. Im Internat mußte ich mich mit Reiner und Hanno rum schlagen und am Wochenende musste ich aufpassen, daß ich nichts falsches sage. Sie haben mich zu Hause wohl nicht ernst genommen. Jedenfalls redeten sie ganz unbefangen über diese Dinge. Manchmal riefen sie auch mit verstellter Stimme irgendwo an und sprachen merkwürdige Drohungen aus. Das fand ich merkwürdig.
Von meiner Schwester habe ich in dieser Zeit übrigens nichts gehört. Sie war wohl weg. Ich weiß es nicht. Sie hatte ja ihren Metodi, den Zigeuner, den ich genau so wenig mochte, wie meine Mutters neuen.
Irgendwann kam es immer öfter vor, daß die Polizei nach Djordje fragte. Ich hab nie verstanden, warum meine Mutter ständig gesagt hat, daß er nicht da wäre und auch nicht bei ihr wohne. Als ich sie ein mal danach fragte sagte sie, daß die Polizei ihn sucht, er aber nichts getan hat, das aber nicht beweisen kann und sich erst mal verstecken müsse. Beide haben peinlich darauf geachtet, daß ich nie die Tür öffnen würde wenn es geklingelt hat. Das fand ich furchtbar. Ich fühlte mich gefangen.
Die Polizeipräsenz wurde immer aufdringlicher und intensiver. Mir war irgendwie klar, daß das nicht lange gutgehen würde. Aber wie durch ein Wunder ist nichts passiert.
Irgendwann kam man im Internat dahinter, daß etwas nicht stimmt. Ausgangspunkt der ganzen Aktion war, daß Hanno, Reiner und Monika, die in einem der anderen Zimmer wohnte meine Sachen für den nächsten Morgen mitten in der Nacht in die volle Badewanne geworfen haben. Ich war wach, hatte aber Angst, etwas zu sagen. Ich war erst 10 und die drei waren wohl schon 13 oder 14 sogar. Oder noch älter?? Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls habe ich mir das still angehört und dann am nächsten Morgen der Erzieherin vom Frühdienst gesagt, was passiert war. Die drei haben es auch sofort zugegeben. Für mich ist da aber etwas zerbrochen. Es war nicht diese Aktion allein. Eigentlich wäre ich aufgestanden und hätte mir eine handfeste Klopperei geliefert. Aber irgendwie war ich nicht in der Lage dazu. Vielleicht waren es all die anderen Dinge, die auf mich einströmten.
Ich unterhielt mich sehr lange mit der Erzieherin und begann auch etwas über zu Hause zu erzählen. Und gleichzeitig wusste ich, daß es sehr schlimm ist, wenn ich das tu. Aber das alles musste irgendwie einfach raus. Sie hörten mir auch sehr aufmerksam zu. Das war übrigens schon 1989.
Es ging also alles so weiter. Die Situation war nicht sehr angenehm. Und ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen. Wie oft schrieb ich das eigentlich schon? 😉 Nun, es ist ja wirklich so…
Ein mal war ich wieder an einem Wochenende zu hause. Djordje lag im Bett und schlief. Es war Nachmittag. Mama machte mal wieder diese Teigrollen und es war eigentlich alles wie immer. Dann bat sie mich, ihn zu wecken. „Klar“ sagte ich und ging los. Es war eine Altbauwohnung mit hohen Fenstern und diesen niedrigen Fensterbänken. Er lag auf der Seite des Bettes, die zum Fenster zeigte.
ich umrundete also das Bett und stand an der langen Seite des Bettes, den Rücken zum weit offen stehenden Fenster gewandt. ich begann, ihn leise zu wecken. Er wurde nicht wach. Dann drehte ich mich wieder um, weil ich zurück laufen wollte und Mama sagen wollte, daß er nicht aufgewacht wäre.
Genau in dem Moment, als ich das Gesicht zum Fenster hatte, bekam ich einen mörderisch starken Tritt in den Po. Ich flog auf das Fenster zu. Meine Füße hatten keinen richtigen Halt mehr und ich fiel bäuchlings auf die Fensterbank. Mein Körper war schon so weit über die Kante gerutscht, daß ich meine Arme anwinkeln musste, um mich wieder zurück zu ziehen. Das ging alles tierisch schnell. Aber dieser Moment dauert heute, wenn ich darüber nachdenke ewig lange.
Ich habe keinen Laut von mir gegeben. Das ging alles zu schnell. ich habe mich nur wieder aufgerichtet und bin aus dem Zimmer gegangen. So ruhig wie möglich. Bevor ich die Tür erreicht habe sagte er noch: „Jetzt weißt du bescheid. Kein Wort über mich zu jemandem.“ Ich habe darauf nicht geantwortet. Ich bin nur in die Küche und hab Mama gesagt, daß er wach ist. Aber eine Mutter ist eine Mutter. Sie fragte mich, warum ich so weiß wäre. Ich sagte ihr, daß ich mich nicht fühle. Damit war das Thema auch schon vorbei. Ich war eigentlich ganz froh darüber. Denn niemand hätte mir geglaubt. Niemand.
Dann irgendwann im Internat, kam die Erzieherin zu mir, mit der ich schon wegen Hanno, Reiner und Monica geredet habe und bat mich, ihr etwas über diesen Djordje zu erzählen. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr erzählt habe. Aber ich weiß noch genau, daß sie mich bat, einen Text ins jugoslawische zu übersetzen. In diesem Text wurde Djordje gebeten, daß Internat nicht zu betreten. Ihm wurde mitgeteilt, daß er dort unerwünscht ist. Aber damit war es nicht ausgestanden. Die Erzieherin teilte mir mit, daß ich bis auf weiteres nicht nach Hause dürfe, bis das Problem mit Djordje geklärt ist.
Was soll ich sagen… War ich erleichtert, war ich traurig? Ja und ja. Es waren so viele Gefühle in mir. Ich wollte meine Mutter nicht verlieren, aber ich hatte auch wahnsinnige Angst vor ihrem neuen bekommen. Ich habe erfahren, daß er mich umbringen würde, wenn er der Meinung ist, daß es sein müsse. Und dem wollte ich natürlich entkommen.
Aber dann siegten doch die Tränen. Ich glaube, ich habe noch nie so viel geweint wie in dieser Zeit. Jedenfalls kam es mir schlimmer vor als all die anderen male. Warum? Nun. Heute denke ich, daß es wohl die für mich damals feste Gewissheit war, daß sie ihn nie wieder loswerden würde, weil sie ihn ja versteckt und alles.
Die Wochenenden zogen sich also hin. ich war jedes zweite Wochenende, daß kein „offenes“ Wochenende war, bei einer Erzieherin, die mich zu sich nach Hause nahm. Und da lernte ich, daß es auch schön sein kann, wenn man „zu Hause“ ist. Ja. Ich habe jede dieser Wohnungen als ein zu Hause gesehen. Und es war wirklich schön da. In den Ferien ging ich in ein Ferienlager. Wo und was, das weiß ich nicht mehr. ich glaube, es war ein Reiterhof. Oder doch nicht??? Ich kann es wirklich nicht mehr sagen. Als ich nach Hause kam, hat meine Mutter mich nicht vom Bus abgeholt. Sie durfte es immer noch nicht. Ich ging zu Svea, meiner Lieblingserzieherin damals. Dort war ich schon, und es hat mir dort auch sehr gefallen. Sie war halbe Schwedin glaube ich. Und da war sie dann wieder. Die Verbundenheit zu Skandinavien und deren Menschen. Man hat es gemerkt und ich war froh, daß ich bei ihr war.
In den Wochen also im Internat und an den „geschlossenen“ Wochenenden bei Svea oder einer anderen Erzieherin. Zu meiner Mutter hatte ich nur manchmal telefonischen Kontakt. Aber es war nicht wirklich entspannt und wir haben auch beide nie über das Problem gesprochen. Wir haben uns beide so normal wie möglich verhalten.
Irgendwann rief sie mich nachmittags im Internat an und sagte, daß wir weg müssen. Ich fragte, ob sie Djordje und sich meinte. Sie sagte, daß sie sich und mich meinte. Sie wollte an einem der Wochenenden kommen und mich mitnehmen. Sie wollte mit mir nach Jugoslawien gehen. Für immer. Aber sie wollte da auch bleiben mit mir.
ich… Ich kann nicht sagen, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe. Auf der einen Seite war ich froh, daß wir es denen allen zeigen und abhauen, aber auf der anderen Seite wieder Jugoslawien…
ich hielt jedenfalls den Mund und sagte niemandem etwas. Und dann war es soweit. Sie kam und sagte der Erzieherin, daß sie nur ein par Stunden mit mir spazieren gehen wolle. Dagegen hatte sie nichts. Wahrscheinlich war man der Meinung, den Umgang langsam wieder etwas zuzulassen, damit keine Entfremdung entstand. Das wäre nachvollziehbar. Ich spreche die Erzieherin von jedem Vorwurf frei. Das will ich hier erwähnen.
Sie packte unauffällig einige wenige Sachen für mich ein und verließ mit mir das Internat. Auf dem Weg zum Bahnhof erzählte sie mir, daß die Polizei sich eine heftige Schlacht mit Djordje geliefert hat, ihn aber nicht fassen konnte. Er hätte ihr gesagt, daß es das beste wäre, wenn sie mich nach Jugoslawien bringt. Ach ja? Also eine seiner Ideen also. Na toll. Erst da wurde mir auch bewusst, was ich hier verlieren würde. Meine Schule, meine Freunde, einfach alles… Ich würde komplett neu anfangen müssen. Das wollte ich auf keinen Fall. Aber was sollte ich machen. Wenn ich jetzt eine Diskussion mit meiner Mutter anfangen würde, könnte das vielleicht jemand hören und sie würde richtig Ärger kriegen. Das wollte ich auch nicht. Also fügte ich mich wieder ein mal in mein Schicksal.
Wir stiegen also in den Zug und er fuhr an. Einer sehr ungewissen Zukunft entgegen. Direkt in die Hölle…
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