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4. Teil. Wie etwas in mir zerbrach und eine Erkenntnis reifte


Wir kamen in Hamburg am Flughafen an, und meine Mama wartete auf uns. Habe ich mich gefreut, sie wieder zu sehen. Wir fuhren auch gleich in die Wohnung, in der sie noch wohnte. Das erste, was mir entgegen sprang, war ein widerliches Hundeteil. Entschuldigung an alle Hundefreunde, aber ich mag keine kleffenden Zwergpudel. Und genau das war dieser Hund. Ein ewig laut und in hohen Tönen kleffender Zwergpudel, der auch noch Pascha hieß. „Oh mein Gott“, dachte ich. Das zweite, was ich festgestellt habe war, daß es in der Wohnung gar nicht nach Umzug aussah. „Merkwürdig. Sehr sehr merkwürdig“ dachte ich und hab es erst mal so hingenommen. Ich wollte ja eh in Hamburg bleiben, also habe ich es für gut befunden. Das würde mir die Pläne unheimlich erleichtern.

In die Schule zu meinen Freunden konnte ich nicht, weil da auch Ferien waren. Macht nichts. So konnte ich mich erst mal ausruhen. Endlich wieder die deutsche Sprache hören und sprechen, deutsches Fernsehen und deutsches Radio. Deutsches Essen und deutsche Nachbarn. Mein Gott war ich glücklich. Mein Hamburg hatte mich wieder, und ich würde mich nicht wieder weg schicken lassen. Nie wieder.

ich weiß nicht, wie lange wir da waren. Ich weiß nur, daß es sehr sehr schön war. Ich habe gar nicht mehr an Zagreb gedacht. Wie furchtbar war dann die Eröffnung meiner Mutter, daß Zenita, Xenia und ich wieder zurück fliegen sollten. „Was? Wieder zurück nach Zagreb“? „Nein. Das mach ich nicht.“ Das hat meine Mutter überhaupt nicht verstanden. Sie würde ja bald nachkommen mit meiner Schwester. Auf meine Frage, warum sie das vor 3oder mehr Monaten gesagt, und bis jetzt nichts unternommen hat sagte sie, daß ich das doch verstehen müsse. Meine Schwester mit ihren Drogen. Da gäbe es Probleme, und es wäre etwas da zwischen gekommen. Und das war auch wieder so etwas. „Das mußt du verstehen.“ Immer dieser Satz. Den sollte ich in meinem Leben noch ganz ganz oft zu hören bekommen.

Ich überlegte, was ich denn tun könnte, um nicht mitfliegen zu müssen, aber mir ist nichts eingefallen. So schwer wog, daß ich blind war. ich glaube, da habe ich es zum ersten mal gehasst, blind zu sein, weil ich nicht einfach abhauen konnte. Ich erinnerte mich an meine Abhaupläne, die ich mit Peter und Bülent im Internat geschmiedet habe. Aber die zielten ja immer darauf ab, daß wir versuchen würden, nach Hause zu kommen. Aber von genau da wollte ich ja weg, um nicht von da weg zu müssen. Mein Gott, wie paradox… jedenfalls waren sie deshalb auch nicht umzusetzen. Ich mußte mich also in mein Schicksal fügen. Wieder ein mal.

Dies mal war der Abschied kurz und knapp, weil meine Mutter ja bald nachkommen würde, wie sie sagte. Ich war der einzige von uns dreien, der Deutsch konnte. Ich habe es ein letztes mal versucht. Ich habe sie zu einem falschen Gate geschickt. Irgend wo hin nach Griechenland. Die Stewardessen haben das aber gemerkt, und uns zum richtigen Gate geleitet. Verdammt. Es hat nicht funktioniert. Ich habe gehofft, daß wir einfach nur dieses doofe Flugzeug in die Hölle verpassen würden. Dann müsste man neu buchen, und ich hätte wieder ein par Tage mehr gewonnen. Aber es sollte nicht sein.

Wir waren also wieder in Zagreb. Von dort sollte ich mit Xenia auf eine Insel fahren, weil noch Ferien waren. Die Insel hieß Hvar. Dort war es sehr schön. Ich habe die Zeit dort genossen. Nur von meiner Mutter kam nichts. ich muß zugeben, daß ich auch ganz selten an sie gedacht habe. Es hat mich nicht gestört, daß sie sich nicht gemeldet hat, weil ich mich ablenken konnte. ich hatte mit den einheimischen Kindern sehr viel Spaß. ich begann zu hoffen, daß ich es vielleicht doch ertragen würde, für immer dort zu leben.

Und dann kam der Tag, an dem ich wieder nach Zagreb mußte. Ich habe einige Nächte bei Zenita geschlafen, und wurde dann wieder in das Internat gebracht. Und dann kam alles wieder. Dieses Kommunistentum, das furchtbare Halstuch und die Noten, die Angst, sich falsch zu verhalten, nichts für mich allein haben dürfen, trotz wöchentlicher Pakete von MEINER Mutter…

Und so begann ich, abzustumpfen. Ja. Etwas zerbrach in mir. Ich lebte einfach so vor mich hin, tat, was mir gesagt wurde. Ich wurde ein richtig braver Kommunist. Ja. Ich muß es zu meiner Schande gestehen. ich begann, mich anzupassen. Ich wurde gleichgeschaltet. Das System begann, mich zu durchsetzen, mich in sich aufzusaugen. ich spürte es, aber ich machte mir klar, daß ich, wenn ich überleben wollte, so sein mußte, wie die anderen dort. Dann würde alles gut werden. Hoffentlich…

Ich weiß nicht, wieviel Zeit seit dem vergangen ist. Irgendwann stand meine Mutter in der Schule und sagte, daß wir nach Hamburg zurück fahren. ich fragte sie, noch nicht wirklich realisierend, was sie gerade gesagt hat, warum sie nicht in Zagreb wohnen will mit meiner Schwester. Sie sagte, daß es sehr große Probleme gab, und das Geld, was für den großen Umzug vorgesehen war, weg sei. Von meiner Schwester geklaut.

Und dann endlich machte es klick. ich weiß nur noch, daß ich richtig gejubelt habe, mich gefreut habe, wie ein Schneekönig. Ich war so glücklich. Endlich konnte ich dieser Hölle entkommen. Endlich durfte ich wieder nach Hause. Durfte wieder in meine Schule. Ich konnte es kaum erwarten.

Wir fuhren zu Zenita, von wo wir einige Tage später aufbrechen wollten. Aus irgend einem Grund, den ich damals nicht verstanden habe wollte meine Mutter nicht, daß die in der Schule erfahren, daß ich nicht wiederkomme. Heute weiß ich, daß es deshalb war, weil meine Mutter die Schulgebühren nicht bezahlen konnte. Deshalb ließ sie die Schulleitung in dem Glauben, daß ich wiederkomme, wenn die Ferien, die da gerade anfingen (merkwürdiger Zufall) vorbei sind.

Ich saß also bei Zenita in der Wohnung und ließ alles noch mal an mir vorüber ziehen.

Es war einige Wochen zuvor. Da kam die Armee in die Schule, um den Kindern Maschinengewehre und andere Waffen zu zeigen. Sie sagten, daß es wohl bald Krieg geben würde. ich hab es nicht richtig verstanden. Sie sagten irgend etwas von Serben und Kroaten, die sich aber nicht bekriegen durften, weil die Serben es doch nur gut meinten, wenn sie die Leitung von ganz Jugoslawien in Belgrad hätten. „Ja. Ihr seid Kroaten, aber die Serben dürft ihr nicht bekämpfen. Sie meinen es nur gut mit euch. Seid gute Kommunisten und lasst es.“ Solche Worte und anderes Gerede, daß ich nicht richtig begriffen habe. Das war alles nichts für mich.Ich war Hamburger. nein… Ich war Kroate. oder Jugoslawe? Kommunist? Serbe? Verdammt. Ich wußte es nicht. Mir war das alles zuviel. „Ruhig bleiben. Ganz ruhig. Du weißt. Mach einfach mit und fall nicht auf. Du bist doch ein guter Kommunist.“

Dann kam endlich der Abflug zurück nach Hause. Nur meine Mutter und ich. Wir kamen in Hamburg an, schlossen die Tür auf, und kein kleffender Pascha war da. Er wäre tot, sagte sie. Es war mir egal. Endlich ohne dieses Mistvieh. Nur die Wohnung war so merkwürdig leer. Ich fragte meine Mutter, wo denn die ganzen Sachen wären. Die Möbel, die Schränke, der Teppich… Es war nur noch die Couch da, und ein Wohnzimmertisch. Und im Schlafzimmer ein Bett, in dem meine Mutter und ich schlafen sollten, bis ich wieder ins Internat kann.

Waaaas? Schon wieder ins Internat? Ich war so froh, daß ich wieder zu hause in meinem Hamburg war, daß ich gar nicht mehr an irgend welche Internate gedacht habe. „Ja“, sagte sie. „Da hast du doch deine Freunde. Dir wird es da gut gehen.“ Oh Gott. Jetzt darf ich mir wieder alles von vorne aufbauen. Meine Machtposition, und wieder nur alles für alle von meiner Mutter, wieder Streit mit meiner Schwester an den Wochenenden, bloß schnell genug das Taschengeld ausgeben… In mir überschlug sich alles. Es zerbrach wieder etwas in mir. Es war zwar der gewohnte Zustand, aber ich fühlte mich irgendwie nirgends gewollt und aufgehoben. Ich wollte doch nur etwas Geborgenheit…

Und dann erfuhr ich von meiner Mutter den Grund, weshalb das Geld für den Umzug weg, und die Wohnung so leer war.

Meine Mutter hat manchmal schwarz in einer Kneipe Nachtschicht gehabt. Von dort ging sie morgens nach Hause. Es war da noch dunkel. Unter dem Teppich im Schlafzimmer hatte sie 20000 Mark versteckt, die sie für den Umzug brauchte. Das wußte meine Schwester wohl. Vielleicht nicht, wo das Geld lag, aber, daß es im haus war. Meine Mutter lief also eines Morgens nach hause, und dort lauerten ihr irgend welche Zigeuner auf, überfielen sie, schlugen sie nieder und nahmen ihr den Schlüssel ab. meine Mutter kam mit einer schweren Kopfverletzung ins Krankenhaus. Inzwischen räumte meine Schwester mit ihren neuen Zigeunerfreunden die Wohnung aus. Alles nahm sie mit. Sie hatten irgendwie ein großes Auto dabei. irgendwann haben sie auch das Geld gefunden. Meine Mutter erzählte mir, daß sie nicht wußte, was sie tun sollte. Sie hat meine Schwester überall gesucht. Sogar die Kriminalpolizei wurde eingeschaltet. Es half alles nichts. Meine Schwester blieb verschwunden.

Irgendwann rief meine Schwester, das Telefon hat sie meiner Mutter gelassen, ganz reumütig bei meiner Mutter an und erzählte ihr, daß ihre neuen Zigeunerfreunde sie in der Nähe von Osnabrück aus dem Auto geschmissen hätten. Sie wollten eigentlich alles gerecht teilen. Meine Schwester zog wohl den kürzeren. Jedenfalls war Mama dann wieder gut genug. Und was macht diese Supermama? Zieht ganz ganz schnell die Anzeige bei der Polizei zurück, und rafft ihr letztes Geld zusammen, um meiner Schwester eine Fahrkarte zu kaufen, damit sie auch sicher nach Hause kommen kann. Meine Mutter hat ihr einfach so vergeben. Meine Schwester hat natürlich geschworen, ganz ehrlich sogar, daß sie so etwas nie wieder tun würde. Meine Mutter hat nicht mal mit ihr geschimpft. Morgen käme sie. Deshalb müsste ich auch morgen gleich ins Internat zurück, weil meine Schwester Ruhe bräuchte. „Das mußt du verstehen.“ Da war er wieder, dieser Satz, den ich immer mehr hasste.

Und ich wußte, es war noch lange nicht vorbei. Noch lange nicht.

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Teil 3. Aufbruch ins Unbekannte


Das Internat nannte sich „Blindenjugendheim Hamburg“ und war für alle da, die blind oder sehbehindert waren, und deren Eltern sich nicht um das Kind kümmern konnten, oder zu weit weg wohnten, weil es nicht in jedem Ort eine Blindenschule gibt, und Integrationsklassen damals noch nicht so verbreitet waren. Ich kam auf die Gruppe 1. Ich war glaub ich 6 oder 7. Aber ich glaube eher 6. Jedenfalls waren da noch andere Kinder, die auch in meinem Alter waren. Mit zweien freundete ich mich gleich an. Peter und Bülent. Die beiden haben mir gleich gefallen. Bülent wohnte in Neumünster, was etwas weit von Hamburg weg war, und Peter in Heide Holstein. Ich wohnte hingegen nur 30 Minuten von dem Internet entfernt. Das hat mir schmerzhaft deutlich gemacht, daß ich aus irgend welchen Gründen zu Hause nicht erwünscht war. Warum auch immer. In meiner Klasse waren alle Kinder solche, die jeden Morgen mit dem Schulbus zur Schule gefahren wurden und viele von denen hatten auch allein erziehende Mütter. ich machte mir so meine Gedanken. Warum ging das bei mir nicht? Warum mußte ich im Internat wohnen, wo doch meine Mutter mit meiner Schwester in der Wohnung wohnte?
Zu dieser Zeit entwickelte sich meine Schwester zu einer sehr merkwürdigen Person. Sie hat damals schon, also mit 12 Jahren angefangen, hinter Mülltonnen zu rauchen. Ja, sie gehörte noch zu der Generation Jugendlicher, die sich versteckt haben. 🙂 Dann so 2 Jahre später fing sie dann mit den härteren Sachen an. Hash und Gras waren da eher harmlos. Irgendwann ging es dann auch mit Medikamenten los. Heute weiß ich, daß das Drogenproblem meiner Schwester wohl ein Grund dafür war, daß ich nicht zu Hause sein durfte. Allerdings hätte ich mir von meiner Mutter gewünscht, daß sie mich nicht ständig weg gegeben hätte. Aber man kann sich seine Situation gerade als Kind nicht, oder sehr selten aussuchen. Gut. Es war so, und ich fing an, mich damit abzufinden. Ich wollte nicht aufgeben. ich wollte den Kopf nicht in den Sand stecken. Also versuchte ich, das beste aus meiner Situation zu machen.
Ich hatte passender weise ein Dreibettzimmer mit Peter und Bülent in dem Internat. Nicht selten verbrachten wir ganze Nächte damit, Abhaupläne zu schmieden. Wir haben sie nie umgesetzt, aber es hat Spaß gemacht, sich die Situationen vorzustellen und diese auszuschmücken. So fing ich dann an, innerlich zum Rebell zu werden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich im linken Auge sehr oft Schmerzen. Und irgendwann ergab es sich, daß es mir entfernt werden mußte. Das rechte Auge wurde mir schon im Kleinkindalter entfernt. Aber daran kann ich mich nicht erinnern, weshalb ich dazu auch nicht viel schreiben kann. Als ich das letzte mal vor der OP am linken Auge sehr große Schmerzen hatte, glaubte man mir im Internat nicht. Ich lief also heimlich zu der Telefonzelle, die im Erdgeschoss des Treppenhauses in der Halle war, um meine Mutter anzurufen. Sie kam auch gleich vorbei, und hat tierischen Alarm gemacht. Da war sie dann wieder meine Heldin, die mich verteidigt hat. Wir fuhren ins Krankenhaus Eppendorf, und dort sagte man ihr, daß mein Auge demnächst entfernt werden müsste, und daß ich dann, genau wie auf der rechten Seite eine Prothese bekommen würde. Mich hat das nicht gestört, weil das rechte Auge ja nicht weh tat, also war das völlig ok für mich.
ich kam also ins Krankenhaus. Dort war auf der Kinderstation ein 8-Bett-Zimmer glaub ich. Das war ein echt großer Bahnhof. Jeden Morgen Schmierseife auf dem Boden verteilen und drauf rum rutschen und so weiter. 🙂 Die Schwestern fanden das nicht gerade gut, aber vielleicht fanden wir es gerade deshalb noch besser. 🙂 Die Zeit nach der OP war für mich sehr schmerzhaft. Aber es tat gut, die ganzen anderen Kinder um mich rum zu haben. So konnte ich mich etwas ablenken. Und meine Mutter kam auch jeden Tag vorbei. Da war noch die italienische Mutter eines der Kinder. Beide brachten immer eine große Pizza mit. Die war dann immer innerhalb von 3 Minuten alle. 😉 Das war ein Spaß. Aber der Ernst sollte schon bald wieder die Oberhand gewinnen. Mehr, als ich dachte.
Ich kam also irgendwann wieder aus dem Krankenhaus raus. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie hatte ich die Hoffnung, daß jetzt alles gut werden würde, und ich endlich nach Hause kann. Aber nichts da. Ich kam aus dem Krankenhaus, und durfte gleich wieder in das Internat gehen. Ich hätte mir wohl keine Hoffnungen machen sollen. Vielleicht wäre es dann weniger schmerzvoll für mich gewesen.
Das Leben im Internat war ganz anders als das Leben im Säuglingsheim. Es war viel rauer und härter. Ich mußte um jedes einzelne Recht kämpfen. Die Wochenendregel, daß ich dann nach Hause kann, ist geblieben. Aber auch dort hatte ich keine Ruhe, weil da ja meine Schwester war, die immer noch so gemein zu mir war. Ich bekam 2 Mark Taschengeld die Woche. Und immer wenn ich es nicht rechtzeitig ausgegeben habe, und etwas davon nach Hause mit brachte, wurde es mir abgenommen. Nicht selten mit der üblichen Prügel von meiner Schwester.
So liefen die Wochen und Monate weiter, und es änderte sich nichts für mich. Ich fing ganz langsam an, mir eine „Machtposition“ auf meiner Gruppe zu erarbeiten. Ein Großer Vorteil war, daß meine Mutter mehrmals die Woche vorbei kam, und ALLEN etwas mit brachte. So hatte ich immer Freunde und durfte diktieren. man mußte sich ja gutstellen mit mir. Und doch war da wieder diese Unzufriedenheit. Was war es diesmal? Ganz einfach. Es war die Tatsache, daß meine Mutter mich nicht zu Hause haben wollte, aber mehrmals in einer 5-Tage-Woche (Montags bis Freitags) für mehrere Stunden zu mir kommen konnte. Das ging. Aber mich bei sich haben, das ging nicht. Und dann noch, daß sie immer ALLEN etwas mitbrachte, aber nie oder ganz selten mir ganz allein. Und wenn ich etwas für mich allein hatte, wurde mir von den Erziehern ganz vorsichtig beigebracht, daß das nicht fair den anderen gegenüber sei, wenn ich demonstriere, daß die anderen „das“ nicht abhaben durften. Also verlor ich das auch sehr schnell.
Zur Erklärung: Meine Mutter ist ja Kroatin, was damals noch Jugoslawien war. Dort herrschten die Kommunisten, und das hat natürlich auch auf meine Mutter abgefärbt. Trotz der Tatsache, daß sie in Deutschland lebte, war das irgendwie tief in ihr drin. Trotzdem passte es nicht in mein Lebensbild. Ich brauchte das Gefühl, etwas für mich ganz ganz alleine haben zu können. Gerade weil ich ständig von Menschen umgeben war, die das auch für sich so halten konnten. Aber ich durfte nicht, ich konnte nicht. Alles was von meiner Mutter kam, war immer für alle da. Aber nie allein für mich. Vielleicht ganz selten. Aber das war eher schädlich für mich, weil ich wußte, daß das zu meiner Besänftigung diente.
Irgendwann nahm mich meiner Mutter zur Seite und eröffnete mir, daß wir nach Zagreb in Jugoslawien ziehen würden, und ich dort in eine neue Schule gehen sollte. ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, was das für mich bedeutete. Ein Totalzusammenbruch meiner bisherigen Welt. So schlimm sie auch bisher war, ich habe mich doch an sie gewöhnt. Und nun sollte das alles nicht mehr sein? „Nein. Das darf doch nicht wahr sein. Wofür kämpfe ich dann noch…“
Es war also beschlossene Sache, und ich hatte mich zu fügen. ich konnte die Sprache kaum sprechen, und nun sollte ich für immer dort hin? Oh mein Gott…
Irgendwann kam dann der große abschied. Fast die ganze Gruppe aus meinem Internat kam mit zum Flughafen. Immer wieder haben die Erzieher versucht, auf meine Mutter einzureden. Aber von meiner Mutter kam zusammengefasst nur „Scheiß Deutschland.“ Gut, dachte ich. Wenigstens hab ich dann ein zu hause mit meiner Mutter.
Wir landeten also in Zagreb, und dort war alles anders. Diese typische Südländermentalität, mit der ich gar nicht so richtig klar kam. ich bin immer hamburger gewesen, dort geboren, dort aufgewachsen. Diese Umstellung war mir einfach zuviel. Ich war 7 oder so. Ich habe das alles gar nicht richtig verstanden. Merkwürdig fand ich es nur, daß meine Schwester nicht dabei war. Aber ich habe auch nicht gefragt, weil ich keine schlafenden Hunde wecken wollte. Schließlich hatte ich ganze 10 Mark. Und ich hatte meine Mutter. 10 Mark waren damals richtig viel für mich. Die wollte ich nicht verlieren.
Wir wohnten bei einer Frau, die Zenita oder so hieß. Eines Tages nahm meine Mutter mich erneut zur Seite und sagte mir, daß wir jetzt in die neue Schule gehen würden. Dort wäre auch ein sehr schönes Internat und…. „Was? Ein Internat? Schon wieder?“ In mir brach erneut alles zusammen. Nicht zu Hause wohnen? Nicht mit meiner Mutter? „Gut, daß sie bei Zenita sein würde. So konnte ich damit rechnen, daß sie jede Woche…“ Hah. Weit gefehlt. Sie eröffnete mir, daß sie zurück nach Deutschland gehen würde, um dort den ganzen Umzug komplett zu machen und meine Schwester zu holen. Dann würden wir in eine Wohnung ziehen, und alles würde gut werden. Es würde auch nicht lange dauern. „Na mal sehen“ dachte ich.
Ich ging also in die neue Schule, mit meiner Mutter an meiner Seite. Dort war alles ganz anders, als in dem Internat in Hamburg. Ein 6-Bett-Zimmer mit Doppelstockbetten. Dort wollte man, daß die gesamte Schulklasse zusammen bleibt. Also praktisch den ganzen Tag über. Denn dort hört die Schule erst gegen frühen Abend auf. Also so gegen 5. Aber danach hatte man auch keinen Abstand, weil die Klasse, also der Jungenteil natürlich ewig zusammen gehalten wird. Bei den Mädchen sind die Schlafräume auch mit den Klassenzusammensetzungen bestückt gewesen.
Das erste, was mir dort abgenommen wurde, waren meine 10 Mark. Damit solle ich doch der gesamten Klasse etwas gutes tun. Man würde das Geld für mich tauschen und davon etwas schönes für die ganze Klasse kaufen. Und da ist wieder etwas in mir zusammengebrochen. Ich lernte ziemlich schnell, daß dort die Kommunisten noch stärker vertreten waren, als es in Hamburg der Fall war. Dort war es ja „nur“ meine Mutter. Aber dort waren alle kommunistisch. Leicht hatte ich es ohnehin nicht. Ich mußte die Sprache lernen, mit dem kommunistischen System klar kommen, immer dieses furchtbare Halstuch der Pioniere tragen, den Knoten richtig machen, und dann auch morgens immer diese Rituale. „Die Klasse soundso meldet sich vollständig zum Unterricht bereit“ und dergleichen mehr. Und auch das Essen dort war so gar nicht mein Ding. Ganz abgesehen davon, daß ich es albern fand, daß wir, genau wie morgens in der Klasse, immer bevor wir in den Speisesaal durften, ein Lied singen mußten. Und dann auch solche Dinge wie, daß wir das Papier doch bitte beidseitig bedrucken sollten, und nie den Schultisch mit zu viel leeren Blättern füllen durften und solcher Dinge mehr. Und auch das Notensystem. 1 war das schlechteste und 5 das beste. Jeder, der eine 1 in irgend etwas hatte, durfte ohne Abendbrot ins Bett. Und Verhalten oder Betragen wurde dort auch benotet. Man hatte also auch außerhalb des Unterrichtes nie wirklich Ruhe, weil man immer aufpassen mußte, daß man nicht angekackt wird.
Meine Mutter ist am selben Tag, an dem sie mich da hin gebracht hat, wieder nach Deutschland zurück gegangen. Glaubte ich am Anfang noch, daß ich wenigstens an den Wochenenden zu dieser Zenita durfte, wurde ich sehr sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geworfen. Auch an den Wochenenden mußte ich im Internat bleiben. Zwar gab es keinen Unterricht, aber trotzdem. es war alles nicht wirklich meine Welt. Meine Freunde waren weg, meine Mutter war weg, ich war in einer Gegend, die ich gar nicht mochte, und immer diese kommunistisch geprägte Gleichschaltung. Mein Gott. Ich habe dieses System richtig hassen gelernt.
Inzwischen sind so rund 3 Monate vergangen gewesen. Fast jede Woche kam ein großes Paket aus Deutschland von meiner Mutter mit vielen leckeren Sachen drin. Natürlich alles für alle. Wieder nichts für mich allein. Nicht ein mal ein Anruf von meiner Mutter war gekommen. Die ganze Zeit über nicht. Nicht mal ein Brief an mich, den man mir vorlesen könnte. Ich begann zu merken, wie es sich anfühlt, richtig richtig allein zu sein.
Dann irgendwann ergab es sich, daß Zenita in der Schule auftauchte, und mir eröffnete, daß ich mal zu ihr kommen könne. Schön, dachte ich. Aber nix da. Nächstenliebe war es nicht. Es waren Ferien, und die Schule macht da dicht. Also wohnte ich bei Zenita. Sie sagte mir eines Tages, daß ich mit ihr und noch einer anderen Xenia nach Deutschland fliegen kann und wir alle meine Mutter besuchen würden. Mein Gott war ich froh. Endlich wieder nach Deutschland. Endlich wieder mein geliebtes Hamburg.
Und dann waren wir da. Ich nahm mir ganz fest vor, mich nicht wieder weg schicken zu lassen. Aber auch hier zeigte sich wieder ganz schnell, daß ich mich verrechnet habe.