Schlagwort-Archive: schlimm

10. Teil. Gezeichnet für immer


Es war ein Morgen wie jeder andere. Doch diesen Tag sollte ich nie mehr in meinem Leben vergessen. Nie mehr…

Wir standen auf wie immer, stressig wie immer, standen an vor dem Speisesahl wie immer. Inzwischen konnte ich das Pionierslied singen. Dafür haben etliche Abreibungen und Fünfernoten in Betragen gesorgt. Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer um 19:00 ins Bett zu gehen. Und so begann ich, diesen mir so verhassten Text zu lernen. Heute weiß ich den nicht mehr, wofür ich auch sehr dankbar bin.

Das frühstück war wie gesagt gar nicht mal so unlecker. Und an besagtem Tag war es etwas relaxter. Ich hatte also genügend Zeit, um über alles mögliche nachzudenken. Da war die Familie meines Vaters, die meine Mutter (wahrscheinlich mit Absicht) vor mir so schlecht geredet hat, wo sie nur konnte. Dann war da noch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja, die immer sehr nett zu mir war. Und dann war da noch Schwester Jasna, die sich sehr große Sorgen machte, weil ich nicht richtig essen wollte. Das lag aber auch an diesem furchtbaren Mittagessen und am Abend an der verhassten Sauermilch. ich weiß nicht, was das war, aber es schmeckte so wie der türkische Ayran. OK, türkisch ist Ayran nicht, aber ich glaube im Kaukasus und/oder in Anatolien wurde er erfunden. Keine Ahnung. Jedenfalls schmeckte das Zeug widerlich.

Jedenfalls machte sich Schwester Jasna Sorgen. Wer war sie überhaupt, wollt ihr wissen? Sie war die Schulschwester. Also von der medizinischen Station. Pflaster und so Mimimi-Sachen. Aber manchmal auch echte Fälle. Ansteckende Kinderkrankheiten und so. Sie machte sich immer sehr große Sorgen und beobachtete mich, wo sie konnte. Ich mochte sie auch sehr und zeigte ihr das auch.

Und dann war da auch meine Mutter. Ich vermisste sie sehr. Aber immer wenn ich an sie dachte, war das so ein dumpfes hoffnungsloses Gefühl. Ich würde sie nie wieder sehen. Das war mir irgendwie klar. Ich war ganz fest davon überzeugt. Hier, also aus Jugoslawien kam ich nie wieder raus. Ich dachte an Deutschland, meine Klassenkameraden und an mein geliebtes/verhasstes Internat in Hamburg. Wie gern wäre ich dort hin zurück gegangen…

Das Frühstück war um und wir rannten zu den Klassenräumen. Wir betraten die Klasse und bereiteten alles für die Lehrerin vor, die uns unterrichten würde. Sie kam und Vehid der Klassensprecher machte seinen Spruch. Klasse soundso meldet sich vollzählig zum Unterricht bereit oder so ähnlich. Wir durften uns setzen und der Unterricht begann.

Dann irgendwann, es war noch vor der großen Mittagspause, hatten wir Musik bei dem blinden Ismet. Das war in Deutschland immer ein Fach gewesen, daß ich sehr geliebt habe. Aber der Musikunterricht dort unterschied sich gewaltig von dem in Hamburg. Der Lehrer saß ständig vor seinem Klavier und wir mußten so Dinge tun wie Noten Singen. Do Re Mi Fa So La Si Do und rückwärts. Aber damit nicht genug. Anstatt richtige Lieder zu lernen, mußten wir ganze Melodien mit dem Do Re Mi Fa So La Si Do singen. Aber manchmal war er auch in Klopflaune. Dann sollten wir ein Gefühl für Rhythmen bekommen. Ismet klopfte den Takt und wir sollten ihn erst zusammen und dann einzeln nachklopfen.

Nedjad, Hussejn und ich waren die Klassenkasper. Und auch in dieser Musikstunde zeigten wir wieder, was wir an Späßen so drauf hatten. Das gefiel dem sehr strengen Ismet überhaupt nicht. Ich saß am dichtesten an ihm dran und er kam zu mir an den Platz. Er schrie mich an, daß ich gefälligst mitmachen sollte.

Die Tische in dem Musikraum waren alle mit einer Art Teppich überzogen. Er war mit großen Nägeln einfach auf den Tisch genagelt worden. Bei mir befand sich etwas links von der Mitte der Kante und ein Stück in Richtung Tischmitte ein Nagel, der schräg stand. Also die Kante des Nagel- oder Schraubenkopfes stand nach oben ab. Ismet suchte meine Hand, fand sie und schrie mir den Takt ins Ohr, während er meine Hand zur Faust ballte und im Takt dazu auf den Tisch donnerte. Wieder und wieder und wieder… Als er zufrieden war, ging er wieder an seinen Platz und ließ die anderen einzeln nachklopfen. Ich saß da und war aus einem Grund, den ich nicht verstand unter Schock oder etwas in der Art. Ich hab alles nur so halb mitbekommen. ich hörte Gordana und Sonja, (zwei Mädchen aus unserer Klasse) miteinander tuscheln. „Ich muß das melden. Überall Blut…“ „Halts Maul, sonst bist du auch dran.“ „Ja aber…“ Nach einer Weile, ich weiß nicht, wieviele Minuten verstrichen waren oder ob Sonja direkt nach dem Geflüster Meldung gemacht hat, stand sie auf und unterbrach Ismet mit einigen Entschuldigungen. Sie sagte, daß ich mich verletzt hätte und daß es nicht aufhörte zu bluten. Er sagte nur: „Sonja und er gehen zur Station. Der Rest macht weiter.“

Sonja tippte mich an und ich hob leicht den Kopf. Sie sagte: „Komm. Schnell…“ Und ich ging total benommen nach draußen in den Flur. Sie schleppte mich mehr, aber wir kamen voran. Sie fragte, ob es das war, was sie vermutet. ich sagte, daß ich nicht weiß was sie meint, aber daß da ein Nagel war und Ismet meine Faust immer wieder da drauf gedonnert hat. Dann endlich brach ich in Tränen aus. Sonja nahm mich glaub ich in den Arm, legte ihren Mund an mein Ohr und sagte sehr eindringlich: „Wenn dir deine Zukunft noch etwas wert ist, erzähle etwas von einem blöden Missgeschick. Sonst wirst du deines Lebens nie wieder froh. Glaub mir. Hör auf mich und halt die Fresse bei Jasna.“ Ich fragte sie, warum ich immer Pech mit allem habe und ausgerechnet an meinem Platz so ein… Sie unterbrach mich: „Oh, das wußtest du nicht? Jeder Platz hat so einen zufällig schräg stehenden Nagel… Oh mein armer. Komm jetzt mit sonst verblutest du.“

Ich lies mich weinend von ihr weiter bis zur Station schleppen. Sie lieferte mich bei Schwester Jasna ab, sagte ihr noch, wo wir lang gegangen sind und wo daher Blut weg gemacht werden sollte. Beim rausgehen sagte sie auch für Schwester Jasna gut hörbar: „Er hat AUSVERSEHEN Bekanntschaft mit dem Nagel gemacht.“ Schwester Jasna fragte nur: „Ismets Kabinett?“ Sonja muß wohl genickt haben, denn Schwester Jasna fing an zu schnauben und sagte dann gefährlich leise: „Es ist gut. Geh jetzt zurück zum Unterricht. ich kümmer mich um alles andere hier. Und melde ihn als nicht unterrichtsfähig für den Rest des Tages.“ „Ja“ hauchte Sonja, strich mir sanft über den Nacken und verschwand wieder.

Sobald Sonja die Tür geschlossen hatte und weg gerannt war, kam Leben in die Schulkrankenschwester. Sie nahm meine linke Hand und sog dann scharf die Luft ein. „Ich… Ich krieg das hin OK? OK? Wir schaffen das gemeinsam. Du beißt jetzt fest die Zähne zusammen und ich entferne den Rost…“ Rost? Oh Mann, was war denn da bloß passiert… Ich fragte sie, was sie mit Rost meinte. „Ruhig jetzt. wir reden gleich.“ Und sie begann mit kleinen Gerätschaften oder so meine Wunde zu reinigen. Es tat höllisch weh. Sie sagte, daß sie schnell arbeiten müsse wegen Blutvergiftung. Dann legte sie mir einen Verband an und setzte sich neben mich.

„So. Und jetzt sag mir, was los war.“ ich erzählte ihr irgendwas von einem Missgeschick und… „LÜG MICH NICHT AN! ER WAR DAS STIMMTS? ISMET WAR DAS! ODER??? ODER???“ Mir war alles egal. Also knickte ich ein und gestand es ihr. Ich fing noch stärker an zu weinen und erzählte ihr mein ganzes Leid in Kurzform. Ich hörte gar nicht mehr auf zu reden. ich begann irgendwo in Hamburg und endete dann dort. Und dann….. Dann weinten wir beide. Lange und stumm. Sie hielt mich im Arm. Ihre Tränen tränkten meine Kleidung und meine ihre…

Irgendwann sah sie auf und sagte, daß wir zum Arzt damit müssen. Sie ging mit mir zum Direktor und erzählte ihm die gleiche Geschichte, die mir Sonja schon empfohlen hatte. Er erlaubte ihr, mich in ihrem Privatauto zum Arzt zu fahren. Und das tat sie auch. Dort wurde der Finger noch mal begutachtet aber mehr als Schwester Jasna konnte der Arzt auch nicht tun. Der Arzt war sich nur nicht sicher, ob mit dem Fingernagel alles glatt gehen würde oder ob man ihn entfernen muß.

Wir fuhren also zurück und Jasna hatte vorher noch Instruktionen vom Arzt eingeholt, wie sie den Finger während der nächsten Tage zu behandeln und zu beobachten hatte. Während der Autofahrt griff Schwester Jasna immer wieder nach hinten und strich mir über die Wange oder dort über den Körper, wo sie mich gerade erreichte. Danach verprügelte sie immer wieder ihr Lenkrad und fluchte irgend etwas von einem geisteskranken, der wegen seiner Blindheit nicht abgewiesen wurde. „Mit anderen blinden kann er es ja machen. Und dann auch noch Kinder. KINDER!!“ So ging das, bis wir wieder in der Schule waren.

Essen wollte ich natürlich nichts. Aber Schwester Jasna bestand darauf, daß ich mich auf der Schulstation hinlegte, weil ich viel Blut verloren hätte. Dort angekommen legte ich mich auch sofort hin. Eine halbe Stunde später kam sie mit wundervoll duftendem Essen zurück. „Hier iss und sag niemandem was davon. Das hab ich in der Stadt gekauft.“ Das waren Cevapcici mit lecker Fladenbrot. Und oh Mann jaaa. Ich habe gefressen wie ein verhungerter. Und Schwester Jasna lächelte hörbar und strich mir über den Kopf. „Iss. Ich pass hier auf.“ Als ich nicht mehr konnte, aß sie den Rest. Sie sagte mir, daß ich jetzt schlafen soll. Und vorher sagte sie noch, daß es besser für uns alle wäre, wenn wir die Geschichte mit dem Unfall beibehalten. Sonja hätte schon dafür gesorgt, daß sich das genau so verbreitet. ich fragte Schwester Jasna, ob wirklich auf jedem Platz so ein Nagel schräg im Tisch stand. „Ja, das ist so“ sagte sie. Dann ging sie raus, schloss die Tür und fluchte, wie ein Pirat es nicht besser hätte tun können. Der Fluch schloss mit einem Geklirre ab. Dann schlief ich ein.

Ich wachte irgendwann in der Nacht erst wieder auf und fühlte mich müde. Im Nebenzimmer war jemand. Ich rief und sofort kam jemand rein. Es war eine andere Schwester die sagte, daß ich ruhig bis zum Morgen hier weiterschlafen könne.

Und so begann der Alltag wieder. Mein Finger wurde jeden Tag zwei mal neu verbunden und behandelt. Mit Cremes, Tropfen und was weiß ich nicht noch alles. Schwester Jasna sagte mit einem Ernst, der mir klar machte, daß sie das nicht zum Spaß sagte: „Die Fingerkuppe wird nicht absterben. Allerdings wirst du vielleicht Probleme mit dem Nagel kriegen. Er wird nie wieder so wachsen wie vorher. Wir müssen nur beobachten, ob er seitlich wachsen wird oder gerade wie bisher. Aber er wird wohl gespalten weiterwachsen. dein ganzes Leben lang.“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. mein Nagel? Mein Mittelfinger? Das konnte nicht sein. Aber ja. Er tat immer noch sehr weh und pochte wie verrückt. Aber der Schmerz machte mir klar, daß ich noch da war. Er zeigte mir, daß ich noch fühlen konnte.

Ismet hat das Thema übrigens nie wieder angesprochen. Nie wieder. Er hat das einfach so abgetan. ich begann ihn zu hassen wie die Pest. ich entwickelte einen echten Hass auf diesen Mann. Einen Hass, wie ihn ein Kind eigentlich nicht empfinden dürfte. Heute weiß ich, daß ich damals definitiv zu jung dafür war.

Eine Verschnaufpause gab es für mich nicht, denn einige Zeit später erreichte mich ein sehr verhängnisvoller Brief aus Deutschland. Er kam von meiner Mutter.

Doch davon im nächsten Teil.

Advertisements

7. Teil: Der Vorhof der Hölle


Ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen.
Meine Mutter stellte mir also diesen Djordje vor. ich weiß nicht, wie man ihn spricht. Das „dj“ symbolisiert die Aussprache wie ein englisches G zum Beispiel in dem Wort „gene.“
Da war er also. Djordje. Mir war er gleich unsympathisch. Ob er für mich das gleiche empfand, wusste ich nicht. Jedenfalls hat er sich nichts anmerken lassen. Aber ich spürte, daß er unwahrscheinlich großen Einfluss auf meine Mutter hatte. Und das machte mir Sorgen. nein. Ich konnte natürlich nicht abschätzen, was das für Konsequenzen haben würde.
Wir zogen nach Eimsbüttel. Dort eröffneten meine Mutter und dieser Djordje ein Kaffee und nannten es „Morgenpost.“ Im Prinzip fand ich, daß das eine gute Idee war. Jedenfalls sagten sie, daß sie das Kaffee eröffnet haben. Aber das ging alles so unglaublich schnell. Oder ich hab es damals als Kind nicht richtig realisiert. Das war 1988. Das weiß ich irgendwie noch.
Das Kaffee „Morgenpost:“ Was für ein Laden. Überall nur Jugos. Wohin man blickte, überall nur Jugos. Aber so merkwürdige Typen, die ständig Karten zockten und sehr sehr seltsam waren. Ich kann es nicht richtig beschreiben. Du bist in dem Raum und weißt sofort, daß es besser ist, wenn man die Klappe hält. Und genau so ging es mir. Und wenn man gewisse Dinge aufschnappt, wünscht man sich sofort, sie nie gehört zu haben, weil man Angst vor diesem Wissen hat. Nicht, weil es einen so sehr belastet, sondern eher deshalb, weil man Angst hat, daß man es unbedacht verrät und sie genau das herausbekommen. Also hab ich mich nicht sehr oft da aufgehalten. Ich kann mich aber erinnern, daß unsere Küche in Dauerbenutzung war. Meine Mutter machte blächeweise Burek. Die Türken nennen es Börek glaub ich. Jedenfalls roch alles nur nach diesen Blätterteig-Hackrollen. Man konnte die Küche fast nicht für andere Dinge benutzen, weil meine Mutter für die „Herren“ unten im Kaffee immer dieses Essen machte. Und manchmal kam auch einer von denen hoch und unterhielt sich mit Djordje über Dinge, die ich mir nicht im Traum vorstellen konnte. Da lernte ich, es zu tun. Sie zählten Geld, redeten über irgendwelche krummen Dinge, die sie drehen wollten oder gedreht haben. Es war sehr sehr unangenehm geworden zu Hause. Und ja, ich gebe es zu. Ich war froh, wenn die Wochenenden wieder rum waren und ich endlich wieder in mein Internat durfte. ich habe mich schlecht gefühlt wie selten in meinem Leben. Im Internat mußte ich mich mit Reiner und Hanno rum schlagen und am Wochenende musste ich aufpassen, daß ich nichts falsches sage. Sie haben mich zu Hause wohl nicht ernst genommen. Jedenfalls redeten sie ganz unbefangen über diese Dinge. Manchmal riefen sie auch mit verstellter Stimme irgendwo an und sprachen merkwürdige Drohungen aus. Das fand ich merkwürdig.
Von meiner Schwester habe ich in dieser Zeit übrigens nichts gehört. Sie war wohl weg. Ich weiß es nicht. Sie hatte ja ihren Metodi, den Zigeuner, den ich genau so wenig mochte, wie meine Mutters neuen.
Irgendwann kam es immer öfter vor, daß die Polizei nach Djordje fragte. Ich hab nie verstanden, warum meine Mutter ständig gesagt hat, daß er nicht da wäre und auch nicht bei ihr wohne. Als ich sie ein mal danach fragte sagte sie, daß die Polizei ihn sucht, er aber nichts getan hat, das aber nicht beweisen kann und sich erst mal verstecken müsse. Beide haben peinlich darauf geachtet, daß ich nie die Tür öffnen würde wenn es geklingelt hat. Das fand ich furchtbar. Ich fühlte mich gefangen.
Die Polizeipräsenz wurde immer aufdringlicher und intensiver. Mir war irgendwie klar, daß das nicht lange gutgehen würde. Aber wie durch ein Wunder ist nichts passiert.
Irgendwann kam man im Internat dahinter, daß etwas nicht stimmt. Ausgangspunkt der ganzen Aktion war, daß Hanno, Reiner und Monika, die in einem der anderen Zimmer wohnte meine Sachen für den nächsten Morgen mitten in der Nacht in die volle Badewanne geworfen haben. Ich war wach, hatte aber Angst, etwas zu sagen. Ich war erst 10 und die drei waren wohl schon 13 oder 14 sogar. Oder noch älter?? Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls habe ich mir das still angehört und dann am nächsten Morgen der Erzieherin vom Frühdienst gesagt, was passiert war. Die drei haben es auch sofort zugegeben. Für mich ist da aber etwas zerbrochen. Es war nicht diese Aktion allein. Eigentlich wäre ich aufgestanden und hätte mir eine handfeste Klopperei geliefert. Aber irgendwie war ich nicht in der Lage dazu. Vielleicht waren es all die anderen Dinge, die auf mich einströmten.
Ich unterhielt mich sehr lange mit der Erzieherin und begann auch etwas über zu Hause zu erzählen. Und gleichzeitig wusste ich, daß es sehr schlimm ist, wenn ich das tu. Aber das alles musste irgendwie einfach raus. Sie hörten mir auch sehr aufmerksam zu. Das war übrigens schon 1989.
Es ging also alles so weiter. Die Situation war nicht sehr angenehm. Und ja. Es sollte noch viel schlimmer kommen. Wie oft schrieb ich das eigentlich schon? 😉 Nun, es ist ja wirklich so…
Ein mal war ich wieder an einem Wochenende zu hause. Djordje lag im Bett und schlief. Es war Nachmittag. Mama machte mal wieder diese Teigrollen und es war eigentlich alles wie immer. Dann bat sie mich, ihn zu wecken. „Klar“ sagte ich und ging los. Es war eine Altbauwohnung mit hohen Fenstern und diesen niedrigen Fensterbänken. Er lag auf der Seite des Bettes, die zum Fenster zeigte.
ich umrundete also das Bett und stand an der langen Seite des Bettes, den Rücken zum weit offen stehenden Fenster gewandt. ich begann, ihn leise zu wecken. Er wurde nicht wach. Dann drehte ich mich wieder um, weil ich zurück laufen wollte und Mama sagen wollte, daß er nicht aufgewacht wäre.
Genau in dem Moment, als ich das Gesicht zum Fenster hatte, bekam ich einen mörderisch starken Tritt in den Po. Ich flog auf das Fenster zu. Meine Füße hatten keinen richtigen Halt mehr und ich fiel bäuchlings auf die Fensterbank. Mein Körper war schon so weit über die Kante gerutscht, daß ich meine Arme anwinkeln musste, um mich wieder zurück zu ziehen. Das ging alles tierisch schnell. Aber dieser Moment dauert heute, wenn ich darüber nachdenke ewig lange.
Ich habe keinen Laut von mir gegeben. Das ging alles zu schnell. ich habe mich nur wieder aufgerichtet und bin aus dem Zimmer gegangen. So ruhig wie möglich. Bevor ich die Tür erreicht habe sagte er noch: „Jetzt weißt du bescheid. Kein Wort über mich zu jemandem.“ Ich habe darauf nicht geantwortet. Ich bin nur in die Küche und hab Mama gesagt, daß er wach ist. Aber eine Mutter ist eine Mutter. Sie fragte mich, warum ich so weiß wäre. Ich sagte ihr, daß ich mich nicht fühle. Damit war das Thema auch schon vorbei. Ich war eigentlich ganz froh darüber. Denn niemand hätte mir geglaubt. Niemand.
Dann irgendwann im Internat, kam die Erzieherin zu mir, mit der ich schon wegen Hanno, Reiner und Monica geredet habe und bat mich, ihr etwas über diesen Djordje zu erzählen. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr erzählt habe. Aber ich weiß noch genau, daß sie mich bat, einen Text ins jugoslawische zu übersetzen. In diesem Text wurde Djordje gebeten, daß Internat nicht zu betreten. Ihm wurde mitgeteilt, daß er dort unerwünscht ist. Aber damit war es nicht ausgestanden. Die Erzieherin teilte mir mit, daß ich bis auf weiteres nicht nach Hause dürfe, bis das Problem mit Djordje geklärt ist.
Was soll ich sagen… War ich erleichtert, war ich traurig? Ja und ja. Es waren so viele Gefühle in mir. Ich wollte meine Mutter nicht verlieren, aber ich hatte auch wahnsinnige Angst vor ihrem neuen bekommen. Ich habe erfahren, daß er mich umbringen würde, wenn er der Meinung ist, daß es sein müsse. Und dem wollte ich natürlich entkommen.
Aber dann siegten doch die Tränen. Ich glaube, ich habe noch nie so viel geweint wie in dieser Zeit. Jedenfalls kam es mir schlimmer vor als all die anderen male. Warum? Nun. Heute denke ich, daß es wohl die für mich damals feste Gewissheit war, daß sie ihn nie wieder loswerden würde, weil sie ihn ja versteckt und alles.
Die Wochenenden zogen sich also hin. ich war jedes zweite Wochenende, daß kein „offenes“ Wochenende war, bei einer Erzieherin, die mich zu sich nach Hause nahm. Und da lernte ich, daß es auch schön sein kann, wenn man „zu Hause“ ist. Ja. Ich habe jede dieser Wohnungen als ein zu Hause gesehen. Und es war wirklich schön da. In den Ferien ging ich in ein Ferienlager. Wo und was, das weiß ich nicht mehr. ich glaube, es war ein Reiterhof. Oder doch nicht??? Ich kann es wirklich nicht mehr sagen. Als ich nach Hause kam, hat meine Mutter mich nicht vom Bus abgeholt. Sie durfte es immer noch nicht. Ich ging zu Svea, meiner Lieblingserzieherin damals. Dort war ich schon, und es hat mir dort auch sehr gefallen. Sie war halbe Schwedin glaube ich. Und da war sie dann wieder. Die Verbundenheit zu Skandinavien und deren Menschen. Man hat es gemerkt und ich war froh, daß ich bei ihr war.
In den Wochen also im Internat und an den „geschlossenen“ Wochenenden bei Svea oder einer anderen Erzieherin. Zu meiner Mutter hatte ich nur manchmal telefonischen Kontakt. Aber es war nicht wirklich entspannt und wir haben auch beide nie über das Problem gesprochen. Wir haben uns beide so normal wie möglich verhalten.
Irgendwann rief sie mich nachmittags im Internat an und sagte, daß wir weg müssen. Ich fragte, ob sie Djordje und sich meinte. Sie sagte, daß sie sich und mich meinte. Sie wollte an einem der Wochenenden kommen und mich mitnehmen. Sie wollte mit mir nach Jugoslawien gehen. Für immer. Aber sie wollte da auch bleiben mit mir.
ich… Ich kann nicht sagen, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe. Auf der einen Seite war ich froh, daß wir es denen allen zeigen und abhauen, aber auf der anderen Seite wieder Jugoslawien…
ich hielt jedenfalls den Mund und sagte niemandem etwas. Und dann war es soweit. Sie kam und sagte der Erzieherin, daß sie nur ein par Stunden mit mir spazieren gehen wolle. Dagegen hatte sie nichts. Wahrscheinlich war man der Meinung, den Umgang langsam wieder etwas zuzulassen, damit keine Entfremdung entstand. Das wäre nachvollziehbar. Ich spreche die Erzieherin von jedem Vorwurf frei. Das will ich hier erwähnen.
Sie packte unauffällig einige wenige Sachen für mich ein und verließ mit mir das Internat. Auf dem Weg zum Bahnhof erzählte sie mir, daß die Polizei sich eine heftige Schlacht mit Djordje geliefert hat, ihn aber nicht fassen konnte. Er hätte ihr gesagt, daß es das beste wäre, wenn sie mich nach Jugoslawien bringt. Ach ja? Also eine seiner Ideen also. Na toll. Erst da wurde mir auch bewusst, was ich hier verlieren würde. Meine Schule, meine Freunde, einfach alles… Ich würde komplett neu anfangen müssen. Das wollte ich auf keinen Fall. Aber was sollte ich machen. Wenn ich jetzt eine Diskussion mit meiner Mutter anfangen würde, könnte das vielleicht jemand hören und sie würde richtig Ärger kriegen. Das wollte ich auch nicht. Also fügte ich mich wieder ein mal in mein Schicksal.
Wir stiegen also in den Zug und er fuhr an. Einer sehr ungewissen Zukunft entgegen. Direkt in die Hölle…