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11. Teil. Ein trauriger Brief und ein Zaubertag


Der Schulalltag ging also weiter. Mein Finger pochte, ich gewöhnte mich daran, das Essen war furchtbar und ich aß fast nichts, Nachts um 02:00 mußten wir alle aufstehen zum Pipi machen und so weiter. Ich entwickelte eine Verhaltensweise, die mir half, so gut wie möglich mit all dem klar zu kommen. Ich schrieb sogar bessere Noten als vorher. Sehr zur Freude meiner kommunistischen Lehrer, die wohl dachten, daß ich mich endlich dort eingelebt hätte.
Schwester Jasna war weiterhin für mich da so oft sie für mich da sein konnte. Sie kümmerte sich um mich wie um ihren kleinen Sohn, den sie manchmal auch zur Schule brachte. Er war fünf glaube ich. Wir freundeten uns sofort an. Das lag glaub ich daran, daß Schwester Jasna ihm vermittelte, daß ich doch ein ganz netter wäre. Und es lag von meiner Seite daran, daß es ein sehr aufgeweckter kleiner Racker war, mit dem man richtig gut rumalbern konnte. er hatte dieses unbeschwerte, daß nur Kinder haben können, die nicht im Internat leben. Jedenfalls gefiel es mir sehr, in seiner Nähe zu sein.
Aber auch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja war mir sehr sympathisch. ich begann wirklich, so etwas wie Freunde zu bekommen. Es ist mir früher nicht bewußt gewesen, aber ich weiß heute, daß sich selbst diese erwachsenen gerne mit dem Jungen umgeben haben, der ich damals war. So rebellisch und widerspenstig. Ich glaube, ich war eine Art Symbol für diese Menschen. Ich werde später darauf zurück kommen, wieso ich das heute so sehe.
Irgendwann begann Schwester Jasna, mich zu sich einzuladen. Ich lernte ihre Mutter und ihren Vater kennen. Der alte war auch blind. Wir verstanden uns auf Anhieb und hatten auch sofort ein gemeinsames Gesprächsthema. nein nein. Nicht die Blindheit. Das ist langweilig. Ich rede von Tonbändern. Offene Tonbänder. Die Dinger haben mich damals schon fasziniert und sie tun es auch heute noch. Jedenfalls hatte er so ein Gerät und freute sich wie Bolle, daß ich dieses Hobby mit ihm teilen konnte. Und ich freute mich auch wie Bolle, weil ich mich zum ersten mal so richtig ablenken konnte. Ja. Wenn ich bei Schwester Jasna war, fühlte ich mich so wohl, daß ich wirklich begann, all die Sorgen und inneren Schmerzen zur Seite zu schieben.
Es geschah an einem Wochenende.
ich war bei Sudo, Suncica und Sanja zu hause. Da rief Sudo mich zu sich und stellte eine Tasse Tee vor mich hin. Das hat er nie vorher getan. Er klang sehr ruhig und ernst. Ich wußte, daß das kein normales „Männergespräch“ 🙂 werden würde. Und das war es auch nicht. Nein, das war es wirklich nicht.
„Du hast Post bekommen mein kleiner.“ „Von wem?“ „Von deiner Mutter aus Deutschland.“ Mama…. Echt? Ich konnte es nicht glauben. Ich hätte mich so gerne gefreut. Aber ich konnte es nicht so, wie ich es eigentlich wollte, denn Sudo war so ernst… So verdammt ernst…
Er begann zu lesen. Je mehr er las, desto mehr begann ich zu zittern. Stumme Tränen kullerten mir über das kleine Jungengesicht, daß jetzt schon gezeichnet war von so vielen Dingen.
Meine Mutter schrieb mir aus München. Sie schrieb, daß sie dort im Gefängnis säße und am 31.01.1989 ihre Gerichtsverhandlung hätte. Wir hatten schon fast Winter in Jugoslawien. Also wußte ich, daß es noch rund zwei Monate dauern würde, bis die Verhandlung war. Sie schrieb nicht, weshalb sie im Gefängnis war. Aber sie schrieb, daß ich ganz ruhig bleiben sollte und sie sich meldet, sobald sie kann.
Sudo faltete den Brief zusammen und legte beide Hände auf meine. „Das ist schwer für dich. hm? Ich verstehe das. aber du mußt tapfer sein. Versuche, den Rat deiner Mutter zu befolgen. Du hast so viel erlebt. Mehr, als sonst ein normaler Junge erlebt. Du wirst auch das schaffen.“
Ich weinte weiter stumme Tränen und sprach kein Wort. Mir war klar, daß sie irgendwas mit ihrem Macker angestellt haben muß. Aber was? Und würde sie wirklich frei kommen? Würde ich meine Mutter je wieder in den Arm nehmen können? Würde alles je wieder so werden wie früher? Würde ich je wieder nach Deutschland zurück können? Keine dieser Fragen konnte ich mit „ja“ beantworten. Aber auch nicht mit „nein.“ Und so merkwürdig das klang, gab genau das mir die Kraft, die ich brauchte.
Sudo riet mir, mit niemandem darüber zu reden. Ich sagte, daß ich es nicht tun würde. Aber ich konnte mich nicht daran halten. Irgendwann begann ich in der Schule zu weinen und eine der Lehrerinnen nahm mich mit in einen leeren Klassenraum und da sagte ich es ihr. Sie nahm mich in den Arm und sagte, daß ich ein guter Pionier sein solle und stark sein müsse in einer solchen Situation.
Da war er wieder, dieser Hass auf die verdammten Kommunisten. Konnten die überhaupt an was anderes denken als an ihr Pionierstum? Mann meine Mama war im Knast und die sagt mir, wie ich mich als Pionier verhalten soll… Ey das ist….. Ich wollte ganz schnell weg da, straffte mich und sagte ihr, daß ich es versuchen werde. Sie sagte „nein, du wirst es schaffen.“ Also wiederholte ich auch das. Sie war zufrieden und ich war es auch, weil ich da endlich raus war. Mein Gott war ich bescheuert. Wie konnte ich ihr das sagen…
Als ich das Schwester Jasna erzählte, fingen wir beide wieder an zu weinen. Es war fast genau so wie mit meinem Finger. Sie fragte sich, wann das mit mir und den Tiefschlägen endlich aufhören würde. Sie konnte das alles gar nicht glauben.
Es war also wie es war. Ich magerte immer mehr ab, der Finger war noch bandagiert, Schwester Jasna kümmerte sich rührend um mich, die Lehrer malträtierten uns auf die eine oder andere Weise und so weiter. An den Wochenenden war ich inzwischen manchmal bei Schwester Jasna und ihrer Familie. Es ging mir sehr gut da. Genau so gut wie bei Sudo und Co. Aber in der Woche begann wieder der Schulalltag. ich fragte Schwester Jasna ein mal, ob ich nicht mit ihr morgens immer zur Schule kommen könne. Sie lachte und sagte, daß sie das den Direktor auch schon gefragt hätte, der aber ablehnte, weil er nicht wollte, daß in der Schule an die große Glocke gehängt wird, daß sich die Schulkrankenschwester mehr um einen Schüler kümmert als um die anderen. Das wäre nicht im Sinne des Sozialismus und blablabla. Also das Blablabla kam von ihr. 😉 Jedenfalls durfte sie nicht. Das fand ich schade, aber so war es eben. Da konnte man nichts machen.
Der Winter kam und Weihnachten stand vor der Tür. weihnachten… Oh Mann wie geil. hm… Ne. Nicht so geil. Ich war in Jugoslawien. Die feiern das ganz merkwürdig im überwiegend islamistischen aber auch russisch orthodoxen Sarajevo. Da wurde das nur halbherzig gefeiert. warum es überhaupt gefeiert wurde, weiß ich nicht. Vielleicht wegen dem geringen Anteil christlicher Kroaten. Jedenfalls half Sanja mir, einen Brief an meine Mutter im Gefängnis zu schreiben. Sie hat sich nach diesem Brief nicht mehr gemeldet. Wir schrieben das übliche. „Hoffentlich kommst du bald raus, hoffentlich kommst du bald her, hoffentlich geht das mit dem Gericht gut, hoffentlich kannst du trotzdem Weihnachten etwas feiern“ und sowas alles. Mehr konnte ich nicht tun.
Und jetzt gibt es ein par Probleme mit dem chronologischen Ablauf. Das ging alles irgendwie zu schnell für mich. Ich erinnere mich an folgendes.
Irgendwann kam Dragica. Sie hab ich hier noch nie erwähnt. Sie spielte eine untergeordnete Rolle während meiner Zeit da. Sie wohnte in Doboj, was irgendwo in Bosnien lag. Wer sie bestellt hat und warum sie mich überhaupt besucht hat, weiß ich nicht. Ich wußte ja nicht mal, daß sie wußte, daß ich dort in der Schule war. Sie hat es mir glaub ich erzählt, als sie mich besuchte. Das weiß ich alles nicht mehr. Ich habe wohl einen Tiefpunkt gehabt. Jedenfalls hab ich sie angefleht, daß sie mich doch da raus holen soll. Sie konnte das natürlich nicht und ich wußte das. Aber ich habe all meine Energie da rein gesteckt und nicht locker gelassen. Natürlich war es umsonst.
Dann erinnere ich mich noch daran, daß meine Schwester mich bei der Familie meines Vaters besuchte. Ich weiß gar nicht, weshalb ich da eigentlich wieder hin sollte. ich weiß nur noch, daß ich über Silvester da war. Wo ich Weihnachten verbracht habe, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls besuchte meine Schwester mich. Diese blöde Kuh. Was wollte sie denn jetzt hier. Sie machte einen auf „Oh mein armer Bruder, ich will doch eine Familie mit dir sein und wir müssen zusammenhalten, ich hol dich da raus“ und den üblichen Mist, den sie immer von sich gegeben hat. Das war auch eine Luftnummer, denn drei Tage später war sie wieder weg und kein Wort mehr davon, daß sie mich da raus holt und alles. Sie hat weder davor, noch danach jemals bei mir angerufen um zu fragen, wie es mir geht.
Und dann erinnere ich mich noch daran, daß ich mit Schwester Jasna, ihrer Familie und noch einigen anderen auf einem Berg war. So ein richtig hoher. Wir sind mit dem Auto zu einem richtigen kleinen Steinhaus gefahren, wo Leute gewohnt haben. Und dann sind wir ganz weit mit dem Schlitten runter gesaust. Das war ein echter Spaß. So schnell und so lange. Das war richtig toll. Ich habe richtig lange und laut gelacht. Und als Jasna das sah hat sie gelacht und dann geweint und gelacht. Heute kann ich das verstehen. Damals wußte ich nicht, was mit ihr los war. Sie lachte, weinte und sagte zwischen drin „Er kann noch wie ein echter kleiner Junge lachen. Er kann es noch. Gott wenn es dich gibt, dann erhalte ihm wenigstens das so lange wie es möglich ist.“ So oder so ähnlich sagte sie es.
Ein mal wachte ich auf. Ich war in der Schule und es war der 31.01. Der Tag der Gerichtsverhandlung meiner Mutter. Heute war für mich alles anders. Innerlich war alles anders. Aber ich wurde irgendwie von den Lehrern ja, von dem ganzen Personal anders behandelt. Es war wie ein Zauber…
Alles fing damit an, daß die Weck-Glocke draußen im Flur rasselte und der kleine Sohn von Schwester Jasna die Tür auf riss und uns mit seiner hohen Kinderstimme fröhlich anflötete, daß wir aufstehen sollen. Ich rieb mir immer wieder über die Ohren. nein. War das wirklich Alan? Jaaa. Das war echt Alan. Er kam zu mir und warf sich mit voller Montur in mein Bett und fiel mir um den Hals. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Er riss noch in meinem Bett seinen Mini-Rucksack auf und hielt mir eine Pistole hin. Äm… ich meine natürlich eine Spielzeugpistole. So eine mit Knallmunition zum nachfüllen. Er hätte auch eine und wir könnten uns ja gegenseitig immer wieder erschießen und umfallen üben. „Klar“ sagte ich. Machen wir. „Aber warum schenkst du mir die denn?“ „Naja Mama sagt, daß deine Mama heute aus dem Gefängnis kommt und das wollen wir doch feiern oder?“ „Ä…. Ä….. Yeaaaaaaaaaah!“ Und dann knallte ich ihn ab. Er lachte sich tot und fiel um. Eine lachende Kinderleiche. Mann was hatten wir für einen Spaß. Die anderen waren alle ausgeblendet irgendwie. Sie zogen sich an, aber sie beachteten mich nicht weiter. Alan und ich hatten in meinem Bett eine eigene kleine Welt. Und die war immer wieder mit den selben zwei Leichen gefüllt. Mal er und mal ich. 🙂 Irgendwann kam Schwester Mirijana rein und forderte mich auf, daß ich mich endlich anziehen solle. Alan und ich erschossen sie gleichzeitig. Wie auf ein geheimes Kommando. Sie sagte „Was?“ fiel dann um und lachte sich kaputt wie Alan und ich. Dann stand sie auf und war wieder ganz strenge Kommunistin. Aber sie grinste manchmal.
Ich zog mich also an und erschoss Alan mal ab und zu nebenbei. So wie er mich öfter erschoss, als ich sterben konnte. Er schoss, ich war am fallen und er schoss wieder. „Ey ich hab dich noch mal erschossen. Du mußt wieder umfallen.“ So ging es den ganzen Morgen. Es war wirklich wie ein Zaubertag. Ja. So magisch und irgendwie…. Anders. Keiner beschwerte sich über das unpionierhafte Verhalten, daß wir an den Tag legten. OK wir mußten vor dem Speisesahl singen. Aber das hab ich dann auch noch hinter mich gebracht. Die Mädchen mußten mir übrigens immer noch den Knoten machen. Den konnte ich irgendwie nie. 🙂
Selbst das Frühstück war anders. Irgendwie feierlich. ich weiß nicht wieso. Das hat sich auch alles nie wirklich aufgeklärt. Bis heute ist das für mich ein Zaubertag.
Allerdings begann der Unterricht merkwürdige Formen anzunehmen. An dem Tag hat das auch begonnen. Was ich meine? Die Lehrer und Lehrerinnen lasen immer mehr Kriegsgeschichten aus dem zweiten Weltkrieg vor. Über die Nazis, die alle immer gefoltert und einfach abgeknallt haben, über Partisanen, die Nazis manchmal tage lang gejagt haben, was sie dabei erlebt haben und wie sie ihnen dann irgendwann einen Kopfschuss verpassten. meistens dann, wenn der Nazi „Wie ein Hund“ Wasser aus einer Pfütze trank. Oder wenn er sich morgens beim aufwachen streckte. Aber in den ganzen Geschichten waren die tapferen Partisanen nie für den Nazi zu sehen. Die haben die gejagten immer mutig aus dem Hinterhalt erschossen. Das sind also die Helden des Kommunismus hab ich gedacht und ihnen in Gedanken ins Gesicht gespuckt.
Nun. Lassen wir die Partisanen einfach die Helden sein, die sie immer sein wollten und wohl nie sein werden und wenden uns wieder dem Unterricht zu. Das mit den Kriegsgeschichten geschah immer öfter. Und man redete auch davon, daß man in Jugoslawien bald wieder Krieg haben könnte, denn der Mann, der alles zusammengeschweißt hat, ist ja schon seit einigen Jahren tot. Drug Josip Bros Tito oder so ähnlich. Das war mir alles so egal. Aber bei mir blieb hängen, daß wir bald krieg bekommen könnten. zwei Jahre später sollten die ihren Krieg ja auch bekommen. Aber das wußte ich natürlich nicht.
Zurück zum 31.01. Ich feierte, Alan half mir dabei, nicht an etwas anderes zu denken und wir erschossen jeden, der uns böses oder gutes wollte. Wir behandelten alle kommunistisch gleich. 🙂 Es gab sogar Kuchen für mich am Nachmittag. Alan aß natürlich auch, als er aus seiner Schule wieder zu mir kam. Dann gingen wir wieder nach draußen. Schwester Jasna holte immer wieder neue Munition aus ihrem Lager. 🙂 Ich kann heute wirklich nicht mehr sagen, warum das so ein verzauberter Tag war.
Der Tag ging zu ende. Alan war weg und ich allein im Schlafsaal. Allein mit mir selbst und mit meinen Gedanken. Dieser Tag war ein echter Zaubertag. Ja. Es würde etwas anders werden. Das wußte ich ganz sicher.
Ich ging sehr früh ins Bett und schlief auch bald ein. ich lachte im Traum. Oder lachte ich wirklich? Ich weinte im Traum. Oder weinte ich wirklich? Ich trieb davon. Im Traum? In Wirklichkeit? Im wirklichen Traum? In……..

10. Teil. Gezeichnet für immer


Es war ein Morgen wie jeder andere. Doch diesen Tag sollte ich nie mehr in meinem Leben vergessen. Nie mehr…

Wir standen auf wie immer, stressig wie immer, standen an vor dem Speisesahl wie immer. Inzwischen konnte ich das Pionierslied singen. Dafür haben etliche Abreibungen und Fünfernoten in Betragen gesorgt. Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer um 19:00 ins Bett zu gehen. Und so begann ich, diesen mir so verhassten Text zu lernen. Heute weiß ich den nicht mehr, wofür ich auch sehr dankbar bin.

Das frühstück war wie gesagt gar nicht mal so unlecker. Und an besagtem Tag war es etwas relaxter. Ich hatte also genügend Zeit, um über alles mögliche nachzudenken. Da war die Familie meines Vaters, die meine Mutter (wahrscheinlich mit Absicht) vor mir so schlecht geredet hat, wo sie nur konnte. Dann war da noch die Familie mit Sudo, Suncica und Sanja, die immer sehr nett zu mir war. Und dann war da noch Schwester Jasna, die sich sehr große Sorgen machte, weil ich nicht richtig essen wollte. Das lag aber auch an diesem furchtbaren Mittagessen und am Abend an der verhassten Sauermilch. ich weiß nicht, was das war, aber es schmeckte so wie der türkische Ayran. OK, türkisch ist Ayran nicht, aber ich glaube im Kaukasus und/oder in Anatolien wurde er erfunden. Keine Ahnung. Jedenfalls schmeckte das Zeug widerlich.

Jedenfalls machte sich Schwester Jasna Sorgen. Wer war sie überhaupt, wollt ihr wissen? Sie war die Schulschwester. Also von der medizinischen Station. Pflaster und so Mimimi-Sachen. Aber manchmal auch echte Fälle. Ansteckende Kinderkrankheiten und so. Sie machte sich immer sehr große Sorgen und beobachtete mich, wo sie konnte. Ich mochte sie auch sehr und zeigte ihr das auch.

Und dann war da auch meine Mutter. Ich vermisste sie sehr. Aber immer wenn ich an sie dachte, war das so ein dumpfes hoffnungsloses Gefühl. Ich würde sie nie wieder sehen. Das war mir irgendwie klar. Ich war ganz fest davon überzeugt. Hier, also aus Jugoslawien kam ich nie wieder raus. Ich dachte an Deutschland, meine Klassenkameraden und an mein geliebtes/verhasstes Internat in Hamburg. Wie gern wäre ich dort hin zurück gegangen…

Das Frühstück war um und wir rannten zu den Klassenräumen. Wir betraten die Klasse und bereiteten alles für die Lehrerin vor, die uns unterrichten würde. Sie kam und Vehid der Klassensprecher machte seinen Spruch. Klasse soundso meldet sich vollzählig zum Unterricht bereit oder so ähnlich. Wir durften uns setzen und der Unterricht begann.

Dann irgendwann, es war noch vor der großen Mittagspause, hatten wir Musik bei dem blinden Ismet. Das war in Deutschland immer ein Fach gewesen, daß ich sehr geliebt habe. Aber der Musikunterricht dort unterschied sich gewaltig von dem in Hamburg. Der Lehrer saß ständig vor seinem Klavier und wir mußten so Dinge tun wie Noten Singen. Do Re Mi Fa So La Si Do und rückwärts. Aber damit nicht genug. Anstatt richtige Lieder zu lernen, mußten wir ganze Melodien mit dem Do Re Mi Fa So La Si Do singen. Aber manchmal war er auch in Klopflaune. Dann sollten wir ein Gefühl für Rhythmen bekommen. Ismet klopfte den Takt und wir sollten ihn erst zusammen und dann einzeln nachklopfen.

Nedjad, Hussejn und ich waren die Klassenkasper. Und auch in dieser Musikstunde zeigten wir wieder, was wir an Späßen so drauf hatten. Das gefiel dem sehr strengen Ismet überhaupt nicht. Ich saß am dichtesten an ihm dran und er kam zu mir an den Platz. Er schrie mich an, daß ich gefälligst mitmachen sollte.

Die Tische in dem Musikraum waren alle mit einer Art Teppich überzogen. Er war mit großen Nägeln einfach auf den Tisch genagelt worden. Bei mir befand sich etwas links von der Mitte der Kante und ein Stück in Richtung Tischmitte ein Nagel, der schräg stand. Also die Kante des Nagel- oder Schraubenkopfes stand nach oben ab. Ismet suchte meine Hand, fand sie und schrie mir den Takt ins Ohr, während er meine Hand zur Faust ballte und im Takt dazu auf den Tisch donnerte. Wieder und wieder und wieder… Als er zufrieden war, ging er wieder an seinen Platz und ließ die anderen einzeln nachklopfen. Ich saß da und war aus einem Grund, den ich nicht verstand unter Schock oder etwas in der Art. Ich hab alles nur so halb mitbekommen. ich hörte Gordana und Sonja, (zwei Mädchen aus unserer Klasse) miteinander tuscheln. „Ich muß das melden. Überall Blut…“ „Halts Maul, sonst bist du auch dran.“ „Ja aber…“ Nach einer Weile, ich weiß nicht, wieviele Minuten verstrichen waren oder ob Sonja direkt nach dem Geflüster Meldung gemacht hat, stand sie auf und unterbrach Ismet mit einigen Entschuldigungen. Sie sagte, daß ich mich verletzt hätte und daß es nicht aufhörte zu bluten. Er sagte nur: „Sonja und er gehen zur Station. Der Rest macht weiter.“

Sonja tippte mich an und ich hob leicht den Kopf. Sie sagte: „Komm. Schnell…“ Und ich ging total benommen nach draußen in den Flur. Sie schleppte mich mehr, aber wir kamen voran. Sie fragte, ob es das war, was sie vermutet. ich sagte, daß ich nicht weiß was sie meint, aber daß da ein Nagel war und Ismet meine Faust immer wieder da drauf gedonnert hat. Dann endlich brach ich in Tränen aus. Sonja nahm mich glaub ich in den Arm, legte ihren Mund an mein Ohr und sagte sehr eindringlich: „Wenn dir deine Zukunft noch etwas wert ist, erzähle etwas von einem blöden Missgeschick. Sonst wirst du deines Lebens nie wieder froh. Glaub mir. Hör auf mich und halt die Fresse bei Jasna.“ Ich fragte sie, warum ich immer Pech mit allem habe und ausgerechnet an meinem Platz so ein… Sie unterbrach mich: „Oh, das wußtest du nicht? Jeder Platz hat so einen zufällig schräg stehenden Nagel… Oh mein armer. Komm jetzt mit sonst verblutest du.“

Ich lies mich weinend von ihr weiter bis zur Station schleppen. Sie lieferte mich bei Schwester Jasna ab, sagte ihr noch, wo wir lang gegangen sind und wo daher Blut weg gemacht werden sollte. Beim rausgehen sagte sie auch für Schwester Jasna gut hörbar: „Er hat AUSVERSEHEN Bekanntschaft mit dem Nagel gemacht.“ Schwester Jasna fragte nur: „Ismets Kabinett?“ Sonja muß wohl genickt haben, denn Schwester Jasna fing an zu schnauben und sagte dann gefährlich leise: „Es ist gut. Geh jetzt zurück zum Unterricht. ich kümmer mich um alles andere hier. Und melde ihn als nicht unterrichtsfähig für den Rest des Tages.“ „Ja“ hauchte Sonja, strich mir sanft über den Nacken und verschwand wieder.

Sobald Sonja die Tür geschlossen hatte und weg gerannt war, kam Leben in die Schulkrankenschwester. Sie nahm meine linke Hand und sog dann scharf die Luft ein. „Ich… Ich krieg das hin OK? OK? Wir schaffen das gemeinsam. Du beißt jetzt fest die Zähne zusammen und ich entferne den Rost…“ Rost? Oh Mann, was war denn da bloß passiert… Ich fragte sie, was sie mit Rost meinte. „Ruhig jetzt. wir reden gleich.“ Und sie begann mit kleinen Gerätschaften oder so meine Wunde zu reinigen. Es tat höllisch weh. Sie sagte, daß sie schnell arbeiten müsse wegen Blutvergiftung. Dann legte sie mir einen Verband an und setzte sich neben mich.

„So. Und jetzt sag mir, was los war.“ ich erzählte ihr irgendwas von einem Missgeschick und… „LÜG MICH NICHT AN! ER WAR DAS STIMMTS? ISMET WAR DAS! ODER??? ODER???“ Mir war alles egal. Also knickte ich ein und gestand es ihr. Ich fing noch stärker an zu weinen und erzählte ihr mein ganzes Leid in Kurzform. Ich hörte gar nicht mehr auf zu reden. ich begann irgendwo in Hamburg und endete dann dort. Und dann….. Dann weinten wir beide. Lange und stumm. Sie hielt mich im Arm. Ihre Tränen tränkten meine Kleidung und meine ihre…

Irgendwann sah sie auf und sagte, daß wir zum Arzt damit müssen. Sie ging mit mir zum Direktor und erzählte ihm die gleiche Geschichte, die mir Sonja schon empfohlen hatte. Er erlaubte ihr, mich in ihrem Privatauto zum Arzt zu fahren. Und das tat sie auch. Dort wurde der Finger noch mal begutachtet aber mehr als Schwester Jasna konnte der Arzt auch nicht tun. Der Arzt war sich nur nicht sicher, ob mit dem Fingernagel alles glatt gehen würde oder ob man ihn entfernen muß.

Wir fuhren also zurück und Jasna hatte vorher noch Instruktionen vom Arzt eingeholt, wie sie den Finger während der nächsten Tage zu behandeln und zu beobachten hatte. Während der Autofahrt griff Schwester Jasna immer wieder nach hinten und strich mir über die Wange oder dort über den Körper, wo sie mich gerade erreichte. Danach verprügelte sie immer wieder ihr Lenkrad und fluchte irgend etwas von einem geisteskranken, der wegen seiner Blindheit nicht abgewiesen wurde. „Mit anderen blinden kann er es ja machen. Und dann auch noch Kinder. KINDER!!“ So ging das, bis wir wieder in der Schule waren.

Essen wollte ich natürlich nichts. Aber Schwester Jasna bestand darauf, daß ich mich auf der Schulstation hinlegte, weil ich viel Blut verloren hätte. Dort angekommen legte ich mich auch sofort hin. Eine halbe Stunde später kam sie mit wundervoll duftendem Essen zurück. „Hier iss und sag niemandem was davon. Das hab ich in der Stadt gekauft.“ Das waren Cevapcici mit lecker Fladenbrot. Und oh Mann jaaa. Ich habe gefressen wie ein verhungerter. Und Schwester Jasna lächelte hörbar und strich mir über den Kopf. „Iss. Ich pass hier auf.“ Als ich nicht mehr konnte, aß sie den Rest. Sie sagte mir, daß ich jetzt schlafen soll. Und vorher sagte sie noch, daß es besser für uns alle wäre, wenn wir die Geschichte mit dem Unfall beibehalten. Sonja hätte schon dafür gesorgt, daß sich das genau so verbreitet. ich fragte Schwester Jasna, ob wirklich auf jedem Platz so ein Nagel schräg im Tisch stand. „Ja, das ist so“ sagte sie. Dann ging sie raus, schloss die Tür und fluchte, wie ein Pirat es nicht besser hätte tun können. Der Fluch schloss mit einem Geklirre ab. Dann schlief ich ein.

Ich wachte irgendwann in der Nacht erst wieder auf und fühlte mich müde. Im Nebenzimmer war jemand. Ich rief und sofort kam jemand rein. Es war eine andere Schwester die sagte, daß ich ruhig bis zum Morgen hier weiterschlafen könne.

Und so begann der Alltag wieder. Mein Finger wurde jeden Tag zwei mal neu verbunden und behandelt. Mit Cremes, Tropfen und was weiß ich nicht noch alles. Schwester Jasna sagte mit einem Ernst, der mir klar machte, daß sie das nicht zum Spaß sagte: „Die Fingerkuppe wird nicht absterben. Allerdings wirst du vielleicht Probleme mit dem Nagel kriegen. Er wird nie wieder so wachsen wie vorher. Wir müssen nur beobachten, ob er seitlich wachsen wird oder gerade wie bisher. Aber er wird wohl gespalten weiterwachsen. dein ganzes Leben lang.“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. mein Nagel? Mein Mittelfinger? Das konnte nicht sein. Aber ja. Er tat immer noch sehr weh und pochte wie verrückt. Aber der Schmerz machte mir klar, daß ich noch da war. Er zeigte mir, daß ich noch fühlen konnte.

Ismet hat das Thema übrigens nie wieder angesprochen. Nie wieder. Er hat das einfach so abgetan. ich begann ihn zu hassen wie die Pest. ich entwickelte einen echten Hass auf diesen Mann. Einen Hass, wie ihn ein Kind eigentlich nicht empfinden dürfte. Heute weiß ich, daß ich damals definitiv zu jung dafür war.

Eine Verschnaufpause gab es für mich nicht, denn einige Zeit später erreichte mich ein sehr verhängnisvoller Brief aus Deutschland. Er kam von meiner Mutter.

Doch davon im nächsten Teil.