6. Teil: Das Bauernsöhnchen, Bauer Piepenbrink und der Dorfjunge


Ich lebte also auf der Gruppe E. Ich kam wunderbar mit den Erzieherinnen und den anderen aus. Nur mit Hanno hatte ich so meine Probleme. Reiner war ja noch nicht da. Dann sollte alles nur noch schlimmer werden. Aber davon wußte ich ja noch nichts. Gott sei Dank…
Mit Hanno in einem Zimmer wohnen zu müssen war schon eine Herausforderung, vor der ich mich gern gedrückt hätte. Es dauerte nicht lange, und ich kannte bald jede einzelne Vorstellung von Bauer Piepenbrink. Mein Gott, wie ich dieses Mist zeug gehasst habe… Aber es gab kein entkommen. Abends immer vor dem Einschlafen mußte ich mir das anhören. Immer wieder und wieder. Und dann dieses dummbäuerliche glucksen, daß Hanno immer von sich gab. Aber wehe ich beschwerte mich. Dann hatte ich immer ruck zuck einen in der Schnauze. Irgendwann erkannte ich, daß das keinen Sinn haben würde. Und so redete oder sang mich der bekloppte Piepenbrink in den Schlaf. Oder er weckte mich.
Hanno entwickelte sich immer mehr zu einem Hassobjekt der höchsten Kategorie. Ich sprach auch mit den Erzieherinnen darüber. Aber sie sagten nur, daß Hanno es ja auch so schwer hätte wegen verschiedener Dinge, und ich verstehen müsse, daß man ihm das wenigstens lassen sollte.
Und da war es wieder. Das verstehen. Immer ich… Aber keiner konnte oder wollte verstehen, daß ich auch mal meine Ruhe wollte oder was zu sagen haben wollte.
Irgendwann fing ich an, Hanno Streiche zu spielen. ich zerschnitt nachts, wenn ich wegen seinem geschnarche nicht schlafen konnte seine Tagesdecke oder machte sonst etwas kaputt, was ihm gehörte. Das kam natürlich irgendwann raus und ich mußte alles ersetzen. naja, meine Mutter mußte es. Und die war natürlich voll dabei. Aber ich habe weder von ihr, noch von Hanno oder gar von den Erzieherinnen ernsthaften Ärger gekriegt. Gewundert hat es mich schon damals, und verstanden hab ich es bis heute nicht.
Und dann kam Reiner. Reiner war ein Dorfjunge aus Niedersachsen in der Nähe von Stade. Der war fast noch schlimmer als Hanno. Zwar nicht ganz so fett wie das Bauernsöhnchen, aber mindestens so tumb.
OK, den Piepenbrink fand er auch scheiße, weshalb Hanno das dann etwas eingestellt hat, aber dafür durfte man ihm dann beim reden zuhören, wenn er von irgend welchen Dorfmädchen erzählte, oder davon, wie er in der Garage heimlich gesoffen hat und anderen aufs Maul gehauen hat und so weiter und so weiter. Eben ein richtiger Angeber vom Dorf. Ein Trottel. Aber, und das muß man hier auch ganz deutlich sagen, sehr gefährlich. man darf solche Dorftrottel nicht unterschätzen. Und Reiner war Gefährlich. Ein falsches Wort in der falschen Situation, und du hattest einen Seitenschwinger gegen das Kinn gekriegt und lagst dann da. Das einzige, worüber du dich dann freuen konntest war, daß er nicht noch nachgetreten hat. und ich spreche da leider aus Erfahrung. Jedenfalls war mir von dem Moment an klar, daß sich einiges für mich verändert hat. Und das nicht zum guten.
Und so zogen sich die Monate. Oder war es ein Jahr? Ich weiß es wirklich nicht mehr genau.
Dann irgendwann, es war wieder eines der Wochenenden, an denen ich nach Hause durfte, stellte meine Mutter mir ihren neuen vor. Ja. Meine Mutter hatte tatsächlich einen neuen. Das kann man sich als Kind gar nicht richtig vorstellen. Der letzte den sie hatte, war ein alter Oberfranke. Den hat sie dann aber irgendwie nicht mehr getroffen. Das war noch vor meiner Zeit in Zagreb. ich habe nicht über ihn geschrieben, weil ich wenig von ihm mitbekommen habe.
Also meine Mutter stellte mir ihren neuen vor. Er war Bosnier und hieß Djordje oder so. Das war ein großer breiter Schrank mit einer sanft-weichen Stimme.
Und ich wußte, daß jetzt alles noch viel viel schlimmer werden würde. Ich ahnte damals noch nicht, wie richtig ich mit meiner Vorahnung lag…
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